Rudi Assauer hat Alzheimer Mehr als eine Krankheit

Der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer macht in seiner Autobiographie seine Alzheimer-Erkrankung öffentlich - und führt uns damit vor Augen, dass diese Krankheit jeden treffen kann. Das ist wichtig, denn die Gesellschaft ignoriert die Erkrankung, für die es bis heute kein Heilmittel gibt, noch immer. Aus Angst.

Ein Kommentar von Charlotte Frank

Definiert man Männlichkeit einmal ganz klassisch, entlang der Ideale Fußball, Frauen und Zigarren, so war der Schalke-Manager Rudi Assauer Zeit seines öffentlichen Wirkens wohl das, was viele Deutsche unter einem "echten Mann" verstehen: Einer, der Kraft und Sportlichkeit ausstrahlte, der sich mit schönen Frauen umgab, der sein Macho-Image vor sich hertrug und verbal kräftig zulangen konnte. In dieses Bild passt kaum, was dieser Tage über Assauer zu lesen ist: Ausgerechnet er leidet unter Alzheimer.

Darüber schreibt Assauer in seiner Autobiographie, die schon vor ihrem Erscheinen an diesem Donnerstag viel Aufsehen erregt hat - und das wohl weniger, weil sich die Deutschen plötzlich so sehr für einen alternden Fußballmanager interessieren, als deshalb, weil Assauers Drama ihnen in aller Härte vor Augen führt: Diese Krankheit kann jeden treffen. Selbst die ganz Starken, selbst die ganz Reichen. Niemand ist vor Alzheimer sicher. Und niemand weiß, wie man sich davor schützt.

Deshalb schauen die Deutschen am liebsten weg von der Krankheit, wenden sich mit Gruseln ab - und wenn sie alle paar Jahre doch gezwungen werden hinzuschauen, weil ein Rudi Assauer erkrankt oder ein Gunter Sachs oder Walter Jens, dann reagieren sie schockiert - als wären nicht längst mehr als 1,3 Millionen Deutsche von Alzheimer und anderen Formen der Demenz betroffen; als wüsste nicht jeder, dass nur Hinschauen hilft, um diesen Menschen zu helfen.

Doch zum Hinschauen reicht oft der Mut nicht: denn Alzheimer ist in der Wahrnehmung der Deutschen längst mehr als eine Krankheit. Es ist die Summe aller Horrorvorstellungen, die wir uns vom Alter ausmalen: eine Addition aus Hilfsbedürftigkeit, Einsamkeit und Windeln, aus Furcht davor, ohne Hose durchs Treppenhaus zu irren, davor, im eigenen Bett fixiert zu werden, davor, abhängig zu sein und ertragen statt geliebt zu werden. Alzheimer ist zu einem Synonym geworden für die Urangst, das Letzte zu verlieren, was uns im Leben bleibt: das eigene Ich.

Und wie um diese Machtlosigkeit noch zu persiflieren, gibt es bis heute keine Arznei, die Alzheimer heilen könnte. Keine Impfung vermag die Krankheit zu verhindern, kein tägliches Kreuzworträtsel-Lösen oder Gehirnjogging. Heißt es am einen Tag, Vitamine seien die beste Vorbeugung, so wird am nächsten Tag möglichst viel Bewegung oder möglichst wenig Chemie als Mittel der Wahl gepriesen.