#RegrettingMotherhood "Wir brauchen Mütter, die ihre Grenzen kennen"

Sich aufopfern bis es nicht mehr geht: Manche Mütter geben so viel, dass sie am Ende bereuen, Kinder zu haben (Symbolbild).

(Foto: Francesca Schellhaas / photocase)

Manche Mutter reibt sich so lange auf, bis am Ende nur noch der Wunsch bleibt, nie Kinder bekommen zu haben. Ein Gespräch mit Soziologin Christina Mundlos über gesellschaftliche Ansprüche, Selbstversklavung und ein neues Mutterbild.

Von Violetta Simon

Nicht jede Mutter empfindet ihre Mutterrolle als Glück. Laut einer Studie bereut manche ihre Entscheidung für Kinder sogar. Diese Frauen sind keine Rabenmütter, sagt Soziologin Christina Mundlos. Im Gegenteil: Viele von ihnen würden ihre eigenen Bedürfnisse derart verdrängen, dass am Ende nichts von ihnen übrigbleibe als der Wunsch, nie Kinder bekommen zu haben. Dabei wäre die Misere zu verhindern, erklärt die zweifache Mutter und Expertin für Geschlechter- und Familienforschung. Die Autorin des Buches "Mütterterror" fordert ein neues Mutterbild, in dem es nicht mehr erwünscht ist, einer "Supermutti" zu entsprechen.

Laut einer wissenschaftlichen Studie der Universität Tel Aviv bereuen manche Frauen ihre Entscheidung, Kinder bekommen zu haben. Was könnte da passiert sein?

Viele Frauen sehen sich außerstande, die Anforderungen der Mutterrolle von sich zu weisen. Sie sind erschöpft, können irgendwann nicht mehr und kommen an einen Punkt, wo sie sich sagen: "Wenn ich mich so schlecht damit fühle, dann muss ich mich davon lösen."

Viele haben einen Partner, unproblematische Kinder, einen Job, eine gesicherte Existenz - und bereuen es dennoch, Mutter zu sein. Wie ist das zu erklären?

Die Soziologin Elisabeth Gernsheim hat dieses ambivalente Gefühl einmal sinngemäß so beschrieben: "Ich liebe mein Kind und würde mich vor einen LKW werfen, um sein Leben zu retten. Aber ich hasse mein Kind auch, denn es hat mein Leben zerstört."

Wie kann eine Mutter ihr Kind oder das Muttersein überhaupt hassen, ist das eine Art genetischer Defekt? Oder vergleichbar mit einer Depression?

Wir gehen davon aus, dass gesunde Frauen ihre Mutterrolle als Glück empfinden. Es hat für mich eine tragische Komik, wenn man annimmt, dass mit Müttern, die ihre Mutterschaft ablehnen, gesundheitlich etwas nicht stimme. Wer es auf Dauer nicht schafft, sich Hilfe zu holen und zu entlasten, den macht das natürlich psychisch krank. Die Depression wäre - wenn überhaupt - wohl eher das Ergebnis, das am Ende steht.

Dann müsste der Satz von Soziologin Gernsheim also eigentlich lauten: Ich habe mir mein Leben zerstören lassen?

Wenn man so will: ja. Die Unfähigkeit, seine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen, ist in der Gesellschaft verbreitet. Erschöpfungszustände und Burn-out beobachten wir auch bei Männern - Frauen sind jedoch besonders anfällig, weil sie bereits in der Kindheit gelernt haben, sich zurückzunehmen.

Als Reaktion auf die Studie beklagen viele, dass sich ihr Leben nur ums Kind drehe. Die Mutter einer Fünfjährigen erzählt, sie müsse wegen der Tochter auf Kaffeepausen, Umzug und Wunschjob verzichten. Das klingt, als wäre sie eine Gefangene.

Die Mütter, von denen Sie sprechen, haben sehr hohe Anforderungen an sich und übernehmen die gesellschaftlichen Erwartungen eins zu eins. Sie können es nicht mit ihrem Selbstbild vereinbaren, ihre auferlegte Rolle abzulehnen und ihre Mutterschaft nach eigenen Bedürfnissen und Kräften auszurichten.

Gab es etwas Vergleichbares wie das Internet-Phänomen #regrettingmotherhood schon früher?

Das Gefühl der Unzufriedenheit an sich ist nicht neu: Bereits in den Siebzigerjahren wurde kritisiert, dass Mütter immer zur Verfügung stehen müssen. Viele waren erschöpft, bekamen vom Arzt Valium verschrieben - in den USA deshalb unter der Bezeichnung "Mother's little helper" bekannt - , um die Belastung durchzustehen. Neu sind jedoch die Erwartungen, von außen und an sich selbst. Heute versuchen immer mehr Frauen, berufstätig und die perfekte Mutter zu sein, machen weder beim Job noch bei den Kindern Abstriche. Im Gegenteil: Die Ansprüche an arbeitende Mütter sind enorm gestiegen - ein Problem, das inzwischen eine breitere Masse betrifft.

Was bewirkt diese Einstellung bei den Betroffenen?

Sie stehen extrem unter Druck - je höher die Ansprüche, desto schneller fühlen sich die Frauen minderwertig und haben das Gefühl, den Erwartungen nicht zu genügen. Und das in einem Umfeld, in dem man seine Not noch nicht einmal verbalisieren kann, weil dies weitere negative Reaktionen nach sich zieht.

Sie wollen ihr Leben zurück

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