Modern Farming Basilikum vom Meeresgrund

In "Nemo's Garden" baut eine italienische Familie unter Wasser Gemüse und Kräuter an.

(Foto: Mestel Safety/OceanReef)

Eine italienische Familie hat einen Unter-Wasser-Gemüsegarten angelegt. In Gewächshäusern gedeihen dort Bohnen und Kräuter. Das Projekt fasziniert Besucher aus der ganzen Welt.

Von Marten Rolff

Es ist schwer vorstellbar, dass irgendjemand ausgerechnet Noli mit dem Anbau von Salat, Bohnen oder Zucchini in Verbindung brächte. Der Badeort an Liguriens Riviera wirkt, als hätte ihn ein Landschaftsmaler am Fuß der Berge platziert. Zur Hochsaison bummeln gut gelaunte Menschen durch die Gassen der Altstadt und über die von Oleander gesäumte Meerespromenade. Am Strand stehen Liegen und Sonnenschirme so dicht an dicht, dass man sich zum Wasser regelrecht vorarbeiten muss. Und wer dann hinausschwimmt in die azurblaue Bucht, der käme nicht im Traum darauf, dass unter ihm, fest verankert auf dem Meeresgrund, Italiens spannendster Gemüsegarten liegt.

Luca Gamberini wartet etwas abseits der Strandbar und winkt, damit man ihn unter den vielen Badegästen auch ausmachen kann. Und natürlich wirkt der 32-Jährige nicht wie ein Gärtner. Eher wie ein Surfer - halblange, vom Salzwasser gebleichte Haare, gebräunter Oberkörper, sonnengelbe Bermudas. Gamberini grinst zur Begrüßung; auch, weil er längst weiß, was jetzt kommt. Schließlich reisen Menschen aus aller Welt an, um sich sein Gemüseprojekt anzusehen, die Washington Post war da, Wissenschaftler, mögliche Investoren, das italienische Fernsehen sowieso. An einem Tag musste Luca Gamberini einmal 17 Interviews geben. Er kennt also die Überraschung der Besucher bei der Ankunft, ihre fragenden Blicke, ob sie hier richtig sind. Was, an diesem Touristenstrand wird Basilikum angebaut? Unter Wasser?

Luca Gamberini nach einem Tauchgang. Der Unter-Wasser-Garten ist sein Projekt.

(Foto: Marten Rolff/oh)

"Schön, dass Sie da sind", sagt Gamberini dann und schiebt den Besucher vorbei an hölzernen Umkleidekabinen, die sich hier bis zum Ufer reihen. Er öffnet den letzten Verschlag und deutet ins Innere: vier Quadratmeter, darin nur ein Hocker und ein Tisch, die Bretterwände hängen voll mit Monitoren, Mikros und Reglerarmaturen, durchs Fenster sieht man auf das Ligurische Meer. "Unsere Überwachungsstation", erklärt er und grinst wieder. "Oder einfach das schönste Büro der Welt." Dann deutet er auf vier Bojen, die 50 Meter vor der Küste ein etwa 100 Quadratmeter großes Feld markieren: "Dort drüben, acht Meter unter der Oberfläche, liegt Nemo's Garden."

Der Garten der Gamberinis besteht aus sechs halbkugelförmigen Gewächshäusern aus Leichtbaukunststoff, von denen jedes mit 24 Eisenketten und Gewichten auf dem Grund gehalten wird. Diese sogenannten Biosphären schließen unter Wasser Luft ein, an der Unterseite sind sie offen und nur für Taucher zu erreichen. Drinnen gedeiht erstaunlich viel: Bohnen und Kräuter, Zucchini, Salat, Blumen, Erdbeeren und bald, so hoffen sie, Tomaten. Es ist ein Projekt, das bei den meisten Gästen zwei widerstreitende Reaktionen zugleich auslöse, wie Luca Gamberini sagt: Skepsis wegen des Aufwands und Euphorie wegen der Möglichkeiten, die sich hier auftun.

Denn der Gemüseanbau in Luftblasen am Meeresgrund scheint einige geradezu bestechende Vorteile zu bieten: Er funktioniert so gut wie ohne Zufuhr von Wasser und Energie: Die Sonne hat hier unten noch mehr als die Hälfte ihrer Kraft. Sie ermöglicht Fotosynthese und hält die Temperatur in den Biosphären relativ konstant, bei 18 Grad im Winter und bis zu 32 Grad im Sommer. In der Wärme verdunstet Meerwasser, das dabei seinen Salzgehalt verliert und als Kondensat für die Versorgung der Pflanzen genutzt wird. Mangels Schädlingen erübrigt sich hier unten der Einsatz von Pestiziden. Zudem experimentieren die Gamberinis mit der Herstellung von Biodünger - aus Algen, die sich an Hanfseilen im Meer sammeln lassen. Sollte auch das gelingen, dann wären die Biosphären autark.

Es ist also kein Wunder, dass diese Anlage die Fantasie beflügelt. Dass Nemo's Garden auf der Weltausstellung in Mailand vorgestellt wurde oder das Frankfurter Zukunftsinstitut das Projekt in seinem aktuellen Bericht über Ernährungstrends rühmt. Tatsächlich berührt der Meeresgarten von Noli ja einige Kernfragen, mögen diese in der ligurischen Sonne vis-à-vis der planschenden Touristen auch weit weg wirken: Wie ernährt man eine Weltbevölkerung, die sich auf die acht Milliarden zubewegt? Angesichts ausgelaugter Böden, zunehmender Erosion, Versteppung und Wassermangels? Luca Gamberini sagt, man könne ja zusehen, wie alles aus den Fugen gerate. Wie in Texas Städte im Hurrikan-Regen versinken, während "Italien in diesem Jahr die schlimmste Dürre hatte, an die wir uns erinnern. In Rom wurde das Wasser rationiert, die Ernteausfälle sind riesig."

Drinnen im Garten

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Forscher glauben, dass Ozeane für die Ernährung immer wichtiger werden

Angesichts solcher Bedingungen gehe es nicht darum, ob, sondern "wie lange uns die konventionelle Landwirtschaft noch ernähren kann. Zehn Jahre? Oder doch noch 20?" Mögliche Antworten auf die Probleme gibt es unübersichtlich viele. Und bei der weltweiten Suche nach der Farm der Zukunft spielen jetzt oft Meere und Metropolen eine Rolle: In den USA wachsen urbane "Aerofarmen" in die Höhe, die auf vertikalen Gemüseanbau, Nährstofflösungen und LED-gestützte Fotosynthese setzen. Ihnen wird ein Milliardenmarkt vorhergesagt.

Forscher der norwegischen Regierung arbeiten an der Perfektion der Aquakultur und predigen, dass die Ozeane, ob mit der Zucht von Fischen oder Pflanzen, eine völlig neue Bedeutung für unsere Ernährung haben werden. Und in Städten wie in Berlin hat man Erfolg mit Aquaponik - ein Kreislaufsystem, das Gewächshäuser mit Aquarien, Gemüse- mit Fischzucht verbindet.

Eine Unterwasserzucht für Kräuter und Gemüse aber gibt es nur in Noli. Und wenn der Garten der Gamberinis hervorsticht unter der Vielzahl an Projekten, dann auch deshalb, weil er beweist, wie wenig es braucht, um innovativ zu sein. Wie weit man kommen kann, mit der Lust am Experiment, Hartnäckigkeit und einer interessanten Idee. Einer Idee, die zugespitzt formuliert "in einer Weinlaune" entstanden ist, wie Luca Gamberini erzählt.

Seine Familie betreibt eigentlich eine Firma für Tauchausrüstung in Genua. Sergio Gamberini, Lucas Vater, ist Ingenieur und leidenschaftlicher Hobbygärtner. Er sitzt oft mit einem befreundeten Bauern zusammen, der ihn eines Tages aufzog: "Tauchen und Gärtnern - wie perfekt wäre dein Leben erst, wenn du unter Wasser Gemüse anbauen könntest!" Bei einem Tauchgang kam Sergio Gamberini auf die Idee, Basilikumsamen in einem Plastikballon unter Wasser zu lagern und zu warten. Fünf Jahre ist das nun her. Und die Saat ging auf.