Mode für Tote "Die Natur hat ein tolles System, uns zu recyceln"

Warum soll die Kleidung, die Tote bei der Beerdigung tragen, länger überdauern als die Körper selbst? Die Australierin Pia Interlandi entwirft Vergängliches für die letzte Reise.

Interview: Gina Metzler

Pia Interlandi ist Modedesignerin aus Melbourne. Als sie ihrem verstorbenen Großvater die Schuhe für den Sarg anzog, kam ihr eine Geschäftsidee: Seitdem entwirft die 26-Jährige Kleider für die letzte Reise. Ein Gespräch über Vergänglichkeit und Schweine, die zu Grabe getragen werden.

Der Tod steht ihr gut

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sueddeutsche.de: Frau Interlandi, warum entwerfen Sie Kleidung für Tote?

Pia Interlandi: Die Idee kam mir, nachdem mein Großvater gestorben war. Für die Beerdigung zogen wir ihm seinen besten Anzug und die guten Schuhe an. Und ich fragte mich: Wofür braucht er die Schuhe? Sie werden wahrscheinlich länger existieren als sein Körper. Ich bin Modedesignerin, daher ist es mein Job, Textilien nach bestimmten Kriterien auszusuchen, zum Beispiel nach Beständigkeit, Waschbarkeit oder Tragekomfort. Aber all diese Eigenschaften, die unsere Kleidung haben sollte, sind nicht mehr wichtig, wenn man tot ist.

sueddeutsche.de: Warum beschäftigen Sie sich so intensiv mit dem Tod?

Interlandi: Mich fasziniert der Verfall des Körpers. Nichts geht verloren. Die Natur hat ein tolles System, uns zu recyceln wenn wir tot sind. Der Körper kehrt zurück in die Erde und verliert all seine Mineralstoffe, die dann sehr viele andere Lebewesen und Organismen ernähren können. Das ist eine wunderschöne Sache. sueddeutsche.de: Und was hat das mit Ihren Kleidern zu tun? Interlandi: Meine Totenkleider zerfallen zusammen mit dem Körper. Anders als wenn man in einem Kleidungsstück aus Polyester beerdigt wird, bleibt von dem Gewand am Ende nichts mehr übrig. Ich habe die verschiedenen Textilfasern zusammen mit einem Forensiker getestet.

sueddeutsche.de: Könnten Sie uns das bitte genauer erklären?

Interlandi: Wir haben 21 Schweinekadaver bekommen. Es waren kranke Schweine, die normalerweise zu Hundefutter verarbeitet werden. Wir haben sie sehr liebevoll behandelt. Jedes Schwein hat einen Namen bekommen, wurde gewaschen und in ein Gewand gehüllt. Die Gewänder waren aus verschiedenen Stoffen, die wir testen wollten. Dann haben wir die Tiere beerdigt und etwa alle 50 Tage ein paar von ihnen wieder ausgegraben, um unsere Untersuchungen zu machen. Wir haben herausgefunden, dass sich Hanf- und Seidengewänder am besten zersetzen.

sueddeutsche.de: Beschreiben Sie uns bitte Ihre Entwürfe.

Interlandi: Es sind keine Kleidungsstücke im klassischen Sinne. Es sind eher Gewänder, große, breite Stoffe, die mit Bändern und Löchern versehen sind, damit sie um den Körper herum angelegt werden können. Hanf und Seide und sind in ihrer natürlichen Farbe belassen, aber die Stoffe können bedruckt oder bestickt werden, zum Beispiel mit Namen, Songtexten oder Familienstammbäumen. Zu jedem Totengewand soll auch eine Art Gebrauchsanleitung geliefert werden, damit die Angehörigen den Verstorbenen selbst kleiden können. Das Ritual des Einkleidens ist für mich sehr wichtig.

sueddeutsche.de: Wo gibt es Ihre Kleider zu kaufen?

Interlandi: Die Markteinführung meiner Gewänder ist erst für kommendes Jahr geplant. Dann wird es einen Online-Katalog geben, in dem Interessierte sich Modelle anschauen können. Sie können mir dann sagen, welches Model ihnen von der Form her am besten gefällt oder welche Drucke oder Stickereien sie mögen und ich stelle das Kleid dann her.

sueddeutsche.de: Wer soll die Gewänder aussuchen - die Verwandten?

Interlandi: Auch. Aber ich würde zudem gerne einen Workshop für kranke Menschen abhalten, die wissen, dass sie sterben werden und die dann selbst überlegen können, was sie bei ihrer Beerdigung tragen möchten. Aber es ist schwierig. Viele Menschen haben Angst davor, sich mit dem Sterben und dem Tod auseinanderzusetzten. Es gibt aber auch Menschen, für die es sehr wichtig ist, genau zu wissen, was sie tragen werden und wer sie nach ihrem Tod anziehen wird, denn derjenige wird sie auch nackt sehen.

sueddeutsche.de: Werden sie ihre eigene Totenkleidung selbst entwerfen?

Interlandi: Ja, ich denke es wäre naheliegend, eines meiner Gewänder zu tragen. Ehrlich gesagt habe ich mir darüber aber noch keine Gedanken gemacht - ich bin schließlich erst 26 Jahre alt und habe hoffentlich noch viel Zeit dafür.