Kurswechsel der evangelischen Kirche Traditionelle Ehe hat als Leitbild ausgedient

Vater, Mutter, verheiratet, Kinder - diese Lebensform findet die evangelische Kirche nach wie vor richtig und gut. Doch weil sie "die Wirklichkeit zur Kenntnis nehmen" will, werden nun auch Patchwork- und Regenbogenfamilien offiziell unterstützt. Auf die äußere Form komme es nicht an, besagt eine jetzt veröffentlichte Orientierungshilfe der Kirche.

Von Matthias Drobinski

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sucht einen neuen Bevollmächtigten, der ihre politischen Anliegen in Berlin und Brüssel vertritt; für Bernhard Felmberg, den bisherigen Cheflobbyisten, werden andere Aufgaben gesucht. Was das mit der Familien-Orientierungshilfe zu tun hat, die die EKD am Mittwoch in einem Familienzentrum in Berlin-Kreuzberg veröffentlicht hat? Nun, gegen Felmberg lief ein innerkirchliches Disziplinarverfahren zu Fragen seiner Lebensführung; er lebt getrennt und soll Beziehungen zu zwei EKD-Mitarbeiterinnen unterhalten haben.

Der Rat der EKD befand, dass sich dies mit dem Familienbild der evangelischen Kirche nicht vereinbaren lässt. Denn die christliche Beziehung soll geprägt sein von Verlässlichkeit, Solidarität, Fürsorglichkeit, Fairness und Gerechtigkeit, so steht das in dem 160-Seiten-Text mit dem Titel "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit - Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken".

Solange man liebevoll miteinander umgeht

Das klingt vertraut - ansonsten aber ist die Orientierungshilfe ein geradezu revolutionärer Kurswechsel der Evangelischen Kirche, was ihr Verständnis von Ehe und Familie angeht. Ja: Vater, Mutter, verheiratet, Kinder - diese Lebensform findet die evangelische Kirche nach wie vor richtig und gut. Aber sie findet auch Patchwork- und Ein-Eltern-Familien gut, Paare ohne Kinder und homosexuelle Lebenspartnerschaften mit und ohne Kindern - wenn die Menschen dort liebevoll miteinander umgehen, füreinander da sind und füreinander sorgen - und diese Liebe idealerweise an Kinder weitergeben. Die traditionelle Ehe hat ihre Leitbildfunktion verloren. Leitbild ist nicht mehr die Form, sondern die Art des Zusammenlebens.

Seit eineinhalb Jahrzehnten ringt die EKD um ein neues Familienbild. Als 1997 erstmals die "Kammer für Ehe und Familie" dafür eintrat, dass es neben der Ehe auch andere Lebensformen geben könne, gab es Ärger, der Rat der EKD distanzierte sich, das Papier wurde als "Debattenbeitrag" veröffentlicht. Seitdem galt: Die evangelische Kirche respektiert andere Lebensformen, Leitbild aber bleibt die Ehe. Davon hat sich nun, nach drei Jahren Beratung, eine Kommission unter der Leitung der ehemaligen SPD-Familienministerin Christine Bergmann verabschiedet. Der Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider hat es offiziell vorgestellt, allerdings nicht als "Denkschrift", als Konsens-Veröffentlichung der EKD, sondern nur als Orientierungshilfe.

Denn tatsächlich hat Jesus ein harsches Scheidungsverbot ausgesprochen: "Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen" - und dieser Rigorismus Jesu prägte auch das Familienbild des Protestantismus, die Vorbild-Ehe im Pfarrhaus eingeschlossen. Die Autoren des Papiers halten dagegen: Für Martin Luther war die Ehe ein "weltlich Ding", von Gott gesegnet, aber kein Sakrament wie im katholischen Verständnis. Somit ist das Eheverständnis wandelbar. Auch gibt es in der Bibel verschiedene Formen des Zusammenlebens. Überhaupt entstand die Idee der bürgerlichen Ehe im 18. Jahrhundert; erst in den Fünfziger- und Sechzigerjahren setzte sie sich als Normmodell durch. Ausdrücklich setzt sich die Schrift vom katholischen Verständnis ab, wonach die lebenslange Ehe der Natur des Menschen entspricht.

Es kann eben auch anders kommen

Die Orientierungshilfe ersetzt das Normative durch das Ideal: "Idealerweise" bleiben Ehepaare ein Leben lang zusammen und entscheiden sich für Kinder - aber es kann eben auch anders kommen, ohne dass dadurch aber die danach entstehenden Lebensformen normativ defizitär wären. Entsprechend sieht die evangelische Kirche ihre Aufgabe vor allem darin, zu sorgen, dass sich Menschen diesem Ideal der verlässlichen, fürsorglichen, gleichberechtigten und fairen Partnerschaft annähern: Sie berät Paare und Eltern, vor allem mit Migrationshintergrund, richtet Krippen- und Kindergartenplätze ein, bekämpft häusliche Gewalt, tritt für Kinderrechte ein. Das Ehegattensplitting oder das Betreuungsgeld sehen die Autoren kritisch.

Ein Kurswechsel? Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider blieb da defensiver: Das Papier propagiere nicht, dass alles irgendwie möglich sei, sondern nehme "die Wirklichkeit zur Kenntnis"; und es sei im Übrigen "kein lehramtliches Dokument".