Kontrollwahn in der Kindererziehung Die Wachablösung

Stets im Radius der Überwachung: Kinder besorgter Eltern.

(Foto: dpa)

Peilsender im Schulranzen, GPS im Handy: Viele Eltern würden gerne ganz genau wissen, wo sich ihre Kinder herumtreiben. Sie wollen sie beschützen, indem sie sie kontrollieren. Und nehmen ihnen damit die Eigenständigkeit.

Von Petra Steinberger

Wie es sich für einen ordentlichen amerikanischen Dad gehörte, begleitete Paul Wallich seinen kleinen Sohn, gerade Schulanfänger, jeden Tag zur Bushaltestelle, weniger als 400 Meter vom Heim der Familie entfernt. Aber die Wintermorgen in Vermont können kalt sein, und lieber wäre Paul Wallich daheim geblieben.

Also baute er sich aus einem ferngesteuerten Spielzeughubschrauber, einer Lithiumbatterie und einem Smartphone seine ganz private Überwachungsdrohne, steckte einen Sender in den Schulranzen seines Jungen - und konnte nun vom Computer aus verfolgen, ob der Bub die tägliche Strecke zum Schulbus schaffte, ohne erschöpft im Schnee zu erfrieren. Das inzwischen hinlänglich bekannte Bild der "Helikopter-Eltern", hier war es Wirklichkeit geworden.

Man könnte diesen Vater nun für übergeschnappt halten, für krankhaft kontrollsüchtig, so wie jene Bloggerin, die über ihn schrieb: "Ich HABE bereits eine Erfindung, die ihn schützen würde, während Dad drinnen im Warmen bleibt. Sie heißt VERTRAUEN." Aber neben Kopfschütteln gab es auch viel Anerkennung: für den Erfindungsgeist des Vaters genauso wie für seine Fürsorge.

Viel hat sich geändert seit jener Zeit, da die meisten Kinder noch allein zur Schule marschieren durften, unbewacht, sorgenfrei, dafür mit mancherlei Abkürzungen durchs Dickicht, bei denen sie stets hofften, verborgene Schätze oder richtig lebendige Wildtiere zu entdecken.