Kirche Welches Geschlecht hat Gott?

Michelangelos Gottvater erschafft Adam.

(Foto: dpa)

Die Schwedische Kirche ermutigt ihre Geistlichen, statt "Herr" oder "Er" geschlechtsneutrale Begriffe für Gott zu verwenden. Sie berührt damit eine uralte Frage.

Von Thomas Hummel

Kristina Schröder brachte einst als Familienministerin das religiöse Weltbild einiger Mitmenschen ins Wanken. Auf die Frage, warum man eigentlich zu "dem lieben Gott" bete und nicht "zu der Gott", sagte sie in der Zeit: "Ganz einfach: Für eins musste man sich entscheiden. Aber der Artikel hat nichts zu sagen. Man könnte auch sagen: das liebe Gott."

Diese Aussage der CDU-Politikerin sorgte rund um Weihnachten 2012 für einigen Wirbel. Christine Haderthauer von der CSU schimpfte, dass sie "dieser verkopfte Quatsch sprachlos" mache. CDU-Kollegin Katharina Reiche beschloss: "Der liebe Gott bleibt der liebe Gott!" Sogar die Bundeskanzlerin wurde aufgefordert, sich zum göttlichen Artikel zu äußern. Ihr Sprecher Steffen Seibert erklärte also: "Wer an Gott glaubt, dem sind die Artikel egal." Der Ausdruck "der liebe Gott" habe in den Herzen vieler Menschen seit Jahrhunderten einen Platz. "Wenn man Gott anders anspricht, dringen die Gebete auch durch."

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In Schweden haben sich bislang weder Ministerpräsident Stefan Lövfen noch dessen Sprecher geäußert. Dabei hat die Schwedische Kirche, der mehr als 60 Prozent der Bevölkerung des Landes angehören, gerade Kristina Schröders Einschätzung ins Praktische übersetzt. In Uppsala entschied das 251-köpfige Entscheidungsgremium der evangelisch-lutherischen Kirche mit großer Mehrheit, künftig darauf hinzuwirken, geschlechtsneutrale Begriffe für Gott zu verwenden. Die Geistlichen sollen statt "Herr" oder "Er" das weniger eindeutige "Gott" verwenden. Die Regelung tritt nächstes Jahr an Pfingsten in Kraft.

Die Schweden beschäftigen sich damit mit einer uralten Frage: Welches Geschlecht hat Gott? Antje Jackelén, Erzbischöfin und erste Frau an der Spitze der Schwedischen Kirche, sagt: "Die Idee, dass wir eine inklusivere Sprache brauchen, existierte bereits während der Arbeit zum Handbuch 1986. Theologisch wissen wir, dass Gott jenseits unserer Geschlechtsbestimmungen ist. Gott ist kein Mensch." Deshalb ändert die Schwedische Kirche nun ihr Handbuch zum Gottesdienst-Verlauf. In Zukunft sollen Priester wählen können. Sie können zum Beispiel anstelle des Satzes "Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes" sagen: "Im Namen Gottes: Der Name des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes". Oder auch, was am meisten der geschlechtsneutralen Idee entspricht: "Im Namen Gottes, der Dreifaltigkeit." Die Vorsitzende des Gottesdienst-Ausschusses der Kirche, Sofija Pedersen Videke, sagte: "Gott ist viel größer als das Geschlecht. Wir Menschen haben ein Geschlecht, aber Gott ist jenseits davon. Egal, welche Bilder wir verwenden, wir können niemals alles abdecken, was Gott ist."

Ob der christliche Gott ein Geschlecht hat und falls ja, welches, ist immer wieder Anlass für theologische Debatten. In der Genesis steht: "Gott schuf also den Menschen als sein Abbild; als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie." In der Bibel spricht Jesus indes von Gott, seinem Vater. In dem berühmten Freskenbild in der Sixtinischen Kapelle malte Michelangelo seinen Gottvater als älteren Herrn mit weißgrauem Bart, wie er den nackten Adam erschafft.

Papst Benedikt sagt: "Gott ist weder Mann noch Frau"

Kritik daran übte letztlich auch der emeritierte Papst Benedikt. In seiner Biografie Jesus von Nazareth, Band eins, Seite 174, steht: "Natürlich ist Gott weder Mann noch Frau." Andere verweisen darauf, dass der hebräische Gottesname "JHWH" einseitig als "Herr" übersetzt wurde, obwohl darin gar kein Geschlecht stecke. Damit habe sich eine patriarchalische Gesellschaft einen älteren, bärtigen Mann als Oberhaupt gegeben und die Vorherrschaft des Mannes in der Welt unsachgemäß zementiert. Feministische Theologinnen argumentieren seit Jahrzehnten dagegen an und verweisen auf weibliche Gottesbilder in der Bibel. Eine ihrer radikalsten Vertreterinnen, Mary Daly, schrieb 1973: "So lange Gott ein Mann ist, ist das Männliche Gott."

Einig sind sich die Theologen darin, dass Gott keinesfalls ein Neutrum sei. Sich Gott als Sache vorzustellen oder unpersönliches Wesen widerspreche der Lehre und der Auffassung von Gott als Person. Insofern beschwerte sich die Schwedische Kirche auch bei einigen dänischen Zeitungen, die berichteten, dass in Gottesdiensten nun das geschlechtsneutrale Personalpronomen "hen" für Gott eingesetzt werden solle. Das Wort wurde erst 2015 ins Standardwörterbuch der schwedischen Sprache übernommen, als Ergänzung zum männlichen "han" und weiblichen "hon". "Das Wort erscheint überhaupt nicht im Kirchenhandbuch", beschwerte sich Sofija Pedersen Videke.

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An der Reform gibt es dennoch Kritik, auch in Schweden. Christer Pahlmblad von der Universität Lund bezweifelt, dass die Änderungen mehr Menschen in die Gottesdienste locken würden. In der Messe benutze man doch altbekannte Ausdrücke wie "Gott, der allmächtige Vater" und "Jesus Christus, unser Herr". Andere Kritiker meinen, dass die Schwedische Kirche damit die Idee eines gemeinsamen Gottesdienstes mit den anderen christlichen Kirchen aufgebe.

Im deutschsprachigen Raum erarbeiteten Wissenschaftler eine Übersetzung der Bibel mit dem Ziel, diese geschlechtsneutraler zu interpretieren. Die Initiative aus den 2000er Jahren hieß "Bibel in gerechter Sprache" und spricht von Gott sowohl in männlichen als auch in weiblichen Formen. Das Projekt erhielt unter anderem Zuspruch von Margot Käßmann, der späteren Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche. Die Kritiker waren aber deutlich in der Überzahl.