Kinder und digitale Medien "Der Fehler liegt oft nicht da, wo Eltern ihn vermuten"

Für viele Eltern ein gewohnter Anblick: das Gesicht ihres Kindes im blauen Schein des Tablets oder Handys.

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Jürgen Wolf, Leiter der Erziehungsberatung des Evangelischen Beratungszentrums München, kennt das Medienthema auch von zuhause - seine Töchter sind zwölf und 19 Jahre alt. Der Diplom-Psychologe und Familientherapeut erklärt, warum Vereinbarungen sinnvoller sind als Handyverbot, wieso Kontrolle nur in Kooperation mit dem Kind funktioniert und wie Eltern sich zu Co-Abhängigen machen.

Von Violetta Simon

SZ: Geht von digitalen Medien eine Suchtgefahr aus, vor der wir unsere Kinder schützen sollten?

Jürgen Wolf: Ob digital oder nicht: Jedes Mittel, das unser Belohnungssystem aktiviert, kann eine Abhängigkeit hervorrufen. Smartphones, Tablets und Computer gehören nun mal zu unserem Alltag und sind nicht mehr wegzudenken. Statt sie blind zu reglementieren, ist es sinnvoller, sie als gegeben hinzunehmen und - ähnlich wie bei anderen potenziellen Suchtmitteln - zu überlegen, wie ein passender Umgang mit ihnen aussehen könnte.

Warum fällt es Erwachsenen bei dem Thema so schwer, gelassen zu bleiben?

Viele Eltern fühlen sich sofort alarmiert und denken: Mein Kind ist süchtig! Sie reagieren aus einem Gefühl der Sorge heraus und meinen, umgehend handeln zu müssen. Wie das genau aussehen soll, wissen sie meist in dem Moment gar nicht.

Dann sind wir zu panisch in dieser Beziehung?

Verstehen Sie mich richtig: Achtsamkeit ist etwas sehr Wichtiges, aber aus einem Impuls heraus sind die Reaktionen oft heftiger als nötig. Das kennen wir noch aus der Zeit, als sich unsere Eltern über den Fernseher und später über die Computer aufgeregt haben. Jetzt, beim Smartphone, haben wir dieselbe Situation: Viele Eltern reagieren über, indem sie zum Beispiel sämtliche Geräte wegsperren, die Kontakte und Veröffentlichungen ihrer Kinder in sozialen Netzwerken kontrollieren oder eine rein zeitliche Befristung von Spielverhalten durchsetzen.

Was könnten sie stattdessen tun?

Ihrem Kind auf der Beziehungsebene begegnen und ihrer Sorge Ausdruck verleihen, damit klar wird: Ich handele nicht aus einem Bestrafungsbedürfnis heraus. Sie können die Selbsteinschätzung des Kindes prüfen und fragen: Wie siehst du das? So beschäftigen sich die Erwachsenen und der Jugendliche gemeinsam mit dem Thema, statt es einfach nur "vom Tisch zu kriegen". Dabei sollten sie die Einschätzung des anderen gelten lassen und nicht gleich zu widerlegen versuchen. Und das Wichtigste: erst einmal verstehen, welches Bedürfnis hinter dem Spielen und Chatten steckt und warum das Kind die Medien nutzt.

Liegt das nicht auf der Hand?

Sehen Sie? Genau da liegt der Denkfehler. Eine typische Situation: Der Vater kommt spätabends ins Zimmer, die Tochter ist mit ihrem Handy zugange. Erste Reaktion: "Weißt du eigentlich, wie spät es ist? Ständig hängst du an dem Ding!" Lieber sollte er versuchen, herauszufinden, warum das Mädchen unbedingt mit seinen Freunden kommunizieren will: "Eigentlich solltest du längst schlafen, was ist denn so wichtig für dich, dass du um die Uhrzeit noch am Handy hängst?" Das sollte die erste Frage sein, die sich stellt, und darauf bekommt man überraschend oft eine ehrliche Antwort. Damit gehe ich in Kontakt, bevor ich urteile. Und vor allem: So lernt das Kind, sich diese Frage auch selbst zu stellen.

Gerade in der Pubertät scheint die Antwort häufig zu lauten: Der Chat mit Freunden ist wichtiger als Schule - bei den Hausaufgaben summt und piept es alle paar Sekunden ...

Klar muss sein, dass auf dem Schreibtisch das Handy nichts zu suchen hat. Da heißt es "aus und weg", genau wie in der Schule, so dass keine Störung erfolgen kann. Wenn Eltern das nicht kontrollieren können, weil sie etwa berufstätig sind, dann hilft nur, auf Vertrauen zu bauen und Abmachungen zu treffen.