Kinder - der ganz normale Wahnsinn Wehr dich doch!

Da lacht es noch, das Kind. Was nicht zu sehen ist, ist der Rivale, der sich von links nähert, um ihm die gelbe Schaufel zu entreißen. Natürlich wird sich das Kind nicht dagegen wehren.

(Foto: J. Hosse)

Manche Kinder lassen sich von anderen fast alles gefallen und wegnehmen. Die Aufforderung der Eltern, sich doch zu verteidigen, hilft ihnen auch nicht weiter. Bis diese Kinder nicht mehr zusehen wollen, wie sich dreiste Räuber mit ihrem Lieblingsspielzeug aus dem Staub machen.

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Ihr Sohn hatte noch nie zu denen gehört, die ganz vorne mit dabei sein mussten, die schubsten und drängelten, um als Erste ans Ziel zu gelangen. Ihr Sohn wartete, bis das Gedränge vorbei war und näherte sich dann vorsichtig diesem Ziel. War das Ziel eine Tüte Gummibärchen, ging er manchmal leer aus. Und während sich die anderen von ihm nahmen, was sie wollten (in der Spielgruppe: das laut klingelnde Telefon; bei der Tagesmutter: das rote, blinkende Feuerwehrauto; am Spielplatz: die Schaufel, den Bagger, den Eimer, das Sieb und die Förmchen), stand ihr Sohn jedes Mal fassungslos ob der Dreistigkeit der anderen da.

Er machte keinerlei Anstalten, seinen Besitz zu verteidigen - sogar Jüngere konnten ihm seine Schätze spielend leicht entwenden. Er erhob kein Wort des Protestes. Er starrte nur den Räubern hinterher, die Augen füllten sich mit Tränen, die Lippen zitterten. Das Mutterherz wurde schwer.

"Lass dir das nicht gefallen", sagte sie wieder und wieder. "Halt es fest, du hast doch gerade damit gespielt! Sag laut NEIN - bei mir kannst du das doch auch! Hol es dir zurück!" Doch beim nächsten Mal wieder: kein Protest, feuchte Augen, zitternde Lippen, schweres Mutterherz.

"Da muss er durch, das muss er lernen", sagte die Freundin, deren eigene Tochter sich lieber über den Spielplatz schleifen ließ, als ihre Sandschaufel los- und damit einem anderen Kind zu überlassen.

"Wie soll er das lernen", sagte die Großmutter, "du warst doch als Kind genauso." "Und in welchem Alter habe ich angefangen, mich zu wehren?", fragte die Mutter. "Tja", sagte die Großmutter und hob vielsagend eine Augenbraue.

Nein, ihr Sohn sollte das früher - oder überhaupt - lernen, beschloss die Mutter. Spätestens jetzt im Kindergarten konnte er sich doch nicht mehr alles gefallen lassen. Nun war Schluss mit der guten Erziehung, mit Mahnungen wie "Du sollst andere nicht anschreien und schubsen", jetzt war Zeit für Botschaften wie "Wenn andere dir etwas wegnehmen, darfst du schreien und schubsen!" Bedauerlicherweise wurde dieser Richtungswechsel sabotiert. Vom Sohn.

"Ich darf aber nicht schreien", meinte er betrübt. "Aber ich erlaube es dir hiermit", erklärte die Mutter feierlich. "Aber die Renate im Kindergarten nicht. Und schubsen darf ich auch nicht", sagte der Sohn und seufzte tief.