Kinder - der ganz normale Wahnsinn Nicht ohne mein Handy

Seit das Kind ein Smartphone besitzt, sehen die Eltern nur noch seinen Scheitel. Und die virtuellen Freunde sind überall mit dabei. Da wundert es nicht, wenn Eltern manchmal ein unwiderstehlicher Zerstörungsdrang überkommt. Doch die Technik besiegt auch den.

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Finden Sie den Fehler in unserem Suchbild? Genau, da fehlen die Handys! Sie sind wahrscheinlich konfisziert.

(Foto: J. Hosse)

Schon lange hatten wir unserer Tochter nicht mehr offen ins Gesicht geblickt. Nicht weil wir etwas zu verheimlichen hätten, sie hoffentlich auch nicht, nein. Sie sah einfach nicht mehr auf, hielt das Kinn zwischen die Schlüsselbeine gepresst, morgens, mittags, abends, nachts. Welche Augenfarbe hatte sie nochmal? Uns blieb nur der Daueranblick ihres Scheitels. Schuld daran war kein Streit, auch keine körperliche Fehlstellung. Schuld war Tante Karla.

Tante Karla ließ sich bei uns nur selten blicken, entschädigte das Kind aber mit teuren Geschenken, die sie vorher niemals mit uns absprach. So hatten wir eine Zeitlang zwei Bobbycars, zwei Kinderfahrräder und zwei Kasperltheater im Haus. Beim nächsten Besuch (Tante Karla brachte einen zweiten Schlitten mit) bestanden wir vehement auf künftige Auf- und Abklärung. Beleidigt tauchte Karla ein paar Jahre gar nicht mehr auf. Doch vor zwei Monaten war sie wieder da. "Ich habe das Geschenk vorher mit eurer Tochter abgesprochen", sagte sie triumphierend und schwenkte eine kleine Schachtel. Uns schwante Übles. An diesem Tag haben wir das Gesicht unserer Tochter das letzte Mal gesehen. Es strahlte, als sie das Präsent auspackte. Das besaß sie noch nicht: ein Smartphone. Auch von uns hatte sie sich das schon gewünscht, aber wir hatten aus erzieherischen Gründen darauf gedrungen, dass sie einen Teil des Kaufpreises selbst begleicht. Das hätten wir uns sparen können.

Von nun an spielten wir im Leben unserer Tochter eine noch kleinere Rolle als bisher, waren zu reinen Wäsche- und Nahrungslieferanten degradiert. Seinen Kommunikationsbedarf deckte unser Kind in der Schule und über ihr Handy, die Freunde waren überall mit dabei, überall! Als sie wenigstens nicht mehr mit am Tisch sitzen sollten und wir beim Essen absolutes Handy-Verbot verhängten, blieb der Kopf der Tochter dennoch gesenkt. Auch ihr Schweigen unterbrach sie nicht, diesmal aus Wut über ihren erzwungenen Rauswurf aus der schönen neuen Welt. Dasselbe Bild bei Oma Dorothees Geburtstag, bei der Sonntags-Wanderung und am Urlaubsstrand.

Wir waren verzweifelt und überlegten, uns der örtlichen Selbsthilfegruppe analoger Eltern anzuschließen. Oder das Handy mutwillig zu zerstören. Oder beides. Doch die technische Entwicklung kam uns zuvor.

Ein großer Konzern, weltberühmt für sein Design bei Menschen mit ästhetischem Anspruch selbst bei Elektronikgeräten, bei Hipstern und Jugendlichen, die gerne Hipster wären, hatte gewohnt geheimnisvoll eine großartige Neuerung versprochen. Auch unsere Tochter fieberte der Verkündung entgegen. Bevor wir ihr Smartphone wie üblich für die Nacht konfiszieren konnten, schloss sie sich in ihr Zimmer ein. Alles Klopfen an die Tür, alles Drohen und Wüten half nichts.

Uns schwante noch Übleres als damals beim Besuch von Tante Karla. Als wir uns selbst am Laptop angemeldet, die Firmen-Webseite mit dem Livestream gefunden und diesen geöffnet hatten, hörten wir gerade noch: "... im Geschäft wird diese Folie sofort in die Handfläche implantiert und kann nicht mehr entfernt werden. Aber das will dann auch niemand mehr, denn sofort kommen Sie in den Genuss eines Smartphones, das niemals aufgeladen werden muss: Die Batterie sind Sie selbst! Ein Handy, das niemals verloren geht: Sie haben es in der Hand, und das wortwörtlich! So haben Sie Ihre Freunde immer und überall dabei!" Wir rannten nach oben und traten die Zimmertür ein. Zu spät.