Gudrun Pausewang Frau Wolke

Eine strenge Frau vor den grauen Kühltürmen des AKW Grafenrheinfeld. An diesem Samstag geht der älteste noch aktive Atommeiler in Deutschland vom Netz.

(Foto: Alex Kraus)

Mit ihrem Anti-Atomkraft-Roman "Die Wolke" hat die Autorin Generationen geprägt. Jetzt wird der Reaktor abgeschaltet, um den es in dem Buch geht. Ein Besuch.

Von Hannes vollmuth

Kurz vor dem Ziel, fast schon im Schatten des Feindes, rutscht Gudrun Pausewang im Beifahrersitz nach unten und schweigt. Auf der Fahrt nach Grafenrheinfeld hat sie fast die ganze Zeit geredet, hat andere Autos beurteilt und die Stimme des Navigationsgerätes kommentiert. Jetzt, auf diesem Schotterweg vor dem Atomkraftwerk, ist sie auf einmal stumm.

Vor dem Fenster zwei Kühltürme, glatt und grau. Dicker Dampf quillt über den Rand und schraubt sich in den Himmel. Dazwischen die halbrunde Kugel, der Reaktor, der gleich zu Beginn von Gudrun Pausewangs Romans "Die Wolke" explodiert.

Die Autorin liegt jetzt praktisch im Auto, Luftlinie zum Reaktor: 1500 Meter. Freie Sicht. Man könnte diesen Moment am Rande eines nordbayerischen Ackers für bedeutungsvoll halten: auf dem Beifahrersitz Gudrun Pausewang, 87, das deutsche Anti-Atomkraft-Gewissen, die Haare weiß und kurz, dazu die mönchsartige Kleidung. Und vor dem Fenster das monströse Kraftwerk aus der "Wolke", das an diesem Samstag tatsächlich vom Netz gehen wird.

Frau Pausewang könnte Freude zeigen, Hass, Wut, Genugtuung. Davon reden, dass sich Warnungen lohnen. Etwas sagen über engagierte Literatur. Sie schiebt sich wieder nach oben, deutet aus dem Fenster und sagt: "Wissen Sie, wie diese Blume da heißt, Rittersporn vielleicht?"

Durch ihr Buch haben Millionen Leser ein Gefühl dafür bekommen, was ohne den Atomausstieg drohen könnte

28 Jahre ist es her, dass Gudrun Pausewang ihren Welterfolg "Die Wolke" geschrieben hat, fast drei Jahrzehnte, an deren Ende Deutschland jetzt aus der Atomkraft aussteigt. Allein auf Deutsch hat sich der Jugendroman 1,4 Millionen Mal verkauft; dazu Übersetzungen in 16 Sprachen, Verfilmung 2006, sogar eine Manga-Ausgabe existiert. Beschrieben werden die Folgen einer Reaktorkatastrophe, Super-GAU in Grafenrheinfeld: Janna-Berta und Uli fliehen elternlos durch Deutschland - immer weg von der unsichtbaren Gefahr, der atomaren Wolke. Uli stirbt, als ein Auto ihn überfährt, Janna-Berta kommt in den radioaktiven Regen und verliert büschelweise die Haare. Am Ende haben Technik und Evakuierungspläne versagt: Die Welt ist zerstört durch die außer Kontrolle geratene Atomkraft.

In Deutschland hat diese Energie kein Gesicht, sie ist immer anonym geblieben. Ihre Gegnerschaft aber hat viele Gesichter: Demonstranten, Politiker, Künstler. Von ihnen müsste Gudrun Pausewang eigentlich die Bekannteste sein. Sie hat zwar nicht den Atomausstieg zu verantworten. Wohl aber, dass Millionen Deutsche eine Ahnung, mehr noch: ein Gefühl dafür bekommen haben, was ohne diesen Ausstieg vielleicht droht.

Ein echter Star ist sie nicht geworden, dafür war sie wohl nicht eitel genug und viel zu streng. Aber sie hat gleich mehrere deutsche Generationen sensibilisiert für den möglichen Untergang, und so ist die Fahrt mit Gudrun Pausewang nach Grafenrheinfeld auch eine Reise durch zwei Geschichten: durch eine deutsche Biografie und durch die Biografie Deutschlands - vom Zweiten Weltkrieg bis Fukushima.

Die eine Geschichte beginnt am 3. März 1928: Gudrun Pausewang kommt in einem Deutschland zur Welt, das noch nicht einmal eine Idee von Atomkraft hat. Sie wächst in Wichstadl in Ostböhmen auf, als älteste Tochter nationalsozialistisch gesinnter Eltern. Als sie zehn ist, gelingt im fernen Berlin die erste Kernspaltung. Ein Jahr darauf beginnt der Zweite Weltkrieg und damit die zweite Geschichte. Pausewangs Vater muss mit der Wehrmacht nach Russland. 1943 ist er tot. Die Mutter flieht mit sechs Kindern nach Wiesbaden.

Für Pausewang bricht nach dem Krieg eine Welt zusammen. Sie erkennt den Betrug an ihrer Kindheit, die Verblendung in den NS-Liedern und Büchern, die sie gelesen hat: nur heile Welt, wo doch nichts heil war. Was Pausewang mitnimmt aus ihrer Kindheit: Es gibt kein Happy End. "Ich wusste ganz genau, dass die Welt nicht heil ist. Und ich wusste, dass die Guten nicht immer belohnt werden und die Bösen nicht immer bestraft", erzählt sie. Damals nimmt sie sich vor: "Wenn ich Schriftstellerin werden sollte, will ich meine Leser ernst nehmen."

Im Ortskern von Grafenrheinfeld schält sich Pausewang jetzt aus dem Auto und schaut sich um: gepflasterte Gehsteige, überall Blumen, renoviertes Fachwerk und an der Eisdiele Touristen. Die Nachbarschaft hat profitiert von der Atomkraft: Je näher man der Gefahr kommt, desto hübscher wird sie verdrängt. Gudrun Pausewang schüttelt den Kopf.

Sie ist heute zum ersten Mal in ihrem Leben in Grafenrheinfeld - sie war ja nie willkommen, nachdem sie gerade hier ihren Super-GAU stattfinden ließ. Nur das Atomkraftwerk hat sie einmal besucht, im Herbst nach Tschernobyl, unter dem Familiennamen ihres Mannes. "Aber das Werk ist keinesfalls so etwas Besonderes, wie Sie jetzt meinen."

1947 macht Gudrun Pausewang ihr Abitur, wird Lehrerin und geht nach Chile an eine deutsche Schule. 1957, sie ist erst ein Jahr in Südamerika, macht Deutschland das erste Mal ernst mit der Atomkraft: Die Bundesrepublik Deutschland ist seit Kurzem wieder souverän und darf die neue Technologie nutzen: Der erste Forschungsreaktor in Garching, das "Atom-Ei", geht am 31. Oktober ans Netz.

Franz Josef Strauß, damals Atomminister, vergleicht die Kernenergie mit der Erfindung des Feuers. Er fantasiert von Atomautos und Flugzeugen mit Atomantrieb. Selbst der marxistische Philosoph Ernst Bloch schreibt: Mit ein paar Hundert Pfund Uranium könnte aus der Antarktis eine Riviera werden. Das Ablesen der Stromzähler werde dafür bald überflüssig. Alle träumen vom Atomwunderland, von billiger und sauberer Energie im Überfluss.

In Südamerika hat Gudrun Pausewang zu diesem Zeitpunkt den ersten Roman geschrieben: "Rio Amargo", ein Buch über soziale Missstände. Es folgen weitere: über Arm und Reich, die Nazis und die Zerstörung der Natur. 1972 kehrt sie zurück, zieht nach Hessen und unterrichtet an der Grundschule in Schlitz. Noch ist die Atomkraft nicht ihr Thema.

In der Bundesrepublik sind mittlerweile mehrere Atommeiler ans Netz gegangen. Auch erste Mängel treten auf: Das AKW Großwelzheim geht am 14. Oktober 1969 in Betrieb und wird wegen diverser Probleme eineinhalb Jahre später wieder abgeschaltet. Aber das Heilsversprechen ist noch lebendig: AKWs gelten als sicher, rentabel und umweltfreundlich. In der Ölkrise plant das Land 40 neue Meiler, auch Grafenrheinfeld ist dabei.

Anfang der 70er-Jahre fürchten sich nur wenige vor der atomaren Gefahr. Erst als die Achtundsechziger das Thema entdecken, kommt Skepsis auf. In Wyhl, Brokdorf und Gorleben stehen sich jetzt Demonstranten und Polizisten gegenüber. Und mitten in diese Phase platzt 1979 der erste Unfall: Kernschmelze in Harrisburg, USA. Sieben Jahre später, an einem sonnigen Samstag, kommt schließlich die Meldung: Super-GAU in Tschernobyl. "Ich habe Tschernobyl hauptsächlich als Mutter erlebt", erzählt Gudrun Pausewang. Sie sitzt damals im hessischen Schlitz vor dem Fernseher. Ihr Sohn ist wandern, und sie denkt: Um Gottes willen, der erfährt ja nichts. Als er anruft, schreit sie: "Setz dich ja nicht auf die Wiese. Die ist verstrahlt." Heute sagt sie es ein wenig umständlicher: "Warum befürworten Menschen die Atomkraftnutzung, obwohl sie gleichzeitig ihre Kinder der Zukunft als Geisel stellen?"

An jenem 26. April 1986 jedenfalls kreuzen sich die Geschichte der deutschen Atomkraft und die Biografie der Gudrun Pausewang.

Vier Wochen vergehen, dann beginnt sie mit dem Schreiben. Es habe nur Erwachsenenbücher über diese Gefahr gegeben, "aber auch Jugendliche haben das Recht zu erfahren, wovor die Eltern so Angst haben". Sie will einen Roman schreiben, einen realistischen diesmal. 1983 hatte sie für "Die letzten Kinder von Schewenborn", ihren Roman über einen Atomkrieg in Europa, noch alle Namen erfunden. Jetzt, vier Jahre später, unter dem Eindruck von Tschernobyl, wählt sie Grafenrheinfeld, ein existierendes Atomkraftwerk, 100 Kilometer entfernt.

"Die Wolke", diese brutale Beschreibung einer Reaktorkatastrophe mitten in Deutschland, wird sofort ein Welterfolg, zum Manifest der Anti-Atom-Bewegung, das jetzt bei den Demos auf dem Büchertisch ausliegt. Die Autorin bekommt den Deutschen Jugendliteraturpreis, später das Bundesverdienstkreuz, das ganze nächste Vierteljahrhundert ihres Lebens steht im Zeichen des Romans: Pausewang hält unzählige Lesungen, beantwortet Briefe, telefoniert mit Jugendlichen und reist um die Welt. "Die Wolke" wird Schullektüre, später zum Klassiker: Sie sickert ein in das Gedächtnis Deutschlands.

Es gibt Menschen, die mit der "Wolke" zu glühenden Atomgegnern wurden. Und es gibt Kritiker, die werfen ihr vor, sie habe ganze Lesergenerationen zu Schissern gemacht. Die Zeit nennt sie "Lehrerin der Angst". Und die taz schreibt: "Warum bleibt einem eigentlich noch heute das Essen vor Schreck im Halse stecken, wenn man ihren Namen hört?" Pausewang beschrieb gerne die Apokalypse, und manchen Lesern war das auch irgendwann mal zu viel.

Spricht man die Autorin auf den Vorwurf an, wird sie ungemütlich: "Man hat das Gefühl, dass viele Leute sagen: Jetzt mal Schluss mit der ganzen Atomkraftgeschichte! Dabei werden in der Ukraine und in Weißrussland noch Jahrzehnte nach Tschernobyl Menschen geboren, denen Fingerchen fehlen und die Leukämie haben." Und unter Umständen, sagt Pausewang, stehe die Menschheit schon wieder vor der nächsten Katastrophe. Sie steigt wieder ins Auto ein und lässt sich zum Fototermin fahren, der, natürlich, direkt vor dem Atomkraftwerk stattfinden soll. Luftlinie zum Reaktor nur 500 Meter.

Gudrun Pausewang ist zuweilen herzlich und erzählt Witze, zum Beispiel wie sich Erde und Mars treffen und die Erde klagt, ihr gehe es so schlecht mit dieser Krankheit namens Menschen. Und der Mars antwortet: Das geht vorbei. Aber im Grunde ist Gudrun Pausewang vor allem streng, mit der Welt wie mit sich: Auch nach 100 Büchern, von denen nur eines ein echter Bestseller wurde, steht sie morgens um halb sechs auf. Wenn sie schreibt, dann bis acht Uhr abends. Einer, der sie kennt, erzählt, dass sie immer noch wütend wird, wenn bei ihren Lesungen geschwätzt wird.

Altersmilde ist diese Autorin nicht. Vielleicht, weil Warner wie sie nie im Reinen sein können mit sich und der Welt. Das ist ihr Schicksal: Haben sie unrecht, bleiben sie auf ewig alarmistische Spinner; haben sie recht, liegt die Welt in Trümmern. Das ist die Ironie ihres Erfolgs.

2011. In Fukushima kommt es zum nächsten Unfall, 25 Jahre nach Tschernobyl und 24 Jahre nach dem Erscheinen der "Wolke". In Schlitz klingelt es Sturm: Alle wollen die Autorin sprechen, die seit 30 Jahren vor der Atomkraft warnt und deren Buch sich wieder phänomenal verkauft. Erst soll sie sich zur Katastrophe äußern, später zu der tatsächlich real gewordenen Lehre daraus: dem deutschen Atomausstieg. Hat sie dazu beitragen? Sie zögert und sagt: "Ein bisschen."

Mit 87 Jahren hat sie tatsächlich diese Technologie überstanden, die doch eigentlich für die Ewigkeit gedacht war

Der Fotograf bittet die Autorin jetzt vor die Kamera, es klickt und blitzt: Gudrun Pausewang wirkt entspannt, aufgelegt zu Scherzen. Hinter ihr produziert das AKW Grafenrheinfeld seine letzten Millionen Kilowattstunden. Das älteste noch aktive Atomkraftwerk Deutschlands war 33 Jahre im Dienst.

Es ist ein ungewöhnliches Siegerbild: eine kleine, strenge, alte Frau vor den grauen, stummen Kühltürmen. Ein schreibender Don Quijote, der statt gegen Windmühlen gegen Atomkraftwerke antrat. Gudrun Pausewang hat ihren Gegner, die Atomkraft, nicht nur empfindlich getroffen - sie sieht ihn kapitulieren. Ihre ganz persönliche Lebensleistung ist eine Überlebensleistung: Mit 87 Jahren hat sie eine Technologie überstanden, die eigentlich für die Ewigkeit gedacht war. Vielleicht ist das doch ein Happy End, ein klitzekleines?

Abfahrt. Im Rückspiegel wären jetzt noch einmal die Türme zu sehen, aber Gudrun Pausewang lässt sich nicht hinreißen zum triumphierenden Blick. "Ob jetzt ein Atomkraftwerk abgeschaltet wird oder nicht, spielt keine große Rolle." Da seien ja auch noch Armut und Krieg und Fremdenfeindlichkeit und Überbevölkerung, sagt Frau Pausewang, streng und ohne Widerrede duldend.

Dann versinkt sie im Sitz, schaut aus dem Fenster und interessiert sich wieder für die Blumen.