Geburtsvorbereitung für Männer Ein bisschen Gynäkologie, ein bisschen Mario Barth

Heute sind die meisten Männer im Kreißsaal dabei. Sie wollen ihre Frauen unterstützen, sind aber oft überfordert.

(Foto: Kleinhenz/Docuvitae/Vault/laif)

Mehr als 90 Prozent der werdenden Väter begleiten ihre Partnerin in den Kreißsaal. Viele wissen gar nicht, was sie dort erwartet. Ein Arzt hat jetzt Geburtsvorbereitungskurse entwickelt, die nur für Männer gedacht sind.

Von Anne Backhaus

Beim fünfzehnten Mann kippt die Stimmung. Vorher haben sie alle ernst geschaut und Fakten aufgesagt. Den Wissensstand verglichen. Intensivkurs Hypnobirthing, Atemübungen, Kreißsaalbesichtigung, Kurs mit der Hebamme. Die Männer haben nicht von sich, sondern von "wir" gesprochen. Sie haben gesagt, dass sie hier sind, weil sie erfahren wollen, wie sie ihre Frau unterstützen können. Die anderen haben genickt. Jeder hat den genauen Geburtstermin genannt. In zwei Wochen, in drei, in anderthalb Monaten. Vorher waren die Männer so seriös wie sie es wahrscheinlich nicht mal im Businessmeeting sind.

Dann ist Maik dran, der Letzte in der Vorstellungsrunde. "Also ich glaube, mein Kind kommt Ende Juni." Er lehnt im Stuhl, Gel im Haar, die Arme so verschränkt, dass sein blau-weiß kariertes Hemd etwas an den Schultern spannt. Die anderen Männer lachen. Lustig, der Maik kennt den genauen Geburtstermin nicht. Dass der sich traut, das zu sagen. "Die Hebamme meiner Frau ist so esoterisch angehaucht. Ich will endlich Fakten für mich erfahren." Wieder Gelächter. Die Männer lachen nicht über Maik, sie lachen erleichtert. Sie wissen anscheinend, wovon er spricht. "Mir geht diese Hysterie jedenfalls auf den Sack", sagt er dann. "Ich hoffe, hier ist es heute etwas entspannter." Stille. Darf der das auch sagen? Ist das okay? Blick nach vorn. Der Leiter des Geburtskurses "Von Mann zu Mann" steht vor dem Tisch-U, an dem die Männer sitzen. "Fordert mich heraus", sagt er. "Bis jetzt hat mich noch niemand sprachlos gemacht, vielleicht schafft ihr das ja heute." Bann gebrochen, der Kurs fängt an.

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Mehr als 90 Prozent der werdenden Väter begleiten heute ihre Partnerin in den Kreißsaal. Sie schneiden die Nabelschnur durch, halten oft das Neugeborene, bevor es der Mutter in den Arm gelegt wird. Das war noch nie so. Was über Jahrtausende undenkbar war, ist inzwischen für die meisten Paare zur Idealvorstellung geworden. Viele Frauen wünschen sich die Unterstützung ihrer Männer. Studien belegen positive Effekte für Vater-Kind-Bindung und Paarbeziehung. Das gemeinsame Erlebnis Geburt ist derart positiv belegt, dass manche Ärzte schon von einem gesellschaftlichen Druck sprechen, der die Männer in den Kreißsaal zwinge. Obwohl ein Großteil der Väter gerne mitkommt, haben die Mediziner wahrscheinlich nicht ganz unrecht. Ein guter Mann muss heute eben dabei sein.

"Es darf nicht sein, dass von uns nun erwartet wird, bei der Geburt dabei zu sein, und gleichzeitig kaum ein Mann Bescheid weiß, was das überhaupt bedeutet", sagt der Gynäkologe Martin Soder. Deshalb entwickelte er seinen Kurs. Frauen verboten, nichts "mit Hecheln". Seine Sätze sind Sätze für Männer.

Es gibt Schwangerschaftstipps wie: "Klar könnt ihr Alkohol trinken und eure Frau nicht, deswegen muss sie euch aber nicht jedes Wochenende betrunken irgendwo abholen." Außerdem liefert Soder "sportliche" Ratschläge zur Geburt und technische für danach: "Die Nabelschnur durchzutrennen ist im Prinzip nichts anderes als der Übergang von analog zu wireless. Kein Wunder also, dass das die Männer machen!" Später wird einer auf den Evaluationsbogen schreiben: "Ich wusste gar nicht, dass der Sohn von Mario Barth Arzt ist. Tolle Atmosphäre!" Das Männergetue funktioniert erstaunlich gut. Die Kursteilnehmer lachen, machen sich Notizen. Sie fangen vor allem an zu erzählen.

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