Familie über Europa "Mein größter Wunsch ist ein europäischer Pass"

Die Veltes, eine ungewöhnlich europäische Familie: Alena, Laura, Uli, Donatella und Maria (von links).

(Foto: Lena Jakat)

Was ist eigentlich Europa? Und wie fühlt es sich an? Familie Velte hat ihre Wurzeln in Deutschland, Italien und England. Jedes Jahr zu Weihnachten packt sie eine tiefgekühlte Pute in die Dachbox ihres Autos und fährt damit zu den Großeltern nach Italien. Zwischendurch macht sie sich viele Gedanken über Europa. Ein Tischgespräch.

Von Lena Jakat, Heidelberg

Auf jedem einzelnen Klingelschild drängen sich mehrere Namen. Sie klingen spanisch, deutsch, andere lassen sich überhaupt nicht zuordnen. Das Mehrfamilienhaus in Heidelberg liegt zwischen hübschen Läden und Cafés, wenige Schritte die Straße runter schmiegen sich die Uferwiesen an den Neckar. Im zweiten Stock wohnt Laura Velte. In die Küche ihrer WG haben sich ihre zwei Schwestern, ihre Eltern und Hund Leni gequetscht, um an einem verregneten Nachmittag über Europa zu reden. Es gibt selbstgebackenen Karottenkuchen aus England. Er schmeckt ausgezeichnet und ist - was mancher Skeptiker bei diesem Thema befürchten mag - ebensowenig trocken wie das Gespräch.

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"Weitermachen nach der Krise - was wird aus der europäischen Idee?" Diese Frage hat unsere Leser in der fünften Abstimmungsrunde unseres Projekts Die Recherche am meisten interessiert. Dieser Text ist einer von zahlreichen Beiträgen, die sie beantworten sollen. Alles zur Europa-Recherche finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Europa ist Frieden. Über schicksalhafte Zusammenhänge und unglaubliche Selbstverständlichkeiten.

Uli Velte: (mit englischer Betonung) Hydrodynamics. So haben meine Frau und ich uns kennengelernt. Unsere beiden Väter sind Mathematikprofessoren. Mein Vater hat irgendwann eine aufsehenerregende Arbeit geschrieben - eben über Hydrodynamik - woraufhin er nach Italien eingeladen wurde.

Donatella Capriz: Nein, das war ein bisschen anders. Mein Vater hat deinen irgendwo auf einem internationalen Kongress kennengelernt. Wissenschaft kennt eben keine Grenzen.

Uli: So kam es, dass sich unsere Familien kennengelernt haben, als wir beide noch Teenager waren. Es dauerte allerdings noch eine Weile, bis es funkte. (Gelächter bei den Töchtern)

Uli Velte, 54, trampt nach dem Abitur durch Europa und verbringt einige Zeit bei jener befreundeten Familie in der Nähe von Pisa. Er verliebt sich in Donatella. Vier Jahre lang pendelt er zwischen seiner Heimatstadt Würzburg und der Toskana, ehe die beiden auf dem Standesamt in Pisa heiraten und sich entscheiden, nach Hamburg zu gehen, wo ihre drei Töchter geboren werden und aufwachsen.

Donatella: Für mich war klar, dass wir in Deutschland leben würden. Die große Unabhängigkeit, die junge Leute damals, Anfang der Achtziger, hier genossen, hat mir sehr gefallen. Ich habe das Leben als sehr frei, sehr offen erlebt. Anders als in Italien. Gerade in einer kleinen, verschlafenen Provinzstadt wie Pisa war alles damals viel konservativer, traditionalistischer.

Donatella Capriz, 52, ist die Tochter einer Engländerin und eines Italieners. Als sie sechs Monate alt ist, zieht die Familie aus Großbritannien zurück nach Italien. Jedes Jahr fahren Donatella, ihr Bruder und ihre Eltern mit dem Auto nach England, um dort den Sommer zu verbringen. Diese Reisen werden zum festen Bestandteil des Familienlebens. Als Donatella selbst Kinder bekommt, behält sie diese Tradition bei und fährt mit ihrer Familie Jahr um Jahr von Hamburg zu ihren Eltern in die Toskana.

Donatella: Meine Eltern stehen sehr auf Bildung. Deswegen sind wir als Kinder immer mit dem Reiseführer auf den Knien durch Europa gefahren, mussten unterwegs ständig irgendwelche Kirchen anschauen. Auf verschiedenen Routen, mal durch Deutschland, mal durch Frankreich. So wurde ich eigentlich von Anfang an europäisch sozialisiert. Und das, obwohl meine Eltern sehr harte Erfahrungen im Krieg gemacht hatten. Mein Vater war im Arbeitslager "Antonie" der Nazis in Bitterfeld, wo er nur mit Glück lebend rausgekommen ist.

Uli: Da gibt es auch eine Art schicksalhaften Zusammenhang zwischen unseren Familien.

Donatella: Als das Lager, in dem mein Vater inhaftiert war, befreit wurde und er sich auf den Rückweg nach Italien machte, kam er über abenteuerliche Umwege durch Kassel. Die Stadt war völlig zerstört worden. Mein Schwiegervater war in dieser Zeit auch in Kassel - aber in einer ganz anderen Situation. Er hatte seine gesamte Familie in der Bombennacht von 1943 verloren.

Maria Velte: Durch die Erlebnisse unserer Großeltern ist mir die Geschichte sehr nahe. Ich finde es heftig, was für ein Schmerz noch überall drinsteckt, ganz nah. Deswegen sehe ich die EU absolut als Friedensprojekt.

Laura Velte: Ich kenne es nicht anders, als dass wir alle in Europa friedlich miteinander leben. Deswegen nehme ich die EU nicht primär als Friedensprojekt wahr. Aber mir macht es Angst, wie viele rechtspopulistische Parteien diese Errungenschaft einfach so in Frage stellen.

Maria: Total verantwortungslos.

Uli: Meine Generation ist in den Achtzigern gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße gegangen. Die Angst vor dem Atomkrieg war körperlich spürbar. Und auch die großen Kriege der Vergangenheit schwingen immer mit, wenn es um Europa geht. Kaum zu glauben, wie selbstverständlich wir vor diesem Hintergrund miteinander umgehen. Von daher würde ich Europa und die Europäische Union durchaus als Friedensprojekt bezeichnen. Was nicht heißt, dass Europa an sich konfliktfrei ist.

Europa ist Freiheit. Vom Glück, einen riesigen Raum zu haben, wo man sich frei bewegen und ganz viel entdecken kann.

Donatella: Als ich ein Kind war, waren die Grenzen in Europa noch sehr fühlbar. Es war nicht immer angenehm, in einem Auto mit italienischem Kennzeichen unterwegs zu sein. Wenn wir als Italiener irgendwo ankamen und ein Quartier für die Nacht suchten, wurde uns schon mal gesagt, es gäbe keinen Platz. Dann hat meine Mutter englisch geredet und plötzlich war die Sache ganz anders.

Laura: (an ihren Vater gewandt) Du sagst oft, wie erstaunlich du es findest, dass man so einfach herumreisen kann.

Uli: Ihr könnt euch gar nicht mehr vorstellen, wie das vorher war, oder?

Maria: Wisst ihr noch, wie wir ganz früher immer mit dem Auto nach Italien gefahren sind? Alle zu fünft. Weiß auch nicht, wie wir das geschafft haben, da immer lebend anzukommen.

Laura: Und an Weihnachten muss die Pute auch noch mit.

Maria: Standardmäßig gibt es jedes Jahr bei uns in Italien ein englisches Weihnachtsessen. Die Pute muss aber immer prinzipiell aus Deutschland vom Bioladen des Vertrauens nach Italien kommen. Tiefgefroren in der Dachbox. Zusammen mit dem Weihnachtsbaum, der kommt auch aufs Auto. Und dann müssen wir immer erst ausdiskutieren, wann wir feiern: Deutsch - am 24. abends? Oder englisch, beziehungsweise italienisch, am 25. morgens?

Maria, 27, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wirtschaftsgeographie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Während ihres Studiums spezialisiert sie sich auf Ostafrika und ist oft in Kenia und Tansania unterwegs. Sie genießt es, in ihrem Viertel Kreuzberg Italienisch auf der Straße zu hören.

Donatella: Die Mädchen fanden es immer stimmungsvoller, am Abend zu feiern. Außerdem erschien es ihnen bescheuert, dass man am Weihnachtsmorgen aufstehen muss anstatt auszuschlafen. Es ist ein bisschen wie mit Europa. Man muss es immer wieder neu verhandeln.

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Laura: Inzwischen gibt es viel mehr billige Flüge. Es ist völlig normal geworden, einfach jemanden zu besuchen, der gerade Zeit in einem anderen Land verbringt.

Maria: Für uns war die Ryanair-Verbindung zwischen Hamburg/Lübeck und Pisa total wichtig, die hat alles leichter gemacht. Das war eine Zeit lang die Hauptstrecke in unserer Familie.

Laura: Diese Freiheit, das ist schon etwas, was ich mit Europa und der EU verbinde.

Laura, 25, studiert Latein, Italienisch und Germanistik auf Lehramt in Heidelberg. Sie hat nach dem Abitur sechs Monate im Europäischen Freiwilligendienst in Italien gearbeitet, ein Erasmus-Semester in Spanien gemacht und ein Praktikum an einer deutschen Schule in Frankreich absolviert. "Ich habe das volle Programm an Europaförderung ausgenutzt", sagt Laura.

Maria: Auf der einen Seite ist es ganz großes Glück, dass man so einen riesigen Raum hat, wo man sich frei bewegen und ganz viel entdecken kann. Auf der anderen Seite muss man sich auch klarmachen, dass es eine gewisse Doppelmoral gibt. Dass für die Leute, die aus dem Inneren diesen Raums kommen, das alles gewährleistet ist und für die meisten außerhalb eben nicht.