Familie & Partnerschaft Die erste schlechte Note, der erste Streit, der erste Urlaub

Am nächsten Tag beschließt sie: Entweder es klappt oder eben nicht. Mama ist das Fundament, das schweißt zusammen, auch nach ihrem Tod. "Aber am Anfang", sagt Sarah, "war das mit der ganzen Verantwortung ungewohnt."

Vieles passiert jetzt zum ersten Mal: das erste Sonntagsfrühstück mit Kakao und frisch gepresstem Orangensaft. Der erste Elternabend. Der erste Besuch beim Kinderarzt, mit Vollmachten vom Vormund. Das erste Mal einkaufen gehen mit den Mädels, Jeanshosen bedruckt mit Blumen und T-Shirts mit Glitzerbesatz. Die erste schlechte Note. Der erste Streit. Der erste Urlaub in einem Ferienhaus an der Müritz. Das erste Weihnachten zu viert. Das erste Mal zwei kleine Hände halten, eine links und ein rechts, auf dem Weg zur Eisdiele.

Irgendwann kauft Christian einen zweiten Fernseher, weil er nicht ständig "Violetta" und "Germany's next Topmodel" sehen will. Es ist wie bei einem Magnetfeld, das sich neu ausrichtet, weil zwei weitere Magnete dazugekommen sind.

Eltern haben eine falsche Sicht auf die Dinge

Tausendmal gesagt, tausendmal hat es nichts genützt. Macht es Sinn, auf ein Kind einzureden, das mit leerem Blick durch einen hindurchschaut? Psychologin Silke Rieckenberg erklärt, wie Eltern ihr Ziel ohne ständiges Schimpfen erreichen - und endlich wieder Gehör bei Kleinkindern und auch Jugendlichen finden. Katja Schnitzler mehr ...

Einmal steht eine fremde Mutter vor der Tür und beschwert sich über Amelie, die mit ihrer Tochter in eine Klasse geht. Amelie sei gemein zu ihrer Tochter, sagt die Frau. Und Sarah denkt: Irgendwie lächerlich, 3. Klasse. Was einem mit Kindern alles so passiert.

Ansonsten erinnert sich Sarah kaum mehr an etwas aus diesen ersten Monaten. Sie kommt gar nicht zum Nachdenken, sie hat einfach keine Zeit.

Zwei Jahre später arbeitet sie nur noch 30 Stunden pro Woche, aber zu Hause ist immer irgendwas los. Christian hat inzwischen Rückenschmerzen, weil Luisa so gerne an seinen Oberarmen turnt. "Und dieses ständige Trödeln und das Geschnatter im Haus", sagt Sarah. Seit Kurzem gibt es auch noch diese voll süßen Jungs in der Nachbarschaft.

Es ist schwer zu sagen, wer in dieser Zeit wem mehr hilft. "Angst", sagt Sarah, "hatte ich nicht." Die Mutter war zwar nicht mehr da, die konnte sie nicht mehr um Rat fragen. Aber sie erinnert sich natürlich: Wie sie Frühstück für die Kleinen macht. Wie sie tröstet, wie sie schimpft und die Mädchen zum Aufräumen in ihre Zimmer scheucht. Ihre Ordnung gibt Halt.

Die Mutter bleibt auch nach ihrem Tod ein wichtiger Bezugspunkt. Sarah fühlt sich ihr nahe, indem sie weiterführt, was Mama begonnen hat.

Amelie hat vor Kurzem von einer Freundin erzählt, die sagte: Deine Mama ist aber uncool

Natürlich müssen die Hausaufgaben heute auch gleich nach der Schule gemacht werden. Um sechs Uhr: Abendessen. Amelie muss kurz vor acht ins Bett, Luisa um halb neun. Eine Woche hilft die eine in der Küche, dann die andere. Und Fernsehen natürlich nur am Abend. Hobbys wie Tanzen und Chor sind gut, aber bitte schön regelmäßig und immer gut üben. Ein Handy gibt es erst mit 13, auch wenn das Geschrei groß ist. Amelie hat Sarah vor Kurzem erzählt, dass eine ihrer Freundinnen nach der Schule zu ihr sagte: Deine Mama ist aber uncool.

Es ist später Nachmittag geworden in dem Haus am Dorfrand. Die Tür fliegt auf, und Amelie steht am Küchentisch. "Ich weiß nicht mehr weiter in Englisch", plappert sie los, ein flachsblondes Mädchen im lila T-Shirt. Dann erzählt sie von der Freundin und von der Freundin der Freundin und wie die heute im Unterricht den Kunstlehrer fotografiert hat und der Kunstlehrer, wie der letzte Woche wieder im Aufzug stecken geblieben ist, und übrigens, der Musiklehrer . . . "Ach Gott", sagt Sarah, "der Musiklehrer." Einen Moment später sind beide verschwunden: Hausaufgabenkontrolle.

Es ist, als hätten Sarah und Christian zehn Jahre übersprungen

Am Anfang haben Sarahs und Christians Freunde noch gefragt: Habt ihr euch das gut überlegt mit den Kindern? Aber nach drei Jahren haben die beiden schon fast vergessen, wie das war, früher: Last-Minute-Reise nach Zürich und spontane Besuche beim Italiener, auch mal bis spät in die Nacht, man konnte ja immer ausschlafen. Es ist, als hätten Sarah und Christian zehn Jahre übersprungen, sie wurden hineinkatapultiert in eine andere Zeit. Die Elternzeit. Ihre Freunde, die inzwischen eigene kleine Kinder haben, reden über Windeln und Krippenplätze. Christian und Sarah überlegen gerade, ob Amelie als zweite Fremdsprache Latein wählen soll.

"Man ist ja auch stolz", sagt Sarah. Richtig stolz, wenn Amelie im Schulchor beim Adventskonzert singt, erste Reihe. Oder wenn Luisa auf der Faschingsbühne tanzt, in silbernen Leggings und einem Kleid in Neonfarben. Auch ihre Mutter wäre stolz. Auf die Kinder. Auf Sarah und Christian. Wie alles klappt, nach ihren Regeln, ihren Zubettgehzeiten, ihrer Hausaufgabenkontrolle, ihrer Liebe. Als wäre sie lebendig in all diesen Dingen.

Sarah ist jetzt 29 Jahre alt. Irgendwann will sie eigene Kinder haben. Dabei hört sie sich schon längst an wie eine Mutter. Eine echte Mama.