Familie Irgendwas aus der Geschenkekiste

In Spielzeugläden stapeln sich Kisten mit Geschenken, die Geburtstagskinder sich ausgesucht haben.

(Foto: Jakob Berr)

Kinder lieben Geburtstagsgeschenke. Doch die Auswahl übernehmen viele lieber selbst. Und verzichten dafür gern auf die Überraschung. Schlimm - oder?

Von Katja Schnitzler

Kurz nach der Geburt meiner Tochter meldete sich eine Freundin bei mir und erschütterte unsere Beziehung mit der Frage: Ob ich denn eine Liste mit Präsenten für die "Baby Shower" zusammengestellt hätte? Dieser Geschenkeregen würde in den USA eigentlich schon während der Schwangerschaft über den werdenden Eltern niedergehen. Und eine Entscheidungshilfe für Verwandte und Freunde sei doch ganz nützlich. Was für ein Ansinnen!

Ich schenke aus Prinzip gern. Dazu gehört, darüber zu sinnieren, was dem anderen gefallen könnte. Schließlich geht es um ein Zeichen der Wertschätzung, das sich nicht am Preis des Geschenks festmachen lässt, jedenfalls nicht nur. Der andere soll mitbekommen, dass ich mir für ihn Mühe gebe. Ein Gedanke, mit dem sich meine Freundin offenbar nicht belastet.

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Ein Geschenk hat immer eine Botschaft: Du bist mir wichtig. Ich mag dich. Bleib bei mir

Sie werde sicher auch allein etwas Schönes finden, beschied ich pikiert. Das vierte Badehandtuch mit Kapuze verschenkte ich Jahre später unbenutzt, aus den fünf Stramplern in Mini-Größe 52 und Kreisch-Pink war meine Tochter schon mit zwei Wochen herausgewachsen. Aber: Alle Geschenke kamen von Herzen, nicht von der Liste. Ich war mir treu geblieben. Noch.

Ein paar Jahre später kratzte das Kleingedruckte auf einer Einladung zum Kindergeburtstag unangenehm an meinem Präsente-Prinzip: "Ich habe eine Geschenkekiste im Spielwarengeschäft zusammengestellt." Sollte das ein Witz sein? Ein Hochzeitstisch für Vierjährige? Mit sinnfreiem Spielzeug statt 120-teiligen Porzellangeschirrs im Blümchen-Dekor, das sich erstmals Verlobte 1924 im Chicagoer Kaufhaus Marshall Field's zusammenstellten - schon damals eine geniale Marketingstrategie.

Jetzt also Geschenkekisten für Kinder. Wie passend für unsere Zeit, passend zum Kontrollwahn einer Elterngeneration, die sich von Topfschlagen und Wohnungsverwüstungen freikauft, indem sie Partys in Kinos, Indoor-Spielplätze und Töpferwerkstätten auslagert. Wird doch daheim gefeiert, kommt wenigstens ein professioneller Kinderbändiger getarnt als Clown ins Haus. Bloß keine Überraschungen, und also bitte auch keinen Leucht-Schleim, der sich entgegen dem "Hinterlässt keine Spuren"-Aufdruck auf der Verpackung mit unwegwischbaren Flecken auf Wänden verewigt!

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Passen Eltern nicht so gut auf, nutzen Kinder die Geschenkekiste, um endlich an die sinnfreien, regalverstopfenden Präsente zu kommen, die sie juchzen und ihre Eltern aufstöhnen lassen. Und es gibt offenbar niemanden, der ihnen erklärt, dass sie damit ein wunderbares, weltweites Ritual verraten, den Kitt jeder Gesellschaft: Mit dem Geben statt Nehmen versuchen wir seit Jahrhunderten, ach Jahrtausenden, die Bindung zu unseren Nächsten zu stärken.

Soziologen erklären, ein Geschenk habe immer eine Botschaft: Du bist mir wichtig, ich mag dich, bleib bei mir. Also macht sich der eine Gedanken, was dem anderen gefallen könnte, und liest aus jedem Gesichtszucken beim Auspacken, ob er richtig lag. Der andere hat erfreut zu sein oder so zu tun. Eine soziale Kunst, die Vierjährige noch nicht perfekt beherrschen.

Das Geburtstagskind war leicht irritiert, als meine Tochter mit ihrer besten Freundin ein gemeinsames, dafür größeres Geschenk überreichte, das es eindeutig nicht für ihre Kiste ausgesucht hatte. Vorangegangen war eine enge Absprache mit der Mutter des Geburtstagskindes, was diesem wohl gefallen könnte. Sie nutzte die Gelegenheit, ein als pädagogisch wertvoll etikettiertes Brettspiel für die ganze Familie zu empfehlen. Das Geburtstagskind hätte Farbschleim vorgezogen.

Aus gutem Grund: Forscher der US-Universität Stanford fanden heraus, dass sich Beschenkte deutlich mehr über Präsente freuten, die sie selbst auf eine Liste gesetzt hatten, als über andere. Warum? Weil ihre Wünsche respektiert worden waren - und sie genau das bekamen, was sie haben wollten. Während sie sich bei den Fremd-Geschenken fragen mussten, was die mit ihnen zu tun hatten. Und ob der Schenkende überhaupt wusste, worüber sie sich freuten? Ob er sie gut kannte? Die Fremd-Geschenke schufen Distanz statt Nähe.

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