Expertentipps zur Erziehung "Jedes Kind lernt schlafen"

Durchschlafen oder nicht durchschlafen? Eine Frage, die junge Eltern jahrelang begleitet. Psychologin Anette Kast-Zahn gibt Tipps, wie Kinder alleine einschlafen und die ganze Familie mehr Ruhe in der Nacht hat.

Interview: Katja Schnitzler

Die Psychologin Anette Kast-Zahn ist Autorin eines Buches, zu dem schon viele übermüdete Eltern gegriffen haben, schließlich verheißt der Titel einiges: "Jedes Kind kann schlafen lernen". Im Süddeutsche.de-Interview verrät die Autorin, wie Eltern ihren Kindern das Ein- und Durchschlafen erleichtern, ohne dass die Kleinen Angst vor dem Alleinsein im Dunkeln haben müssen.

Süddeutsche.de: Sie arbeiten seit Jahrzehnten mit übernächtigten Eltern, deren Kinder nicht schlafen. Zu welchen absurden Tricks greifen manche Väter und Mütter, um ihre Kleinen endlich zur Ruhe zu bringen?

Anette Kast-Zahn: Ein Paar hatte einen Fön über dem Bett angebracht, der musste eine halbe Stunde laufen, bis das Kind schlief. Auch nachts mehrmals. Und er musste tatsächlich blasen, nur das Geräusch von der CD wirkte nicht. Ein anderer Vater, 1,90 Meter groß, quetschte sich immer mit ins Kinderbett. Eine Mutter lag auf dem Lammfell davor. Das klingt seltsam, aber das waren alles liebevolle Eltern, die versuchten, ihr Kind zum Schlafen zu bringen.

Süddeutsche.de: Trotzdem sind sie damit gescheitert?

Kast-Zahn: Ja, denn auf diese Weise wurde es nicht besser. Das Problem war nicht, dass die Kinder nicht einschlafen konnten, das kann jedes Kind. Schließlich ist Schlafen ein natürliches Bedürfnis wie Essen. Doch diese Kinder hatten gelernt, dass sie nur mit dem gewohnten Ritual und im Beisein der Eltern einschlafen können. Das ist nicht nur am Abend, sondern auch in der Nacht ein Problem.

Süddeutsche.de: Warum?

Kast-Zahn: Jedes Kind wacht in der Nacht mehrmals auf und prüft im Halbschlaf, ob alles in Ordnung ist. Das ist ganz normal. In Ordnung heißt für das Kind aber, dass alles so ist wie beim Einschlafen. Wenn es also feststellt, dass das Fläschchen fehlt, es nicht mehr auf dem Arm der Eltern ruht oder der Fön ausgestellt ist, schlägt es Alarm. Wir hätten auch ein Problem, wenn nachts plötzlich unser Kopfkissen weg wäre.

Süddeutsche.de: Wie können Eltern ihre Kinder also daran gewöhnen, ohne sie einzuschlafen?

Kast-Zahn: Allein das Wissen, dass jedes Kind ohne Eltern einschlafen und in Folge davon auch durchschlafen kann, ist für viele eine große Hilfe. Das bedeutet natürlich nicht, dass das Baby vom ersten Lebenstag an allein im Bett liegen soll. Die ganz Kleinen dämmern oft auf dem Arm oder beim Trinken weg. Nach acht bis zwölf Wochen ist es jedoch sinnvoll, das noch wache, aber müde Kind ins Bett zu legen statt es herumzutragen. Wenn es weint, bleiben Mutter oder Vater daneben sitzen und zeigen mit Streicheln und leisem Sprechen, dass sie noch da sind. Beruhigt sich das Baby nicht, nehmen sie es kurz auf den Arm. Doch wenn es aufhört zu weinen legen sie es wieder ins Bett. So lernt das Baby nach und nach, dass es auch im Bett einschlafen kann. Und findet sich in der vertrauten Einschlafsituation wieder, wenn es aufwacht.

Süddeutsche.de: Was halten Sie vom Schnuller als Einschlafhilfe?

Kast-Zahn: Den Daumen finden Babys natürlich leicht wieder, den herausgekullerten Schnuller nicht. Trotzdem ist er zum Einschlafen ganz gut und etliche Kinder brauchen ihn dann nachts auch gar nicht mehr. Aber wenn die Eltern sechsmal aufstehen müssen, um den Schnuller zu suchen, sollten sie sich überlegen, wie sinnvoll das ist.

Süddeutsche.de: Nicht nur die Eltern wachen auf, für die Kinder ist das ja auch anstrengend.

Kast-Zahn: Das wird meistens von den Eltern übersehen, wenn sich solche kraftraubenden Schlafgewohnheiten verfestigt haben. Können Kinder ihre Einschlafbedingungen im Halbschlaf selbst wieder herstellen, steigt auch die Qualität ihrer Nachtruhe. Wenn sie hingegen merken, dass etwas nicht stimmt und sie weinen, sind sie erst einmal wach.

Süddeutsche.de: Wie lange müssen Eltern durchhalten, bis ihr Kind allein einschlafen kann?

Kast-Zahn: Es gibt Fälle, da nehmen die Kinder die neuen Einschlafbedingungen so schnell an, dass sich die Eltern fragen, warum sie das nicht eher so gemacht haben. Andere, sehr willensstarke Kinder kämpfen um ihre Gewohnheit. Auch lassen sich Kinder davon verunsichern, wenn die Eltern selbst ein wenig Angst vor der neuen Situation haben und das auch ausstrahlen - da wollen die Kleinen natürlich lieber nicht allein bleiben. Außerdem sind nicht alle Kinder zum Schlafen gleich talentiert. Ein Junge sagte mir einmal: "Die Nacht ist nicht mein Freund."

Süddeutsche.de: Müssen sich die Eltern von solchen Kindern mit ihrem Schlafdefizit abfinden?

Kast-Zahn: Sie sollten besser die Schlafzeiten aneinander anpassen. Kleine Wenigschläfer kommen mit unter zehn Stunden in der Nacht aus. Die Eltern müssen die durchschnittliche Schlafdauer ihres Kindes kennen und diese nach und nach so verschieben, dass das Kind nicht schon fünf Stunden geschlafen hat, wenn sie selbst ins Bett gehen. Das Verschieben klappt ganz gut, das merkt man am Wechsel zwischen Sommerzeit und Winterzeit, den Kinder meist gut mitmachen.

Süddeutsche.de: Was ist noch wichtig, damit Kinder durchschlafen?

Kast-Zahn: Ein schönes Einschlafritual, das Nähe vermittelt, bevor die Nacht beginnt, zum Beispiel mit Vorlesen und Kuscheln. Den Kindern soll klar sein: Wir Eltern sind zwar nicht bei dir im Bett oder im Zimmer, aber in Gedanken. Und wir passen auf dich auf. Für einen guten Schlafrhythmus ist auch der Tagesablaufwichtig, er sollte Ruhepausen, aber auch körperlichen Aktivitäten enthalten. Und mit etwa sechs Monaten muss ein Baby nachts eigentlich nichts mehr trinken, auch große Mahlzeiten gehören dann in die Tageszeit.

Süddeutsche.de: Die nächtliche Flasche abzuschaffen ist gar nicht so leicht. Das nehmen viele Eltern erst auf sich, wenn der Leidensdruck zu groß wird.

Kast-Zahn: Klar, wenn alle sich wohlfühlen, gibt es auch kein Problem. Aber das ändert sich oft mit der Zeit. Ein kleiner Junge schlief immer im Bett der Eltern, das war für sie zweieinhalb Jahre lang in Ordnung. Doch dann wurde der Schlaf der Eltern dadurch immer unruhiger und sie wollten das nicht mehr. Viele Mütter und Väter trauen sich jedoch nicht, so ein Problem anzugehen und machen es nur halbherzig. Das bringt aber nichts.

Süddeutsche.de: Sollten diese Eltern ihre Kinder also ruhig ein bisschen länger schreien lassen?

Kast-Zahn: Im Gegenteil, ich empfehle unsicheren Eltern die sanfte Pingpong-Methode: Statt in Drei-, Fünf- und Sieben-Minutenabständen gehen Sie jede Minute wieder ins Zimmer, wenn das Kind allein im Bett weint, versichern ihm mit Worten und Berührungen, dass Sie da sind und auf es aufpassen - und gehen dann wieder raus. Wer das nicht aushält, setzt sich eben mit ins Zimmer, damit das Kind nicht allein ist. Allerdings reichen sie nichts zu trinken und tragen das Kind nicht herum. Wenn das Kind dann trotzdem weiter weint, zeigt das, dass es eigentlich keine Angst vor dem Alleinsein hat, die Eltern sind ja im Zimmer. Vielen Eltern fällt es dann leichter, zur Pingpong-Methode zu wechseln, weil sie nun wissen: Mein Kind hat ja gar keine Angst.

Süddeutsche.de: Können Eltern auch jüngere Babys dazu bringen, nachts zumindest mehrere Stunden am Stück zu schlafen?

Kast-Zahn: Für Neugeborene ohne Tag- und Nachtrhythmus gibt es noch keine Regel, aber Drei-Monatskinder haben schon die Fähigkeit, nachts drei bis fünf Stunden am Stück zu schlafen. Die sollten sich dann möglichst mit der Schlafzeit der Eltern überschneiden. Hilfreich ist es auch, dass die Mutter dem Baby nochmal Nahrung anbietet, wenn sie selbst zu Bett geht.

Süddeutsche.de: Und das Kind dafür weckt?

Kast-Zahn: Dieses eine Mal dürfen Sie das schon. Bei manchen Babys klappt das sehr gut, die schlafen dann auch länger. Andere werden allerdings nicht wach genug zum Trinken. Ab einem Alter von drei Monaten können Eltern zudem versuchen, dem Kind nach dem Aufwachen nicht sofort etwas zu trinken zu geben und so die Zeiten zwischen den nächtlichen Mahlzeiten etwas auszudehnen.

Süddeutsche.de: Häufiges Wecken in der Nacht kann Eltern an den Rand des Nervenzusammenbruchs bringen. Was tun, wenn man am Bettchen steht und merkt, dass man bald die Kontrolle verliert?

Kast-Zahn: Bevor jemand das Kind schlägt, verzichtet er besser auf seine Prinzipien und holt es zu sich ins Bett, da beruhigen sich fast alle Babys. Auch wenn es die meisten nicht zugeben würden, viele kennen den gefährlichen Gedanken, ich könnte dieses schreiende Baby jetzt nehmen und schütteln! Wer da die Kontrolle verliert, setzt die Gesundheit seines Kindes aufs Spiel. Auch deshalb ist es so wichtig, den Kindern das richtige Schlafen beizubringen. Kindesmisshandlung hat viel mit Überforderung und Hilflosigkeit zu tun. Wer sich aber durchringt, das Problem methodisch anzugehen, der weiß, dass die kommenden Nächte anstrengend werden. Aber er hat die Situation selbst in der Hand und ist ihr nicht mehr ausgeliefert. Dann ist die Gefahr nicht mehr so groß, dass Eltern durchdrehen.

Die Diplom-Psychologin Anette Kast-Zahn ist Mutter von drei Kindern und hat seit 1991 eine Praxis für Verhaltenstherapie. Zuvor arbeitete sie in einem Heim mit verhaltensauffälligen Kindern und in einer kinderpsychologischen Praxis. Sie verfasste unter anderem die Elternratgeber "Jedes Kind kann Regeln lernen" und "Jedes Kind kann schlafen lernen" (zusammen mit H. Morgenroth).

Am Anfang, wenn Babys noch nicht unterscheiden zwischen Tag und Nacht, ist es für Eltern am anstrengendsten. Leider kehren die schlaflosen Nächte zuweilen auch bei älteren Kindern zurück. Vor allem, wenn ein Maulwurf im Bett haust. Die Erziehungs-Kolumne.