Expertentipps zur Erziehung Ist das Christkind eine Lüge?

Wie, es gibt kein Christkind? Und der Heilige Nikolaus ist schon lange tot?

(Foto: dejanristovski/iStockphoto.com)

Du musst uns immer die Wahrheit sagen, lehren Eltern ihre Kinder. Doch vor Weihnachten erzählen sie, die Geschenke bringen Christkind oder Weihnachtsmann. Ein Interview mit Familienberater Jan-Uwe Rogge über absolute Ehrlichkeit und das Recht auf ein wenig Zauber.

Von Katja Schnitzler

Anfang Dezember kommt der Nikolaus mit seinem vollen Sack, in und vor den Geschäften treffen Familien auf den weiß-rot-gewandeten Weihnachtsmann. Und an Heiligabend erklären die Eltern, dass Engel am Himmel fliegen und im Wohnzimmer zugange sind - schließlich könne das Christkind die Geschenkemenge allein nicht verteilen. Doch darf man sein Kind darüber täuschen, woher die Präsente stammen?

Süddeutsche.de: Herr Rogge, dürfen Eltern ihre Kinder über Weihnachtsmann, Christkind und Engelsscharen anschwindeln?

Jan-Uwe Rogge: Kinder zwischen drei und neun Jahren sind in einer magisch-realen Phase. Zum einen sehen sie sehr realistisch, dieser Baum ist ein Baum. Zugleich können sie sich vorstellen, mit dem Baum zu reden oder seine Blätter flüstern ihnen etwas zu. Auch an den Weihnachtsmann und an das Christkind glauben die Kinder nicht nur einfach so, sie wollen daran glauben. Also lügen Eltern ihre Kinder nicht an, sondern bereichern vielmehr ihre Traumwelt. Der Glaube an das Christkind hört mit dem Ende dieser magischen Phase von allein auf.

Doch manchmal verrät ein anderes Kind: "Das Christkind gibt's ja gar nicht!" Wie verhalten sich Eltern richtig, wenn ihr Kind wissen will, ob das wirklich wahr ist?

Nehmen Sie Ihr Kind in den Arm und fragen: "Was meinst du denn, ob es den Weihnachtsmann gibt und ob der Geschenke bringt?" Die meisten Kinder wollen in ihrer fantastischen Welt bleiben und erfinden selbst Lösungen, wie: "So große Kaufhäuser gibt es doch gar nicht, in denen alle Geschenke für alle Kinder gekauft werden können".

Aber irgendwann kommen die Kleinen den Eltern auf die Schliche, die immer sagen: "Du sollst die Wahrheit sagen und auch wir lügen dich nicht an." Erschüttert der Weihnachtsschwindel das Vertrauen in Mutter und Vater?

Fragt ein dreijähriges Kind, "Wo war ich eigentlich, bevor ich zu euch kam?", können es die Eltern wieder selbst überlegen lassen. Vielleicht stellt es sich dann vor, als glitzernde Schneeflocke auf der Erde gelandet zu sein. Es wird aber nicht auf die Eltern sauer sein, wenn es ein paar Jahre später erfährt, dass seine Entstehung nichts mit Schneeflocken, sondern mit Samen und Eizelle zu tun hatte. Es wird eher dankbar sein, dass seine Eltern es in der magischen Phase begleitet haben, statt es zu entzaubern.

Trotzdem wollen manche Eltern ihren Kindern die Wahrheit und nichts als die Wahrheit sagen, auch über den Weihnachtsmann. Was bedeutet das für die Kinder?

Das sind Eltern, die sich pädagogisch besonders wertvoll verhalten wollen. Leider bestrafen sie ihre Kinder eher damit - und werden scheitern, denn die Kleinen denken sich dann selbst ihre Märchen aus. Notfalls fragen sie eben ihren Opa, ob er nicht der Weihnachtsmann für sie sein will. Eltern sollten das Spiel lieber mitmachen, das bereitet uns ja auch Freude. Schließlich steckt in jedem von uns das Kind von früher und die Sehnsucht nach dieser magischen, zauberhaften Welt. Advent ist ja eine Zeit der Rückbesinnung. Es ist ein Kind geboren, darum geht es doch an Weihnachten. Also sollten wir das Kind vor uns und in uns annehmen und wertschätzen.

Dem Nikolaus begegnet man im Advent an jeder Ecke: auf dem Christkindlmarkt, im Kaufhaus, im Kindergarten und auch noch im Süßigkeitenregal. Trotzdem haben manche Kinder Angst vor ihm. Warum eigentlich?

Wenn Kinder das Gefühl haben, der tritt mir autoritär und strafend gegenüber, anstatt sich wie der echte Heilige Nikolaus gütig, zugewandt und liebevoll zu geben, dann fremdeln Kinder natürlich. Der Nikolaus sollte auch nicht das Sündenregister der Kinder aufzählen.

Und wenn der Krampus den strengen Part übernimmt?

Kinder erschrecken, wenn dieser finstere Gesell im Wohnzimmer steht und drohend die Rute schüttelt. Das passt weder zur Legende vom gütigen Nikolaus noch zum Advent.

Der Familien- und Kommunikationsberater Jan-Uwe Rogge ist Autor zahlreicher Erziehungsbücher, unter anderem schrieb er gemeinsam mit Anselm Grün "Kinder fragen nach Gott: Wie spirituelle Erziehung Familien stärkt".

Kinder müssen nicht bis Heiligabend auf Geschenke warten, vorher kommt der Nikolaus. Wenn er nur nicht dieses goldene Buch dabeihätte, in dem alle kleinen und großen Unartigkeiten der Kinder stehen. Da hat sogar die Mutter ein schlechtes Gewissen. Die Erziehungs-Kolumne "Kinder - der ganz normale Wahnsinn".