Expertentipps zur Erziehung "Doktorspiele sind völlig in Ordnung"

Wenn Kinder ihren Körper und ihre Sexualität entdecken, stehen Eltern vor der Frage: Wie konkret dürfen sie bei der Aufklärung von kleinen Kindern werden? Psychologin Helga Tolle über die richtigen Antworten bei schwierigen Fragen.

Interview: Katja Schnitzler

"Wie kommt das Baby in den Bauch?" Nicht erst mit dieser Frage beginnt die Sexualaufklärung eines Kindes.

(Foto: Suprijono Suharjoto - Fotolia)

Manche Fragen bringen Eltern in Nöte: Wie kläre ich mein Kind richtig auf und was darf es in welchem Alter schon wissen? Diplom-Psychologin Helga Tolle rät Müttern und Vätern, das Interesse der Kinder als Chance zu sehen - und diese zu nutzen.

Süddeutsche.de: Irgendwann stellt jedes Kind diese Frage: "Wie kommen eigentlich die Babys in den Bauch?" Wie detailliert sollte die Antwort der Eltern ausfallen?

Helga Tolle: Erst einmal müssen Eltern keine Angst haben, sondern können sich über das Interesse des Kindes freuen. Und dann sagen die Eltern, wie es ist: Bei ganz kleinen Kindern reicht die Erklärung, dass ein Kind im Bauch heranwächst, wenn sich "Mama und Papa ganz lieb haben". Vier- bis Fünfjährige sind mit ihrer kognitiven Entwicklung schon viel weiter, da dürfen die Eltern durchaus erklären, dass der Mann den Penis in die Scheide der Frau steckt. Bei Sechs- bis Siebenjährigen kann man noch weiter differenzieren und den Zusammenhang zwischen Samen und Eizelle erläutern. Generell geht es darum, das Reale in einfachen Worten unkompliziert darzustellen.

Für Vierjährige ist diese Beschreibung schon sehr direkt, das fällt einigen Eltern sicher schwer ...

Das dürfen die Eltern ihren Kindern gegenüber ruhig eingestehen und sagen, ich muss mir die Antwort noch ein wenig überlegen. Sie können vielleicht ein altersgerechtes Buch dazu besorgen, Bücher sind sehr gute Hilfsmittel bei dem Thema. Das sollten sie dann aber auch tun und das Kind nicht immer wieder vertrösten. Ebenso können Mütter und Väter zurückfragen: "Was hast du schon darüber gehört?" Und dann auf dem Vorwissen aufbauen. Eltern müssen keine Angst davor haben, dass Kinder die Informationen nicht verarbeiten. Meistens ist das Thema weniger ein Problem der Kinder als der Eltern.

Doch Eltern werden auch mit Reaktionen ihrer Kinder konfrontiert, die die Vorstellung vom Geschlechtsakt "eklig" finden ...

Dem sollten die Eltern entgegnen, dass diese Reaktion ganz in Ordnung ist, schließlich ist das etwas, was nur Erwachsene machen. Außerdem dürfen die Eltern vermitteln, dass es nicht nur um den mechanischen Vorgang geht, sondern auch um Emotionalität. Kinder finden das Thema im Gegensatz zu den Eltern nicht schwierig, sondern spannend. Und wer sollte ihre Fragen beantworten, wenn nicht die Eltern? Das ist zudem eine Chance für sie, ihre Werte und bestimmte sexuelle Sichtweisen weiterzugeben: Zum Beispiel wenn sie es wichtig finden, dass nur Erwachsene miteinander schlafen, die sich wirklich liebhaben.

Müssen Eltern befürchten, dass ihre Kinder das neu Gehörte auch ausprobieren wollen?

Eltern setzen oft die triebgesteuerte Erwachsenensexualität mit der kindlichen Sexualität gleich, was ihnen Angst macht. Sie sollten aber vieles aus dem Blickwinkel des Kindes sehen. Grundsätzlich ist sexuelle Aufklärung von Kindern ja weitaus vielschichtiger, es geht auch um eigenes Körperempfinden. Die Neugier der Kinder darauf, wie Erwachsene miteinander umgehen und die Frage, wie Babys entstehen, sind nur ein Teil der Sexualerziehung. Wenn angezogene Kindergartenkinder zu zweit fröhlich einen Geschlechtsakt nachahmen, muss sich niemand Sorgen machen. Und wenn kleine Jungen merken, dass ihr Penis steif wird, ist das für sie ein harmloser Spaß und nicht wie bei Erwachsenen Teil der Befriedigung ihres Sexualtriebes.

Der Spaß wird manchen Eltern aber peinlich, wenn ihr kleiner Sohn nur noch mit einer Hand in der Hose herumläuft ...

Sexualaufklärung heißt ja nicht, alles durchgehen zu lassen. Es geht auch um Schamgrenzen - nicht nur um die des Kindes, das sich vielleicht nicht mehr nackt zeigen will, was man respektieren sollte. Sondern ebenso um die Schamgrenzen der Eltern. Grundsätzlich ist Onanieren eine normale Form, den eigenen Körper kennenzulernen: Das fängt bei Babys mit dem zielgerichteten Berühren an, später rutschen Mädchen eben am Stuhl herum und Jungs haben die Hand in der Hose. Das bereitet den Kindern schöne Gefühle und ist nichts Böses. Weil ständiges Onanieren aber über die Schamgrenzen der Erwachsenen hinausgeht, sollten sie ihren Kindern sagen: "Ich weiß, dass das schön ist, aber jetzt möchte ich das nicht. Das kannst du allein in deinem Zimmer machen."