Expertentipps zur Erziehung Schaffen Kinderturnen und Vereine den Ausgleich?

Welche Auswirkungen hat es auf Kinder, wenn sie fast rund um die Uhr entweder sitzen oder liegen?

Körperliche Folgen wie zum Beispiel Übergewicht sind bekannt. Noch kann man aber nicht einschätzen, wie sich dieser Wandel langfristig auf die Gehirnentwicklung der Kinder auswirkt. Vor den Bildschirmen sind sie sehr einseitigen Reizen ausgesetzt, hauptsächlich visuellen. Wenn sie aber nach draußen gehen, erhalten sie eine Vielzahl an stimulierenden Eindrücken: Klettern sie auf einen Baum, müssen sie greifen, sich hochziehen, die Bewegungsabläufe planen und fühlen die Rinde. Spielen sie mit anderen, kommt noch soziales Lernen hinzu, das Emotionale und Zwischenmenschliche. Und ihr Selbstbewusstsein wird auch gestärkt.

Was müssen Eltern ändern, damit ihre Kinder aktiver werden?

Sie können viel dafür tun, sogar schon während der Schwangerschaft: Mütter die sich gesund ernähren und bewegen, prägen die kindlichen Gehirne ihrer Kinder mit. Später sollten Eltern bewusst möglichst viele Aktivitäten im Alltag unterbringen: Welche Strecke muss wirklich mit Auto, U-Bahn oder Bus gefahren werden? Kann das Kind den Schulweg zu Fuß, mit dem Roller oder Rad zurücklegen? Da braucht man den Mut, zu sagen, es schadet nichts, mit der richtigen Kleidung auch bei Regen ohne Auto zum Unterricht zu kommen. Dieser Standpunkt vermittelt eine bewusste Wertschätzung der Bewegung und den Kindern Selbstvertrauen, weil sie ihren Schulweg selbständig bewältigen.

Aber viele sind in Großstädten zum Beispiel auf die U-Bahn angewiesen ...

Auch hier könnten sie eine Station zu Fuß gehen oder radeln, und die Eltern könnten auf ausreichend Ausgleich achten. Schließlich sollten sich Kinder ein bis zwei Stunden am Tag bewegen, da ist mit dem Schulweg oft schon viel abgedeckt.

Was bringen wöchentliche Angebote wie Kinderturnen oder der Sportverein?

Sie fördern das soziale Miteinander und bewirken eine positive Einstellung zur Bewegung: Sie sind somit eine gute Grundlage, um Aktivitäten weiterzuentwickeln. Wer den Nachwuchs erst im Jugendalter motivieren will, ist zu spät dran. Was Hänschen nicht lernt, fällt Hans doch sehr schwer. Die Freude an der Bewegung muss früher geweckt werden. Einen Beitrag dazu kann das Kinderturnen leisten, hier wird mit Koordinationstraining die Basis für jede Sportart gelegt. Allerdings darf man diese wöchentliche Stunde nicht als Alibi benutzen, ansonsten faul zu sein. Da muss man sich überwinden. Ich selbst hatte auch eine 5 im Schulsport. Aber meine Mitbewohnerin, eine Sportstudentin, hat mich motiviert. Heute achte ich darauf, Sitzenbleib-Fallen wie den Fernseher bewusst zu vermeiden oder wenigstens zu begrenzen.

Schulsport kann ja unsportlicheren Kindern die Freude an der Bewegung sogar eher verleiden ...

Dann liegt es wieder an den Eltern, die Kinder zu begeistern. Aus eigener Erfahrung wissen wir ja, mit dem Sonntagsspaziergang klappt das eher nicht. Aber sie könnten ja mit dem Nachwuchs klettern oder in den Bergen wandern. Das tut der ganzen Familie gut.

Prof. Dr. Dr. Christine Graf hat sich von ihrer Abneigung gegen den Schulsport nicht prägen lassen und sorgt heute selbst in einem Projekt der Sporthochschule Köln dafür, Kindern die Freude an der Bewegung zu vermitteln - auch im Unterricht (Children's Health Interventional Trial). Sie ist außerdem Ko-Autorin der Bücher "Bewegungsmangel und Fehlernährung im Kindes- und Jugendalter - Folgen und Therapiemöglichkeiten" sowie "Ball und Birne: Ein ganzheitliches Konzept zur Gesundheits- und Bewegungsförderung im Vorschulalter".

Kinder, die zu dick sind, nicht rückwärts gehen können und keine Lust auf Bewegung haben. Da sollten wir was unternehmen, sinnieren die Eltern, während sie ihr Kind in die Schule fahren. Die Erziehungs-Kolumne