Englische Arbeiterschicht Schlägereien, Sex und Fußball

Schützenswerte Minderheit? Junge englische Männer ohne Migrationshintergrund interessieren sich oft mehr für Fußball als für ihre Ausbildung.

(Foto: AFP)

Junge weiße Männer werden in England nicht nur zahlenmäßig immer weniger - sie interessieren sich auch für alles andere als für ihre Ausbildung. Ein britischer Minister will sie deshalb zur schützenswerten Minderheit erklären lassen. Vor allem der Arbeiternachwuchs müsse dringend gefördert werden.

Von Christian Zaschke, London

Was, so fragte eine britische Studie schon vor zehn Jahren, beschäftigt junge weiße Männer der heimischen Arbeiterklasse am meisten? Wenig überraschend waren es nicht die schönen Künste, es war auch nicht der Hunger nach Bildung. Es waren laut der Studie von Ofsted, einer Organisation, die das Ausbildungsniveau in Großbritannien überwacht, die drei großen F: Fighting, Football, F. . .ing, also Schlägereien, Fußball und Geschlechtsverkehr.

Seit Publikation der Studie betrachtet Ofsted die Entwicklung junger weißer Männer aus der Arbeiterklasse mit Sorge, denn diese werden mehr und mehr abgehängt. Mittlerweile ist das Problem so groß, dass der für die Universitäten zuständige Staatsminister David Willetts fordert, diese Männer müssten künftig im Land wie eine ethnische Minderheit behandelt und speziell gefördert werden.

In einem Gastbeitrag des Independent vom Donnerstag führte Willetts nun detailliert aus, was er meint: An den Universitäten sind junge weiße Männer aus der Arbeiterklasse tatsächlich eine Minderheit; sie sind fast schon eine bedrohte Spezies. Daher, meint Willetts, müssten sie gezielt gefördert werden.

In Großbritannien soll das Office for Fair Access (Offa) dafür sorgen, dass Kinder aller Ethnien und aus allen Schichten gleiche Bildungschancen haben - zumindest im staatlichen Bildungssystem. Eine kleine Elite kann es sich leisten, ihre Kinder auf teure Privatschulen zu schicken. Rund sieben Prozent der Schüler besuchen solche Institutionen. Aus dieser Gruppe rekrutieren sich später rund 70 Prozent der britischen Führungskräfte.

Alle übrigen Schüler sind auf staatliche Schulen angewiesen, und anschließend darauf, dass die Universitäten ihre Plätze fair verteilen. Offa weist darauf hin, dass weiße Männer aus der Arbeiterklasse an den Unis nicht rar sind, weil sie benachteiligt würden, sondern weil sie sich gar nicht erst bewürben. Schon in der Schule sind ihre Leistungen signifikant schlechter als die von Jungen aus der Mittelklasse - und vor allem schlechter als die von Mädchen.

Steigende Gebühren - weniger Studenten

Derzeit sind an britischen Universitäten 984.000 Studentinnen und 713.000 Studenten eingeschrieben. Es wird erwartet, dass diese Lücke noch bedeutend größer wird. Willetts schreibt: "Ich mache mir Sorgen darüber, dass es so aussieht, als würden junge Männer zunehmend schlechtere Leistungen abliefern." Im Herbst sank die Zahl der männlichen Erstsemester im Vergleich zum Vorjahr um 54.000, ein Rückgang von 13 Prozent. Zwar haben auch weniger junge Frauen als im Vorjahr ein Studium aufgenommen, aber der Rückgang beträgt lediglich rund drei Prozent.

Dass geringfügig weniger junge Menschen in Großbritannien ein Studium aufnehmen, lässt sich mit den Studiengebühren erklären. Die konservativ-liberaldemokratische Koalition hat die Gebühren verdreifacht. Die meisten Unis verlangen jetzt 9000 Pfund im Jahr. Das Gros der Studenten finanziert diese Gebühren über einen Bildungskredit. Doch viele Schulabgänger schreckt die Aussicht, am Ende des Studiums Schulden in Höhe von bis zu 50 000 Pfund angehäuft zu haben - sie entscheiden sich gegen die Uni.

24 Prozent der schwarzen jungen Männer sind arbeitslos

Willetts Vorstoß, junge weiße Männer aus der Arbeiterklasse als ethnische Minderheit zu fördern, kommt zu einem interessanten Zeitpunkt. Erst vor gut zwei Wochen sind die Daten der jüngsten Volkszählung im Königreich veröffentlicht worden. Diese besagen unter anderem, dass in London der Anteil der weißen britischen Bevölkerung im vergangenen Jahrzehnt von 60 auf 45 Prozent gesunken ist. 37 Prozent der Bewohner Londons sind Ausländer, landesweit sind es rund 13 Prozent. London ist damit, wie die Financial Times schreibt, die erste westliche Hauptstadt mit einer mehrheitlich nicht-weißen Bevölkerung - allerdings räumt das Blatt ein, dass Washington je nach Grenzziehung ebenfalls nicht mehrheitlich weiß ist; Gleiches gelte für Brüssel, die "Hauptstadt der Botschaften".

Fraglich ist, ob es tatsächlich praktikabel ist, weiße junge Männer aus der Arbeiterklasse als ethnische Minderheit zu fördern. Der Generaldirektor der Versammlung der Schulleiter von unabhängigen Schulen warnte bereits: Man könne bei gleicher Qualifikation nicht künftig Mädchen aus der Mittelklasse ablehnen, weil es vorgeschrieben sei, Jungen aus der Arbeiterklasse zu fördern. Jeder Fall müsse individuell betrachtet werden. Zudem ist abzusehen, dass Willetts Vorstoß bei den tatsächlichen ethnischen Minderheiten auf Verwunderung stoßen könnte. Denn mindestens so beunruhigend wie die geringe Zahl von weißen, männlichen Arbeiterkindern an den Unis ist die Tatsache, dass in Großbritannien die Hälfte aller 16 bis 24 Jahre alten schwarzen Männer arbeitslos ist.