Doofe Weihnachtskarten O du Peinliche

Die Weihnachtskarte der LKA-Pressestelle.

Weihnachtspost gilt als nett und unverfänglich. Doch warum folgen selbst Wirtschaft und Politik plötzlich dem Drang, sich für ihre besinnlichen Grüße mit Toga und Rentiernase abzubilden? Über die neue Selbstentblößung im Advent.

Von Detlef Esslinger

Das Weihnachtsfest hält eine Reihe von Prüfungen bereit, sie verteilen sich auf mehrere Zeiträume: Advent, Weihnachten und in Ausnahmefällen sogar Ende März. Wie problematisch Weihnachten als solches ist, darf als hinlänglich bekannt unterstellt werden; eine der wenigen neuen Pointen dazu hat vor ein paar Tagen der Fußballspieler Luiz Gustavo vom FC Bayern München beigesteuert. Auf die Frage in der Vereinszeitschrift, was es denn bei ihm daheim zu essen gebe, antwortete er mit all der Unterscheidungsfähigkeit, die ihm zur Verfügung steht: "Mal Fleisch, mal Huhn."

Der Advent hingegen gehört zu jenen Zeiten, für die das Gefahrenbewusstsein noch zu schärfen wäre. Unter allen Irrtümern, die einem im Laufe des Jahres zustoßen können, ist dies nicht der geringste: dass der Advent die Zeit sei, in der man Weihnachtsgrüße schreibt. Es ist dies allerdings eine Prüfung, die je nach Verfasser mit durchaus unterschiedlichem Erfolg absolviert wird. Ein Weihnachtsgruß ist ja immer auch eine Art Selbstporträt; nur dass dies eben nicht jeder Schreiber merkt. Was teilt zum Beispiel jener Mensch mit, der eine Weihnachtskarte verschickt, auf der alles vorgedruckt ist, nur sein Name nicht? Den er zwar per Hand daruntersetzt, aber dies leider ausschließlich in der Unterschriftenversion. Für den Empfänger ist in dem Moment einerseits kaum zu erschließen, um wen es sich bei dem Grüßer handelt. Andererseits: Es wird jemand sein, der nicht daran zweifelt, als allgemein bekannt zu gelten.

Der Namenszug ist indes nur die abschließende Auskunft, die einer beim Verfassen seiner Karte erteilt. Vorher sind, unter anderem, solche Mitteilungen verbreitet: Ein Gewerkschaftsmann benutzt seine Grüße, um darauf hinzuweisen, dass im kommenden Jahr Gewerkschaftstag sein wird. "Viele wichtige Anträge und die Neuwahl des Vorstandes stehen auf der Tagesordnung." Ein Chefredakteur vom Fernsehen hofft, dass "unser Parteiensystem wieder zu festerer Ordnung findet". Gewerkschafter und Chefredakteur, zwei Menschen offenbar, denen Entspannung nicht gegeben ist, auch Weihnachten nicht. "Ein Jahr geht zu Ende, die Wirkung bleibt und der Wind eines neuen Jahres beginnt" - hier wiederum teilt jemand ersichtlich Ambitionen mit, zumindest, was Poesie betrifft.

Der weihnachtliche Facebook-Gruß von FCK-Kapitän Albert Bunjaku.

Es gibt Menschen, die scheinen die Gefahr zu ahnen. Aber es fehlen ihnen die Mittel, ihr auszuweichen. "Vielen Dank für die gute Zusammenarbeit" - wer diesen Satz versendet, glaubt womöglich, sich ins Harmlos-Unverbindliche gerettet zu haben. Aber liest man das nicht meistens bei denjenigen, die auch sonst eher selten durch Ideen auffallen? Und bei Menschen, mit denen man seit Jahren schon keine Zusammenarbeit hatte, ja womöglich: noch nie? Und nun verschicken sie an Weihnachten ihren Dutzendtext. Schönen Gruß an den hier anonym bleiben sollenden Herrn, der exakt diese Formulierung seit Jahren schickte, nur dieses Mal kam: nichts. Er hat nämlich gerade etwas Ärger mit dem Staatsanwalt, alle Medien haben darüber berichtet.

Also: lieber gar nichts äußern, sich auf ein Bild beschränken? Der Fußballspieler Bunjaku aus Kaiserslautern hält ein Mikrofon, aber schweigt; der Sänger Lindenberg hält kein Mikrofon, schweigt aber natürlich nicht - und die Pressesprecher des Bayerischen Landeskriminalamtes: Mühe haben sie sich gegeben; Dutzendware ist das Letzte, was ihnen in ihren römischen Gewändern vorzuwerfen wäre. Was aber soll man halten von den beiden Sprechern einer großen Volkspartei, die sich für ihre Weihnachtskarte jeweils eine rote Pappnase plus Rentierhorn aufgesetzt haben, Pfötchen zeigen und dieses Produkt per Mail zugestellt haben? Sagen wir's mal so: Sie baten dringend darum, dieses Bild hier nicht abzudrucken.

Sollte also nun einer befürchten, dass es heikler wohl kaum noch vorstellbar ist, muss man sagen: Doch, das geht. Von einer Volksbank in der Eifel ist bekannt, dass sie vor einiger Zeit einen Redner zu Gast hatte. Als der Mann mit seinem Vortrag fertig war, betrat der Chef die Bühne, im Arm hatte er einen Präsentkorb. Feierliche Überreichung, und gegen den Inhalt war auch grundsätzlich nichts einzuwenden: 1 Weihnachtskarte, 1 Packung Spekulatius, 1 Tüte Zimtnudeln, 1 Glühweinglas, 1 Packung Marzipan, unter anderem. Das Problem: Es war bereits Ende März, und die Spekulatius noch exakt sechs Tage haltbar. Es war möglicherweise ein Fall, in dem sich jede Debatte über Nebeneinkünfte verbietet.

Udo Lindenbergs Unicef-Kunst.

(Foto: dpa)