Diskussion um Gesundheitsfonds Scheinheiligkeit im Endstadium

Der Gesundheitsfonds erfüllt vor allem einen Zweck: die Wahrheit über die Kosten medizinischer Dienstleistung zu verheimlichen.

Eine Außenansicht von Dietrich Grönemeyer

Geben Sie Gestaltungsfreiheit - Madame! Möchte man frei nach Friedrich Schiller der Bundeskanzlerin zurufen. Beweist sich Größe doch nicht im Beharren auf einer falschen Entscheidung, sondern in dem Mut, von einer solchen auch wieder abzurücken.

Und wann wäre die Gelegenheit dazu gegebener als jetzt, da ohnehin alles neu verhandelt werden muss, kein Grund mehr besteht, Zugeständnisse zu bewahren, die man dem früheren Koalitionspartner glaubte schuldig zu sein. Niemand würde der neuen Bundesregierung eine solche Korrektur vorhalten oder gar nachtragen, nicht, wenn es um die Abschaffung des Gesundheitsfonds geht.

Beendigung eines Schildbürgerstreichs

Der scharfe Schnitt wäre schließlich nicht mehr als die Beendigung eines Schildbürgerstreichs. Oder wie sonst sollte man die Schaffung einer Behörde bezeichnen, an die die Krankenkassen das Geld, das sie einsammeln, abführen müssen, um es dann von ebendieser Behörde wieder zugeteilt zu bekommen, gekürzt und verspätet zumeist. Und niemand soll hier behaupten, dass sich eine solche Bürokratie, wenn sie erst einmal in Gang gesetzt ist, nicht so ohne weiteres abwickeln lässt.

Erschaffen ließ sie sich ja auch sozusagen aus dem Stand heraus, und ohne Not. Zwar stimmt es, dass eine transparentere Struktur des Krankenkassensystems angezeigt ist, doch wann wäre so etwas je durch eine Superbehörde erreicht worden. Derartiges dient doch am Ende bestenfalls ideologischer Selbstbefriedigung, der Rechtfertigung der Politik durch Betriebsamkeit.

Niemand braucht aber eine politische Klasse, die den Charakter einer eigenen Spezies anzunehmen droht und die sich offenbar schon als so speziell empfindet, dass sie sich für die Schweinegrippen-Impfung ein eigenes Serum reservieren wollte, ein anderes als das, das "den Menschen" zur Verfügung stehen sollte.

Diese "Menschen", von denen die Bundeskanzlerin so gern spricht, die sie tituliert, als handle es sich um eine eigene Art, der sie sich selbst schon gar nicht mehr zugehörig fühlt - diese "Menschen" haben zu allererst einen Anspruch darauf, als Bürger ernst genommen zu werden. Sie sind keine Objekte politischen Jonglierens. Niemand darf sie entmündigen, indem er den Eindruck fürsorglicher Betreuung erweckt, so tut, als hätte er Leistungen als Gnadenerweis zu verteilen.

Umverteilung hilft nicht mehr weiter

Bei einem erneuten Milliarden-Defizit der gesetzlichen Kassen scheint es eh müßig zu sein, die Frage nach dem Für und Wider des Gesundheitsfonds überhaupt noch zu stellen. Nicht zu reden von der Fragwürdigkeit eines Verteilungsschlüssels, bei dem am besten wegkommt, wer die meisten Kranken akquiriert.

Jede Verteidigung des Status quo grenzt da schon an Gesundbeterei; da ist mit Umverteilung nichts mehr auszurichten. Allein eine gemeinsame Anstrengung von Ärzten, Kassen und Patienten kann jetzt noch helfen. Nur wird daraus nichts werden, solange die Kontoführung im Gesundheitswesen für den Einzelnen ein Buch mit sieben Siegeln bleibt.

Dabei ließe sich das von heute auf morgen und ohne die Einrichtung neuer Behörden abstellen, wenn auch wir Ärzte uns endlich dazu verstehen könnten, jedem Patienten eine Dokumentation der ärztlichen Leistung auszuhändigen. Wie denn sonst sollen wir eine Vorstellung davon gewinnen, was uns die Gesundheit wert sein muss? Erst wenn jeder weiß, wie viel oder wie wenig wofür aufgewendet werden muss, kann ein wirkliches Kostenbewusstsein auf allen Seiten entstehen.

Wenn Muskeln wie Zangen wirken

mehr...