Diskriminierung im Alltag "Rassismus ist mitten in unserer Gesellschaft"

"Du bist aber hübsch für eine Schwarze" - das ist nur einer von mehr als 21.000 Tweets über Erlebnisse mit Rassismus unter dem Schlagwort "schauhin". Eine der Initiatorinnen erklärt im Interview, wie sie Alltagsrassismus erlebt und wie jeder bei sich selbst anfangen kann, etwas zu ändern.

Von Caro Lobig

In dieser Woche beleuchtet die Redaktion von Süddeutsche.de Diskriminierung im Alltag. Jamie Schearer beschäftigt sich mit dem Sichtbarmachen von Rassismus. Sie hat Politikwissenschaft, Amerikanistik und Ethnologie studiert und ist im Beirat des gemeinnützigen Vereins "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland" aktiv. Die 28-Jährige ist neben den Bloggerinnen Kübra Gümüsay und Sabine Mohamed Initiatorin des Twitter-Hashtags "schauhin". Seit dem 6. September haben Nutzer unter diesem Schlagwort ihre Erlebnisse mit Rassismus geschildert und Erfahrungen ausgetauscht. Am ersten Wochenende wurde "schauhin" in Deutschland zum Trending Topic.

Vorbild war die "Aufschrei"-Debatte: Tausende Twitter-Nutzer berichten seit Januar 2013 unter dem Schlagwort "Aufschrei" über ihre Erfahrungen mit Sexismus. Im Juni 2013 wurde das Hashtag mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet.

SZ.de: Warum haben Sie vor einem Monat das Hashtag "schauhin" ins Leben gerufen?

Jamie Schearer: Wir wollten damit Alltagsrassismus sichtbar machen. Die Idee entstand auf der Veranstaltung "Rassismus und Sexismus abbloggen" von der Friedrich-Ebert-Stiftung. Kübra Gümüsay hat danach mit Hilfe der Twitter-Nutzer ein Hashtag gesucht, unter dem unterschiedliche Erfahrungen mit Rassismus geteilt werden können. Für "schauhin" gab es viel Zustimmung, also haben wir am 6.September angefangen, unter diesem Hashtag zu twittern.

Mit welchem Ziel?

Wir wollen darauf aufmerksam machen, dass Rassismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Einerseits betrifft es viele Menschen im Alltag persönlich. Und außerdem wollen wir erreichen, dass alle anderen verantwortungsbewusst mit dem Privileg, selbst nicht diskriminiert zu werden, umgehen.

Wie kann dieses Verantwortungsbewusstsein aussehen?

Vor allem sollte die Gesellschaft Rassismus nicht reproduzieren. Wenn man weiß, dass es rassistisch ist, das N-Wort zu sagen, kann man es lassen. Wenn man weiß, dass es komisch ist, beim ersten Kennenlernen den gesamten Familienstammbaum zu erfragen, sollte man darauf verzichten. Und sich die Frage stellen: Würde ich das selbst wollen? Ich glaube, sich selbst zu hinterfragen, sich bewusst zu werden über Alltagsrassismus, das ist erst mal am wichtigsten.

Wie soll die "schauhin"-Debatte Betroffenen helfen?

Was viele Betroffene im Alltag zu hören bekommen, wenn sie sich rassistisch behandelt fühlen, ist "Stell dich nicht so an" oder "Sei nicht so sensibel". Deswegen ist es ein wichtiges Ziel der Debatte, die Selbstbestimmung zu stärken. Denn den meisten hilft es schon, darüber sprechen zu dürfen. Unter dem Hashtag "schauhin" haben wir ein Forum für das Thema geschaffen. Dort wurden Perspektiven aufgezeigt, die es im Mainstream-Diskurs eben nicht gibt. Es ist wichtig, mehr solcher Räume zu schaffen, in denen über Alltagsrassismus gesprochen werden kann.

Was ist Alltagsrassismus für Sie?

Ein Beispiel ist "racial profiling". Schwarze Männer werden in Deutschland sehr regelmäßig von der Polizei angehalten und kontrolliert. Das erzeugt bei ihnen natürlich bestimmte Verhaltensmuster. Sie versuchen, sich unsichtbar zu machen, und Orte zu meiden, an denen sie ständig kontrolliert werden. Rassismus fängt nicht erst dann an, wenn Menschen verprügelt und Asylbewerberheime angezündet werden.

Also ist Rassismus keine Randerscheinung?

In Deutschland wird so getan, als ob es ein Randphänomen ist. Aber Rassismus ist mitten in unserer Gesellschaft. Politiker sprechen nur von Rechtsradikalismus und Antisemitismus, aber es gibt kein realistisches Verständnis von Rassismus. Strukturelle Barrieren müssen überwunden werden.

Wie kann jeder Einzelne zum Überwinden dieser Barrieren beitragen?

In unserer Gesellschaft müssen die verschiedenen Pespektiven sichtbar werden, vor allem die der Menschen mit Rassismuserfahrung. Das kann man ändern, indem man mehr zuhört, respektvoller mit seinen Mitmenschen umgeht und Verantwortung für sein Handeln übernimmt.

Diskriminierung sichtbar machen, hinschauen - das waren auch schon Ziele der #Aufschrei-Debatte im Januar 2013. Inwiefern hat "schauhin" mit "Aufschrei" zu tun?

Es gibt gewisse Parallelen. "Aufschrei" war ein Vorbild für "schauhin". Aber für unsere Debatte gab es keinen konkreten Auslöser wie das Brüderle-Porträt, der die Aufschrei-Debatte nach sich gezogen hat.

Trotzdem haben sich viele Nutzer, auch Nicht-Betroffene, in den sozialen Netzwerken an der Debatte beteiligt. Wie sahen die Reaktionen auf "schauhin" außerhalb des Netzes aus?

Wir haben ein durchweg positives Feedback erhalten. Ich selbst habe natürlich vor allem mit Menschen zu tun, die sich gegen Rassismus einsetzen, aber auch die Mainstream-Berichterstattung über die Debatte war sehr positiv. Wir haben sehr viele Anfragen von den Medien bekommen, das hat mich erstaunt. Auf Twitter gab es natürlich von Anfang an auch Trolle, die rassistischen Inhalt reproduziert haben. Aber das hat eben auch gezeigt, dass wir ein Problem haben.

Wollen Sie die Kampagne auch außerhalb von Twitter ausbauen?

Wir sind dabei, die nächsten Schritte zu planen. Als Initiatoren der Debatte machen wir die Pressearbeit, einer macht die IT und zwei andere kümmern sich um künstlerische Dinge wie das Logo. Bisher haben wir ein Forum geschaffen, unsere Zwischenbilanz ist positiv. Aber "schauhin" wird kein Dauerbrenner in den Medien, irgendwann haben die Leute auf Twitter alles gesagt. Unser Ziel ist es, das Thema dauerhaft auf die Agenda zu setzen. Es geht jetzt um die Frage: Wie kann ich mich wehren und aktiv werden?