Die Recherche "Ich will kein Feierabend-Papa sein"

Der Vater arbeitet Vollzeit, die Mutter bleibt zu Hause oder verdient etwas dazu - so sieht das klassische Familienmodell auch heute noch aus. Diese Paare zeigen, wie es anders geht.

Von Karin Janker und Tanja Mokosch

Flora und Christoph Nieß leben als gleichberechtigtes Paar mit drei Kindern.

(Foto: Privat)

Christoph Nieß, 33 Jahre, arbeitet als Sozialpädagoge in Teilzeit. Seine Frau Flora, 31 Jahre, promoviert in Kunstgeschichte. Sie haben drei Kinder und teilen sich die Familienarbeit gleichberechtigt.

Ich will kein Feierabend-Papa sein, der seinen Kindern abends noch schnell einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn drückt und am Wochenende den Helden spielt. Ich möchte Kinder nicht nur in die Welt setzen, sondern sehen, wie sie aufwachsen. Meine Frau und ich wollen beide etwas von unserer Familie haben und gehen beide gerne arbeiten. Wer sagt denn, dass einer von uns das aufgeben muss, was ihm bisher Freude gemacht hat, nur weil man Kinder bekommt?

Also teilen wir uns das alles: Ich arbeite vormittags als Sozialpädagoge, sie schreibt nachmittags ihre Doktorarbeit. Wir leben von meinem Gehalt und ihrem Stipendium. Klar häufen wir so keine Reichtümer an, aber es fehlt uns und unseren Kindern an nichts. Das Auto ist dann eben ein Gebrauchtwagen und Urlaub machen wir in Frankreich oder Österreich statt in den USA.

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Für mich wäre es keine Alternative, das konservative Modell des Alleinverdieners zu leben. Auch wenn ich von Bekannten manchmal höre, dass ich unterm Pantoffel stünde. Ich schmunzle dann nur. Und finde es schade, dass viele Männer in unserer Gesellschaft nicht den Mut haben, auf ihrem Recht Vater zu sein bestehen. Womöglich bereuen sie das, wenn ihre Kinder groß sind.

Unsere Beziehung als Paar wurde durch unser gleichberechtigtes Familienleben noch intensiver. Während bei anderen Familien der Mann den ganzen Tag in der Arbeit und die Frau zu Hause ist, müssen wir uns häufig absprechen, wir sind ständig im Austausch miteinander.

Meine Frau und ich teilen uns nicht nur die Kinderbetreuung, sondern auch den Haushalt. Seit 13 Jahren leben wir jetzt zusammen und haben auch schon vor den Kindern beide alles gemacht: Es ist nicht so, dass ich immer nur staubsauge und koche, während sie wäscht und das Bad putzt. Jeder macht das, was gerade anfällt. Wir brauchen keinen Putzplan. Wenn Männer ihren Frauen im Haushalt nur "helfen", dann führt die Frau das Regiment und muss Anweisungen geben. Wir fühlen uns beide gleich verantwortlich, dass hier kein Chaos ausbricht.

Immer wieder klagen mir Mütter ihr Leid: Ihre Männer würden den Schmutz nicht sehen oder hätten einfach kein Talent zum Putzen. Das ist doch Quatsch! Für den Mann ist es oft eine ganz bequeme Ausrede. Dabei kann man sich einfach antrainieren, dass man die Wollmäuse in den Ecken sieht. Frauen müssen das doch genauso lernen. Aber umgekehrt spielen manche Frauen auch aus, dass sie ihren Männern Haushalt und Kinderbetreuung nicht zutrauen. So versuchen sie, in dieser Domäne das Sagen zu behalten.

Wir leben in einem kleinen Dorf und sind hier eindeutig die Exoten. Wenn manche meiner männlichen Freunde hören, dass ich nur halbtags arbeite, meinen sie, ich habe den Rest des Tages frei und lege die Beine hoch. Die können sich gar nicht vorstellen, was im Haus und mit den Kindern alles zu tun ist, weil sie das alles ihrer Frau überlassen. Dass unser Modell so gut funktioniert, ist für manche sicher auch ein Angriff auf ihr traditionelles Weltbild und Rollenverständnis. Vielleicht scheuen sie sich einfach, dieses in Frage stellen zu müssen.