Beziehungs-Serie "Reden wir über Liebe" "I love you" ist nicht immer dasselbe wie "Ich liebe dich"

In einer Fremdsprache über seine Gefühle zu sprechen, ist oft kompliziert.

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Wie spricht man über Gefühle, wenn man sich nicht in seiner Muttersprache verständigen kann? Paarberaterin Birgit Sitorus erklärt, wie man mit dem "Lost in Translation"-Phänomen umgeht.

Von Oliver Klasen

Birgit Sitorus arbeitet in Frankfurt am Main beim "Verband binationaler Familien und Partnerschaften". Die 60-Jährige berät seit vielen Jahren Paare, bei denen die Partner unterschiedliche Sprachen sprechen. Die Diplom-Psychologin weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, wenn man zwar den groben Inhalt des Gesagten, aber nicht die Zwischentöne verstanden hat. In unserer Serie "Reden wir über Liebe" spricht sie über Feinheiten, die verloren gehen, wenn beide Partner nur Schulenglisch können und über die Gefahr, wenn einer sich ständig in der Rolle des Lehrers wiederfindet.

Frau Sitorus, in wie vielen Sprachen können Sie "Ich liebe dich" sagen?

Das sind schon ein paar, zum Beispiel Indonesisch, da mein Partner von dort stammt. Für die Beratung der Paare nutze ich aber fast ausschließlich Deutsch und Englisch. Zum Teil arbeiten wir auch mit Dolmetschern zusammen, aber das ist schwierig, wenn wir über Liebe sprechen.

Was geht verloren, wenn man in einer anderen Sprache über die Liebe spricht?

Zwischentöne, Differenzierungen, Feinheiten in den Botschaften, all das lässt sich kaum rüberbringen, wenn man nicht in seiner Muttersprache kommuniziert.

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Viele binationale Paare unterhalten sich vermutlich auf Englisch.

Ja, das ist die am häufigsten verwendete Drittsprache, wenn keiner die Muttersprache des anderen spricht. Das funktioniert besonders gut, wenn beide einigermaßen sicher Englisch sprechen. Wenn sie das nicht tun, bleibt viel Raum für Missverständnisse. Nehmen wir zum Beispiel den Besuch bei der Schwiegermutter am Wochenende ...

Ohnehin ein schwieriges Kapitel.

Genau. Angenommen, er möchte sie dazu überreden, und sie antwortet auf Englisch: "Yes, we might be able to do that". Dann wertet der Mann ihre Antwort sehr wahrscheinlich als feste Zusage. Dabei könnte sich die Frau durchaus andere Wochenendaktivitäten vorstellen. Denn eigentlich wollte sie sagen: "Na ja, wenn uns gar nichts Besseres einfällt, können wir das schon mal machen."

Gibt es solche Missverständnisse nicht auch unter Paaren, bei denen beide deutsch sprechen?

Doch, ja. Wo immer Menschen eine Beziehung führen, kommt es zu solchen Situationen. Wie Paare miteinander kommunizieren, hängt von der Persönlichkeit ab, von der Bildung, vom familiären Hintergrund und davon, wie man gelernt hat, Konflikte auszutragen. Aber bei binationalen Paaren kommt noch etwas hinzu. Es gibt unterschiedliche Sprachkulturen, sogar zwischen Deutschland und Frankreich, die sich kulturell ähnlich sind. Franzosen empfinden uns Deutsche manchmal als unhöflich und konfrontativ, weil wir in Gesprächen präzise nachfragen und auf unseren Punkt bestehen. Wir Deutsche dagegen bewerten dieses Nachfragen positiv, weil wir darin ein Zeichen des Interesses und des Bemühens um eine gute Verständigung sehen.

Wann hatten Sie das letzte Mal das Gefühl, dass Ihr Partner Sie nicht richtig versteht?

(lacht) Das passiert ständig. Selbst nach Jahrzehnten gibt es kleine und größere Verständigungsschwierigkeiten. Neulich zum Beispiel sagte mein Partner auf Deutsch, das Auto sei "ganz weit weg geparkt". Ich stellte mich auf einen längeren Weg zu Fuß ein, mindestens 200 Meter, dabei war das Auto nur fünf Parkplätze weiter abgestellt - und ich bin erst mal dran vorbeigelaufen. Noch ein anderes Beispiel: Vor Kurzem erzählte mir eine Frau, dass ihr Partner das Auto in die Werkstatt brachte und um einen "Service" gebeten habe, wo er doch wissen müsste, dass der Automechaniker nur mit dem Wort "Inspektion" etwas anfangen kann.

Ihr Partner spricht kein Deutsch?

Dann erzählen Sie uns, wie sich die fremde Sprache auf ihre Beziehung auswirkt: debatte@sz. Die besten Einsendungen werden wir veröffentlichen, falls gewünscht auch anonymisiert.

Wenn es schon bei solchen Alltagsproblemen zu Missverständnissen kommt, wie schwierig ist es dann erst, in einer fremden Sprache über Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen?

Ziemlich schwer. Nicht mal "I love you" ist immer dasselbe wie "Ich liebe dich". Ein Liebesbekenntnis, das in einer Fremdsprache abgegeben wird, muss ich immer erst in meine, von deutschen Sprachmustern geprägte Gefühlswelt transferieren. Noch komplizierter ist es, wenn der Partner aus einem Land kommt, in dem es kulturell nicht üblich ist, explizit über Liebesdinge zu sprechen. In Iran zum Beispiel wird in diesem Punkt vieles oft blumig umschrieben, wenn wir das wörtlich ins Deutsche übersetzen, ist es für uns nur schwer zu dechiffrieren, was eigentlich gemeint ist. Zum Glück aber ist Sprache nicht alles. Ein großer Teil der Kommunikation läuft über Routine, Blicke und Handlungen. Aus der Forschung ist bekannt, dass Paare, die lange zusammen sind, im Durchschnitt gerade einmal vier Minuten täglich miteinander sprechen. Das wird oft als Defizit gesehen, aber gerade für binationale Paare ist die nonverbale Kommunikation eine wichtige Ebene.

Was machen Sie anders als bei einer üblichen Paarberatung?

Wir arbeiten nicht grundsätzlich anders. Aber viele Paare erzählen uns, dass sie genervt sind, weil in ihrem Umfeld die Meinung vorherrscht: eine binationale Verbindung, das muss ja Probleme geben. Diese Klienten sagen zum Beispiel: "Ja, mein Mann kommt aus Süditalien, aber er ist trotzdem kein hitzköpfiger Macho." Die Stärke unseres Verbandes ist, dass wir die Herausforderungen, die sich durch die unterschiedliche Herkunft und die unterschiedliche Sprache ergeben, genau kennen. Aber wir reduzieren nicht sämtliche Probleme, die das Paar hat, allein darauf.

Angenommen, ich lebe mit einer Griechin in Deutschland und wir sprechen deutsch miteinander - dann könnte wenigstens einer von beiden sich in seiner Muttersprache ausdrücken. Macht es das einfacher?

Unsere Erfahrungen in der Beratung haben gezeigt, dass das Gegenteil der Fall ist. Bei Paaren, die sich darauf verständigen, primär die Sprache eines Partners zu benutzen, gibt es ein Machtthema. Einer ist stets schneller, genauer, sauberer in der Kommunikation.

Und der andere?

Der muss andauernd fragen: Wie meinst du das jetzt? Was genau hast du gesagt? Er versteht vieles nicht richtig, reimt es sich dann aber irgendwie zusammen. So entstehen neue Missverständnisse. Zu mir kommen Paare, die sind ewig zusammen - und trotzdem wundert sich der eine, dass der andere bis heute einfache Alltagsdinge nicht richtig versteht.

Sollte ich also meiner Partnerin zuliebe Griechisch lernen?

Es ist sicher von Vorteil, wenn man in die andere Sprache reinschnuppert, vor allem, wenn man die Heimat des Partners regelmäßig bereist und einen Bezug dazu hat. Etwa die Eltern, die man regelmäßig besucht, und bei denen die Kinder in den Ferien bleiben.

Ich kannte mal ein Paar - er Spanier, sie Finnin. Sie hatten sich in Deutschland kennengelernt und zogen dann nach Helsinki. Damit er sich die Wörter besser merken konnte, hängte sie ihm überall in der Wohnung Klebezettel mit Vokabeln auf - am Kühlschrank oder am Spiegel im Bad.

Und, fand er das gut?

Anfangs ja. Später hat es ihn genervt.

Sehen Sie, das funktioniert nur eine begrenzte Zeit. Am Anfang, als spielerischer Impuls. Aber irgendwann wird es lästig - und warum? Es ist der permanente Hinweis: Ich weiß es besser, du musst es erst lernen. Eine ganz ungesunde Asymmetrie, die nur wenige Paare aushalten. Ich würde dringend davon abraten, sich die andere Sprache vom eigenen Partner beibringen zu lassen.

Was haben Sie bei Ihrer Arbeit über die Liebe gelernt?

Ich habe gelernt, wie unterschiedlich Paare sein können und dass man von außen oft gar nicht erkennt, was dieses Paar verbindet. Aber man erkennt genauso wenig auf den ersten Blick, was zum Beispiel ein binationales Paar trennt, denn das ist keineswegs immer die Sprache oder die Kultur, es sind einfach oft zwei Persönlichkeiten.

Was ist für Sie wahre Liebe?

(überlegt lange) Schwierige Frage. Vielleicht das Gefühl, jede Minute genießen zu können. Sich rundum gut zu fühlen. Sich sicher zu sein, jemand Wertvollen gefunden zu haben. Völlig begeistert zu sein von diesem einen Menschen. Nicht zu fragen, woher jemand kommt oder welche Sprache er spricht. Und, das ist vielleicht das Wichtigste: Dem Partner das Gefühl zu vermitteln, dass es kein Zeichen von erkalteter Liebe ist, wenn nach der ersten Euphorie in der Beziehung der Alltag wieder mehr Energie beansprucht. Damit wahre Liebe sich entfalten kann, bedarf es eben auch des Bewusstseins, dass diese nicht im luftleeren Raum existiert.

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