Beziehungen Er war 16, sie war 21

Diesen Schlüsselanhänger kaufte Joshua für Jessica beim ersten Treffen in London. Das war vor vier Jahren.

(Foto: privat)

Eine Deutsche und ein Brite lernen sich im Internet kennen. Nach Monaten sehen sie sich zum ersten Mal - und verlieben sich. Die erste Folge einer neuen SZ-Serie.

Von Marc Felix Serrao

Für die Beziehung von Jessica und Joshua spricht am Anfang wenig. Als sich die Deutsche und der Brite 2011 auf der Chat-Plattform "Omegle" treffen, ist sie 21 Jahre alt und er 16. Sie studiert in Regensburg und lebt in einer WG, er geht noch zur Schule und lebt bei seiner Mutter, in einem südenglischen Kaff namens Cranborne. Sie hat schon Beziehungen gehabt, er hatte noch nie eine Freundin. Und auf der Website, die sie für einen anonymen Zufalls-Chat zusammenführt, geht es vielen, vor allem den Männern, nur um eines: "den ganz schnellen Aufriss", wie sie sagt. Joshua aber schickt keine Nacktfotos, sondern stellt Fragen, höflich und interessiert. "Stranger" heißt er an diesem Nachmittag. Heute, viereinhalb Jahre später, leben der Fremde und Jessica als Paar zusammen in Straubing in Niederbayern, sie arbeitet als Journalistin, er macht eine Ausbildung in der EDV.

"Zumindest sehr modern"

Wie konnte das passieren? Wie passiert das überhaupt: dass zwei sich finden, in einem Chatroom, in dem es um vieles, aber nicht um Romantik geht?

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Als die Süddeutsche Zeitung Ende 2015 eine neue Reihe namens "Liebesgeschichte" ankündigt, ist Jessica eine der ersten Leserinnen, die sich meldet. "Ich habe Ihren Aufruf gelesen, dass Sie interessante Liebesgeschichten suchen", schreibt sie. "Die von meinem Freund und mir ist zumindest sehr modern." Das stimmt.

Auch nach dem ersten Chat bleibt der Kontakt virtuell. Die Deutsche lädt den schüchternen Engländer ein, sich via Skype weiter zu schreiben. Später schickt sie ihm eine Facebook-Freundschaftsanfrage. Nun wissen beide zumindest, wie der andere aussieht. Er findet sie "hübscher als erwartet", sie findet ihn "süß". Trotzdem ist Jessica skeptisch. Viel zu jung sei der Bursche, warnt ihre beste Freundin. Es dauert ein halbes Jahr, bis die zwei sich zu einem Treffen durchringen. Nur wo? Joshua ist minderjährig und seine Mutter ziemlich konservativ. "Die durfte nichts wissen", sagt Jessica.

Ein Stoffpinguin als Schlüsselanhänger

Anfang 2012 fährt Joshua, inzwischen 17, übers Wochenende zum Vater - offiziell. In Wahrheit sitzt er im Zug nach London, wo ihn Jessica "schrecklich hibbelig" erwartet. Er sei "auch nervös" gewesen, sagt Joshua heute. "Saunervös", korrigiert Jessica. Dann stehen sie sich in der Waterloo Station gegenüber. Sie lachen. Gehen frühstücken. Bei Hamleys, dem ältesten Spielzeugladen der Welt, kauft er ihr einen Stoffpinguin als Schlüsselanhänger, später flanieren sie durch den Regent's Park. Auf einer Bank küssen sie sich.

Für ihn ist es das erste Mal überhaupt. "A bissl unbeholfen", erinnert sich Jessica, "aber schön". Als sie am nächsten Tag zurückfliegt, wissen beide, dass es ernst ist. Ernst und heikel. Joshua weiß nicht, was er seiner Mutter sagen soll, also schreibt er einen Brief: Mom, ich habe eine Frau kennengelernt. Zu seiner Überraschung reagiert Mom verständnisvoll. Jessica darf ihn besuchen kommen - sie muss allerdings im Gästezimmer schlafen.

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Als die junge Deutsche nach eineinhalb Jahren Fernbeziehung schließlich in Straubing eine Stelle angeboten bekommt, entscheidet das Paar gemeinsam, dass er zu ihr zieht. Im Gegenzug tut Jessica, was sie kann, um ihm bei der Integration zu helfen. Sie schreibt seine Bewerbungen und tapeziert die Wohnung mit Post-its, auf denen Deutschvokabeln stehen.

Im Gegensatz zu seinen Eltern beherrscht Joshua die deutsche Sprache heute. Deshalb hat er nichts dagegen, dass eine Notlüge aus der Anfangszeit hier aufgedeckt wird: Anders als im Brief an die Mutter behauptet, haben die zwei damals nicht bei seinem Vater, sondern im Hostel in London übernachtet.