Alltag im Altersheim Nur zu Besuch

Im Heim will niemand sterben, und doch verbringen Hunderttausende dort ihre letzten Lebensjahre. So auch die Göhlers, 98 Jahre alt, seit 75 Jahren ein Paar. "Gehen wir bald nach Hause?", fragt Hildegart Göhler immer wieder. Doch ihre Tochter, selbst schon 74 Jahre alt, kann sie nicht betreuen. Wie Familie und Pfleger mit den Belastungen umgehen - eine Reportage aus drei Blickwinkeln.

Von Ulrike Nimz - ausgezeichnet mit dem jj-Reportagepreis

Bloß nicht ins Heim - so denken viele Deutsche, wenn es ums Altwerden geht. Und doch wird ein Drittel der Pflegebedürftigen in Sachsen stationär betreut. Was heißt es, den Lebensabend im Heim zu verbringen - fürSenioren, Angehörige, Pfleger? Drei Blickwinkel.

Das Paar

Als Hildegart und Walter Göhler ihr neues Zuhause betraten, schoben sie als Erstes die Betten zusammen. 75 Jahre lang hatten sie Schulter an Schulter geschlafen und nicht vor, damit aufzuhören. Etwa 18 Quadratmeter misst das Doppelzimmer mit eigenem Bad. Vor dem Fenster steht ein Baum. Wenn die Sonne durch die Zweige scheint, bekommen die weißen Wände Muster. Im neuen Zuhause der Göhlers ist Platz für das Sofa mit den zwei Sitzkuhlen, den Couchtisch und die Vitrine. Das Rollregal und die Pflegebetten gehören zur Standardeinrichtung. Im Kleiderschrank finden sich noch die Spuren früherer Bewohner. Jemand hat die einzelnen Fächer mit Pflaster beschriftet: Hemden hier, Hosen da.

16 Monate ist es her, dass das Ehepaar Göhler die gemeinsame Wohnung verließ, um ein Zimmer im Altenpflegeheim "Emanuel Gottlieb Flemming" zu beziehen. Das Haus ist saniert, an den Wänden hängen Bastelarbeiten. In einer Ecke des Flures steht ein Katzenklo. Vor dem Haus beginnt der Park, 20 Hektar am Rande des Crimmitschauer Waldes. Wer kann, sitzt bei gutem Wetter auf der Bank unter den Eichen oder beim "Taubenhaus", einem von Wasser umgebenen Nistkasten.

"Glück auf!", ruft Walter Göhler, wenn sich die automatische Schiebetür im Eingangsbereich des Heims öffnet. Seit er nicht mehr jedes Gesicht erkennt, begrüßt er jeden wie einen Freund. Hildegart und Walter Göhler sind 98 Jahre alt und das einzige Paar im Heim. Die meisten der 80 Bewohner leben allein. Als sie noch in ihren eigenen vier Wänden wohnten, steckten die Göhlers ein Fähnchen zwischen die Balkonblumen, damit ihre Enkel sehen konnten, wann sie zu Hause waren. Heute verrät der Rollator vor der Tür, ob sie auf ihrem Zimmer oder spazieren sind.

Zweimal die Woche wagt das Paar einen Ausflug zum nahe gelegenen Supermarkt. Hildegart Göhler stützt sich auf ihren Gehwagen. Walter Göhler folgt auf Krücken. "Wo bist du denn?", ruft er, wenn seine Frau aus seinem Blickfeld verschwindet: "Ich bin ja da", antwortet sie dann und wartet, bis sein Schatten ihren einholt. Im Edeka an der Hauptstraße kennt man die Göhlers, auch weil sie stets dasselbe kaufen: sie Salzgebäck, er Schokolade. Beide haben schon immer zusammengepasst, wie zwei Puzzleteile, sagen die Verwandten. Hildegart Göhler liebte es, im Garten zu arbeiten. Walter Göhler weiß zwar bis heute nicht, wie Petersilie aussieht, war dafür geschickt an der Werkbank. Irgendwann hörte seine Frau auf, die Räuchermännchen zu zählen, die er ihr schenkte.

"Ich habe in ihre Augen geschaut und gewusst, das ist mein Mädchen", sagt Walter Göhler, wenn er von der ersten flüchtigen Begegnung am Hasenstall erzählt. 15 Monate nach der Hochzeit brach der Zweite Weltkrieg aus. Da war ihre Tochter ein halbes Jahr alt.

Im Heim gibt es täglich fünf Mahlzeiten. Essen ist im Alter wichtig, sagt man. Es wird noch wichtiger, wenn der Tag seine Konturen verliert, nur noch mit Warten ausgefüllt zu sein scheint. Warten auf die nächste Mahlzeit, den nächsten Besuch, den nächsten Atemzug. Jetzt sitzen die Bewohner des Wohnbereichs II am Tisch. Geparkte Rollstühle, das Radio dudelt: "Ein bisschen Aroma, ein bisschen Paloma". Keiner sagt ein Wort. Viele haben am Anfang Kleinigkeiten verlegt und am Ende die Sprache verloren.

Einem Mann im gestreiften Polohemd ist der Kopf auf die Brust gesunken. Eine Frau mitwirrem Haar zeigt auf etwas, das nur sie sieht. Eine andere lauscht ihrer sprechenden Uhr. "Es-ist-zwölf-Uhr-fünf-zehn." Für die, die noch selbstständig essen können, gibt es heute Linsen und Geflügelbulette, für alle anderen Häppchen. Hildegart Göhlers Leibspeise sind Buttermilchgetzen. "Aber die gibt es nicht so oft", sagt sie. Auch Hildegart Göhler verlegt jetzt oft Dinge. Meistens ist es das Portemonnaie. Manchmal wickelt sie ihre Kämme in eine Serviette und findet sie nicht wieder. "Die nehmen mir hier alles weg", sagt sie dann zu ihrer Tochter. Und: "Hannelore, gehen wir bald nach Hause?"