8. Februar 2013 10:18 Samenbanken in Deutschland Röhrchen voller Hoffnung

Sie heißen Kini, Joop und Wasi und ihr Erbgut lagert tiefgefroren in kleinen Plastikröhrchen. Warum spenden Männer ihren Samen? Wie werden sie ausgesucht? Und wer wählt für Paare mit Kinderwunsch den passenden Spender aus? Zu Besuch in einer Münchner Samenbank.

Von Lena Jakat

Die letzte Hoffnung steckt in nur wenige Millimeter kleinen Plastikröhrchen. Das eine Ende ist farbig markiert und mit einem Zifferncode versehen, das andere transparent. Dicht an dicht lagern die strohhalmähnlichen Behälter, von flüssigem Stickstoff umgeben, zu Hunderten in drei schweren Metallfässern. In jedem Röhrchen genug konzentriertes Sperma, um ein Kind damit zu zeugen. Die letzte Hoffnung für viele Paare mit unerfülltem Kinderwunsch. Für Frauen mit unfruchtbaren Männern, für Männer, deren Sperma durch Krankheit zerstört wurde, für lesbische Paare.

Ein kastenfömiges Gebäude mit schmalen, hellblau gerahmten Fenstern, steht direkt am S-Bahnhof Solln. Das Ärztezentrum. Die Samenbank liegt am Ende eines schmalen Flures in der Frauenarztpraxis im zweiten Stock. "Fertilitätsprophylaxe und Spermakonservierung" steht auf einem verspiegelten Schild an der Tür. Viele Monate, bevor aus seinen eingefrorenen Spermien ein Kind entstehen kann, klopft jeder Spender hier zum ersten Mal an. Wer vor dieser Tür steht, hat einen ersten Test bereits bestanden: die Bewerbung per E-Mail.

"Was schreibt jemand über seine Motivation?", fragt Constanze Bleichrodt und gibt gleich selbst eine Antwort: "Dass er nur an schnellem Geld interessiert ist? Welches Foto schickt jemand mit - eines, auf dem das Gesicht von einem hoch gestreckten Bierkrug verdeckt wird?" Die Diplompsychologin ist Geschäftsführerin der Cryobank München. In ihrem Posteingang blinken täglich ein bis zwei Mails von Männern auf, die Samenspender werden wollen. Dafür gibt es gesetzliche Vorgaben - etwa, dass das Sperma auf Infektionen untersucht und bis zu einem zweiten HIV-Test zunächst sechs Monate in Quarantäne aufbewahrt werden muss. Es gibt Selbstverpflichtungen des Bundesverbands für Samenbanken - zum Beispiel, dass der Spender nicht älter als 40 Jahre alt sein sollte und aus seinen Samen maximal zehn bis 15 Kinder entstehen dürfen. Und es gibt Voraussetzungen, die jede der 15 Samenbanken in Deutschland individuell festlegt.

Bei ihr landen die Bewerbungen der Samenspender. Seit acht Jahren ist Constanze Bleichrodt die Geschäftsführerin der Samenbank in München-Solln.

(Foto: ANGELIKA BARDEHLE)

"Mir ist der persönliche Eindruck von den Männern wichtig", sagt Bleichrodt, eine große Frau mit schwarzem Haar und rot geschminkten Lippen. "Ist jemand sympathisch? Kommt er zuverlässig rüber? Wie sieht er aus?" Dabei geht es weniger um Schönheit als um Durchschnittlichkeit: Es soll später nicht auf den ersten Blick erkennbar sein, wenn ein Kind nicht von seinem Vater gezeugt wurde. Eine extreme Nase kann da hinderlich sein.

Wer auf seine E-Mail hin zu einer Testspende eingeladen wird, muss nach einem kurzen Gespräch erst mal zwei Etagen tiefer - fernab der Praxis, wo er künftigen Müttern von Spenderkindern begegnen könnte. Hinter einer schweren Tür geht es zu einer Toilette, die sich auf den ersten Blick nicht von einem Krankenhaus-WC unterscheidet: weiße Kacheln, weiße Möbel, zweckmäßige Einrichtung. Wären da nicht die Zeitschriften in einer Schublade und die Pornofilme neben dem tragbaren DVD-Player. "Wir haben schon überlegt, ob wir das hier anregender gestalten", sagt Bleichrodt. "aber das wäre irgendwie unpassend."

Drastischer Rückgang der Spermienzahl

Die erbrachte Probe wird sofort untersucht. "Schon nach einer Stunde bewegt sich da deutlich weniger", sagt Heike Polster. Die Biologin mit der hellblauen Uhr, dem hellblauen T-Shirt unter dem Kittel und den hellblauen Augen erstellt die sogenannten Spermiogramme, umfassende Analysen des Ejakulats. Nur bei etwa jedem achten Mann reicht die Spermiendichte überhaupt aus, um ihn zu einem geeigneten Spender zu machen. Seit Jahren nimmt die durchschnittliche Spermienanzahl - und damit die Fruchtbarkeit - der Männer in Europa drastisch ab. Schuld sind Umweltfaktoren: Hormone und hormonell aktive Stoffe im Trinkwasser zu Beispiel, Pestizide oder Stress. "Manche, die von uns eine Absage erhalten, sind dann schon etwas betroffen", sagt Polster.

Neben dem Computermonitor, vor dem sie sitzt, hängt eine Liste. "KG" steht über einer Spalte, für "Körpergröße", "Typ" über einer anderen, "Bestand". Und in der ersten Spalte, auf lila, gelbem oder blauem Grund, werden die aktuellen Spender aufgezählt - mit ihren Decknamen. Da gibt es einen Joop, einen Kini und einen Wasi. "So wissen wir ungefähr, was der Spender für ein Typ ist", erklärt Polster. Erdacht werden die Codenamen in "kreativer Gemeinschaftsarbeit".

Bleichrodt und ihr Team wählen den passenden Spender für ein Paar mit Kinderwunsch zunächst nach medizinischen Gesichtspunkten wie der Blutgruppe aus. Danach kommt die Optik: Die Haarfarbe welches Spenders passt zu der der Eltern? Welcher Teint? "Dann gibt es meist ohnehin nur noch drei, vier zur Auswahl", sagt Bleichrodt. "Und schließlich schauen wir auf Veranlagung - ist jemand musikalisch talentiert? Oder handwerklich begabt?" Dazu kommt, dass der Samen eines Spenders in jeder Stadt nur in einer Familie verwendet wird - um unwissentliche Begegnungen von Halbgeschwistern möglichst auszuschließen.

Zwischen dem Spender und der Samenbank wird ein Vertrag unterzeichnet. Schließlich landet der Mann als einer von etwa 80 Namen auf der verschlüsselten Liste. Und sein Samen in einem der drei Stickstofftanks. Die Tür mit der Aufschrift "Zutritt nur für Befugte" öffnet sich in einen weiteren Raum, hinter einer Glasscheibe steht dort ein Glaskasten, der aussieht wie ein nach vorne hin offenes Aquarium. Heike Polster und ihre zwei Kolleginnen bereiten in dem Luftstrom des Kastens unter sterilen Bedingungen das Ejakulat auf, bevor es bei minus 150 Grad eingelagert wird. Etwa zehn Mal kommt jeder Mann vorbei, bis sein "Depot" - es handelt sich ja um eine Bank - vollständig angelegt ist.

Pro Spende gibt es 80 Euro; kein Vermögen. Das Urteil vom Donnerstag, wonach mit Spendersperma gezeugte Kinder ein Recht haben, den Namen ihres biologischen Vaters zu erfahren, hat nicht nur deutlich gemacht, dass es für Samenspender keine Garantie auf Anonymität gibt. Die Entscheidung aus Hamm hat auch die rechtlichen Unsicherheiten für Samenspender in den Fokus gerückt: In Deutschland gibt es kein Gesetz, das sie grundsätzlich von Unterhaltsansprüchen befreit. Warum spenden Männer dann überhaupt?

"Manche haben ein Paar mit unerfülltem Kinderwunsch im Freundeskreis. Anderen gibt die Spende das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, ähnlich wie eine Blutspende", zählt Bleichrodt die häufigsten Motive auf. "Manche sind neugierig, wie es um ihre Fruchtbarkeit bestellt ist. Und bei vielen spielt die Idee, ihre Gene weiterzugeben, eine Rolle. Da ticken Männer auch einfach anders", sagt die 36-Jährige. Seit 2007 schreibt das Gewebegesetz, das auch die Organspende regelt, vor, dass Spenderunterlagen 30 Jahre lang aufbewahrt werden müssen. "Anfangs gab es danach einen Einbruch bei den Spenden", sagt Bleichrodt. "Inzwischen interessieren sich aber viele selbst dafür, was aus ihrem Sperma geworden ist."

Befruchtet seit mehr als 30 Jahren Frauen mit Spendersamen: Wolf Bleichrodt in seiner Praxis.

(Foto: ANGELIKA BARDEHLE)

Ein paar Türen weiter sitzt Wolf Bleichrodt hinter einem Schreibtisch aus dunklem Holz. Auf der Fensterbank stehen bunte Glas-Skulpturen von Embryonen, auf der Wand hinter dem 67-Jährigen hängt ein gerahmter Akt. Der Vater der heutigen Geschäftsführerin hat Ende der Siebzigerjahre mit donogener Insemination - Befruchtung mit dem Samen eines anonymen Spenders - begonnen. Die Bundesärztekammer hatte gerade erst entschieden, dass diese Praxis mit dem Beruf des Mediziners überhaupt vereinbar sei; Unfruchtbarkeit war stark stigmatisiert, künstliche Befruchtung ein Tabuthema.

Nichts sollte auf künstliche Befruchtung hindeuten

"Aber warum sollen Frauen keine Kinder kriegen, wenn der Mann infertil ist?", fragt Bleichrodt. Als er anfing, wurden die Spender nicht einmal zwingend namentlich erfasst, die Akten wurden nach zehn Jahren zerstört. "Damals stand sogar in den Verträgen mit den Eltern, dass die Daten vernichtet würden", erinnert sich der 67-Jährige. "Nichts sollte darauf hindeuten, dass es eine künstliche Insemination gegeben hatte."

Die wenigen Spenderkinder, die sich auf der Suche nach ihren biologischen Ursprüngen bislang an die Samenbank im Münchner Süden gewandt haben, wurden deswegen auch stets enttäuscht. "Es fällt uns schwer, ihnen zu sagen, dass wir keine Unterlagen mehr haben", sagt Tochter Constanze. "Aus heutiger Sicht erscheint die Herangehensweise von damals unverständlich. Heute ist uns wichtig, dass die Kinder die Wahl haben." Die Wahl, herauszufinden, welcher Mensch hinter dem kleinen Röhrchen mit dem Zifferncode steckt.