18. Februar 2013 09:08 Kinder - der ganz normale Wahnsinn Gefährliche Welt

Eine Kolumne von Katja Schnitzler

Wenn aus Paaren Eltern werden, sehen sie die Welt mit anderen Augen: Plötzlich lauern überall Fallen, in die ihr Kind tappen kann. Tischkanten werden zur Gefahr, Teppiche zum Hindernis und Rutschen zum Risiko. Wer kann da ruhig bleiben?

Als ihr Baby geboren wurde, stellten die Eltern mit Entsetzen fest, dass die Welt voller Gefahren war. Nicht, dass Banditen in ihrem Viertel ihr Unwesen trieben, nein. Die Gefahren lauerten, wo die Eltern eigentlich einen geschützten Raum vermutet hätten: in ihrer eigenen Wohnung.

Dort waren Fallen nicht hinter, sondern an allen Ecken. Scharfe Kanten, die nur auf stürzende Kinder warteten. Steckdosen, die verführerisch ihre geheimnisvollen Löcher präsentierten. Zuschlagende Türen, bereit, kleine Kinderfinger zu quetschen. "Gut, dass es noch nicht krabbeln kann", sagten die Eltern zueinander und fingen an, ihre Wohnung auszupolstern.

Eckenschützer schützten vor Tischecken, Türstopper stoppten Türen und Steckdosenstöpsel bewahrten vor Stromschlägen. Dazu kamen Schutzgitter vor Treppen und vor dem Herd. Und im Gästebad wartete ein Desinfektionsmittel auf Besucher, die freundlich, aber bestimmt um fleißigen Gebrauch gebeten wurden.

Nun waren die Eltern halbwegs beruhigt. Bis sie feststellen mussten, dass ihr Kind Schlupflöcher im durchdachten Sicherheitskonzept entdeckte. Es riss mit Vorliebe die Eckenschützer ab, klemmte sich die Finger unter der Tür ein und fiel stets neben statt auf den dicken Teppich.

"Und wieso", fragte die Freundin, "muss ich mir hier immer noch ständig die Hände desinfizieren, wenn dein Kind da hinten am Kinderwagenreifen lutscht?" Die Mutter riss es vom Reifen weg und rannte mit dem schreienden Kleinkind ins Bad, um es dort zum Mundausspülen zu nötigen. So hörte sie nur Halbsätze von der Freundin, "... Bakterien gut fürs Immunsystem ... Kinder auf dem Land viel gesünder ..." Was sie deutlich hörte war: "Überhaupt übertreibt ihr ein wenig!"

"Hätte ich ihr bloß nicht erzählt, dass wir dem Kind beim Laufenlernen vorne und hinten ein Kissen umgebunden haben", dachte die Mutter verärgert. Wobei sie zugeben musste, dass ihre Freundin schon immer viel entspannter gewesen war. Sie hatte zwei Söhne, die sie balancieren, klettern und ausprobieren ließ. Frei nach dem Motto: "Solange keiner schreit, ist alles gut."

Und seltsamerweise schrien die Söhne meistens nur im Streit. Sonst kletterten sie griffsicher in die Bäume, so hoch, dass die Mutter nicht hinsehen konnte. Die Freundin ließ das kalt. "Das können sie", sagte sie gelassen. Das hatte sie schon gesagt, als die Söhne so gut wie allein Treppensteigen, auf Bierbänke steigen und Radfahren gelernt hatten.

Nur die Mutter hatte es nicht ausgehalten, als der Sohn der Freundin einmal in Schlangenlinien auf eine Laterne zugefahren war. "Pass auf!", hatte sie gebrüllt. Der Sohn hatte sich erschrocken umgedreht und war gegen die Laterne gestürzt: Platzwunde an der Stirn, genäht mit fünf Stichen. "Verkneif dir dein hysterisches Schreien nächstes Mal ... bitte", hatte die Freundin gesagt.

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” Unser Sohn (6) sieht im Fernsehen, wie ein Polizist einen Drogenschnelltest durchführt und er meint dann ganz trocken "Schau mal Papa, der Polizist hat eine Drogenhandlung in seinem Koffer dabei".

"Wie kannst du nur immer so ruhig bleiben?", fragte die Mutter. "Ich habe Vertrauen in die Fähigkeiten meiner Kinder", sagte die Freundin und klopfte auf den freien Platz auf der Bank neben sich. Sie waren gemeinsam am Spielplatz und die Mutter gerade eine halbe Stunde ihrem sehr lauf- und entdeckungsfreudigem Kind hinterhergerannt. Die Leiter zur Rutsche hatte sie es lieber hinaufgehoben und war dann zu deren Ende geeilt, um ihr Kind sicher aufzufangen.

"Lass es doch einfach mal machen", sagte die Freundin und zog die Mutter zurück auf die Bank, als das Kind schon wieder zur Rutsche stapfte, "das kann es schon!" "Na gut", sagte die Mutter mit zusammengepressten Zähnen. Sie saß ganz vorne auf der Sitzkante, als sich ihr Kind die ersten Sprossen hochzog. Sie atmete scharf ein, als es mit einer Hand losließ, um ihr stolz zuzuwinken. "Lob es", flüsterte die Freundin. "Gut machst du das", rief die Mutter mit gezwungenem Lächeln, "aber jetzt halt dich wieder mit beiden Händen fest, Schatz!"

Das Kind kletterte nach oben auf die Rutsche, blieb direkt am Rand stehen und ließ los. Mit beiden Händen. Die Mutter wurde blass und holte tief Luft, doch die Freundin packte ihren Arm: "Jetzt nicht hysterisch schreien", zischte sie. Die Mutter räusperte sich: "Schätzchen, halt dich gut fest und setz dich lieber gleich hin." Sie fing an zu schwitzen. Das Kind rutschte. Und krachte unten in den Sand.

Erschrocken schaute es Richtung Bank, noch unentschlossen, ob es weinen sollte. Die Mutter sprang auf, da rief die Freundin: "Super hast du das gemacht, und ganz allein! Toll!" Das Kind lächelte und stand auf. Die Mutter setzte sich langsam wieder hin. "Das lernst du schon noch", sagte die Freundin zur Mutter. Die nickte zögernd und merkte, dass sie das Atmen vergessen hatte. Sie versuchte, sich zu entspannen. Doch ihr Kind stieg schon wieder die Leiter hinauf.

Nächstes Mal würde sie ohne die Freundin zum Spielplatz gehen. So viel Gelassenheit stresste sie zu sehr.

Beim Laufenlernen stoßen sich Kinder an Tischkanten, später stürzen sie beim Klettern von Bäumen. Vor diesen Gefahren würden Eltern ihre Kinder gerne schützen. Warum Mütter und Väter ihre Vorsichtsmaßnahmen dennoch kritisch prüfen sollten und wie sie im Notfall Ruhe bewahren, erklärt Ursula Sottong, Expertin für Kindersicherheit bei den Maltesern.