15. April 2010, 09:43 Hartz IV "Wir sind keine Unmenschen"

Wer diesen Job macht, muss hart sein - und soll trotzdem menschlich bleiben: Ruth Götzinger verteilt Hartz IV.

Ein Besuch im Sozialbürgerhaus von Sarina Pfauth

"Die Leute strippen hier bis auf die Unterhose", erzählt Ruth Götzinger. Sie meint das nicht wörtlich. Nur, dass die Menschen, die zu ihr kommen, ihr gesamtes Leben offenbaren: Bankkonten, Versicherungen, Lebenspartner, oft auch Ehekrisen, Drogenprobleme, Depressionen. Inzwischen könne sie, die Tochter aus gutbürgerlichem Haus, verschiedene Sorten von Drogen am Geruch des Konsumenten erkennen.

Viele der Kunden von Ruth Götzinger sind völlig unauffällige, höfliche, gewöhnliche Bürger. Aber eben nicht alle. Wer an dem mit Plastikschlumpf und Stofforchidee dekoriertem Schreibtisch sitzt, hat häufig viele Probleme. "Ohne Sozialkompetenz ist man hier aufgeschmissen", sagt sie.

Ruth Götzinger ist Beamtin. Und sie ist lebenswichtig für viele Menschen in München. Sie verteilt Hartz IV.

Ein "persönlicher Ansprechpartner" wie sie, der hier im Sozialbürgerhaus München-Mitte kurz und bürokratisch "PAP" genannt wird, überweist nicht nur einfach 359 Euro Standardsatz pro Monat. Er betreut den ganzen Menschen.

Hat einer Schulden, schickt ihn Staatsdienerin Götzinger zum Schuldenberater. Kann jemand einen Beruf ausüben oder zumindest einen Minijob, stellt sie den Kontakt zum Arbeitsvermittler her. Zeigt ein Hartz-IV-Empfänger private Probleme, betraut sie einen Sozialarbeiter mit dem Fall. Manche ihrer Kunden, sagt Ruth Götzinger, kenne sie besser als ihre Freunde.

Es ist 9:30 Uhr an einem Mittwochmorgen. Der erste Kunde klopft an der Tür. Er hat den Termin vereinbart, sonst kommt man unten nicht am Wachpersonal vorbei. Auch nicht für die zwei Minuten, die dieser Besuch dauert. Der Mann, vielleicht Mitte dreißig, grüßt, sitzt, unterschreibt ein Stück Papier. Dann nimmt er seine 322,53 Euro vom Tisch, wie an jedem Monatsende.

Dieser Mann, sagt Ruth Götzinger, hat kein Konto. Er ist so überschuldet, dass keine Bank ihn haben möchte. Deshalb bekommt er seinen Hartz-IV-Satz bar auf die Hand - beziehungsweise das, was davon übrig bleibt. Das Amt zieht die Rate ab, mit der er ein Darlehen zurückzahlt.

Im Verwaltungsstudium wurde Ruth Götzinger nicht mit Sozialarbeit vertraut. Sie kennt sich aus mit Gesetzen, mit Regelungen, mit Zahlen. Mit dieser Ausbildung könnte sie im Bauamt arbeiten, im Rathaus oder bei der Führerscheinstelle. "Nichts gegen die Kollegen", sagt ihr Chef Josef Sebald über den Hartz-IV-Job in München-Mitte, "aber das hier ist schon was anderes, als Hundesteuer zu berechnen."

Das hier, das ist die Schattenwelt des Kapitalismus, die pure Not von Menschen, die keine normale Arbeit finden. Die nicht auf der Maximilianstraße shoppen und in Bogenhausen schlemmen.

Ruth Götzinger arbeitet in einem der Münchner Sozialbürgerhäuser für die Arge ("Arbeitsgemeinschaft"). In den bundesweit mehr als 350 Arbeitsgemeinschaften betreuen kommunale Träger gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit erwerbsfähige Menschen und deren Angehörige, die "Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhaltes" nötig haben. So heißen Hartz-IV-Gelder im Jargon des Bundesministeriums für Arbeit.

Die Frau aus der Schwanthalerstraße gehört zur kleinen Gruppe von Beamten, die sich den schwierigen Job wirklich ausgesucht haben. Auf der Beliebtheitsskala ihrer Kommilitonen an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung im oberfränkischen Hof stand die Arge weit unten.

Man muss nun mal umgehen können mit der Bürde des Wissens um schwere Schicksale. Mit der Enge der eigenen Möglichkeiten, der Zerrissenheit zwischen Hilfsbereitschaft und gesetzlichen Vorgaben. "Ich bin hier eine Verkörperung des Staates, muss aber den Leuten gegenüber menschlich bleiben", erklärt Verwaltungswirtin Götzinger. Sie muss mit dem Seelenschmerz, der finanziellen Not und zuweilen der Aggressivität ihrer Kunden zurechtkommen.

Nicht alle Klienten finden es okay, wenn Ruth Götzinger ihren Job macht. Wenn sie Kürzungen ausspricht und 110 Euro im Monat streicht, weil der Hartz-IV-Empfänger keine Bewerbungen abgeschickt hat. Auf jedem Schreibtisch im Sozialbürgerhaus leuchtet ein Notrufknopf. Ein Spalt zwischen Pult und Fenster soll im Notfall die Flucht ermöglichen.

Erwachsene lassen sich nicht gerne erziehen. Auch nicht von einer 25-jährigen sympathischen, resoluten Beamtin, die mitfühlt, aber Gesetze zur Anwendung bringen muss. Ruth Götzinger hat sich dennoch nie bedroht gefühlt: "Ich komme mit meinen Kunden ganz gut aus, auch mit denen, die schon wegen Totschlags einsaßen." Sie kenne aber Kollegen, die mit Gegenständen beworfen oder deren Büros zu Kleinholz zerschlagen wurden.

Einzelfälle, natürlich. Aber immer wieder finden sich labile, gewaltbereite Menschen unter den Kunden. Und man kann Leute, die einem suspekt sind, hier nicht einfach wegschicken.

Nicht alle kommen mit dem Druck zurecht: "Ich habe mehrere Fälle von Burn-out hier im Haus erlebt", sagt Ruth Götzinger. "Man muss sich für diesen Job entscheiden, sonst geht's nicht gut." Und man müsse lernen, Distanz zu wahren.

Das fiel der jungen Beamtin anfangs schwer. Sie erinnert sich an eine Frau, die offensichtlich regelmäßig von ihrem Mann misshandelt wurde. Auf die Verletzungen angesprochen, habe ihr die Frau versichert, regelmäßig die Treppe hinunterzustürzen. "Ich kann nur die Hand reichen, aber wenn jemand sich nicht helfen lassen will, muss ich das akzeptieren", sagt Ruth Götzinger.

Sie ist seit drei Jahren fertig mit dem Verwaltungsstudium. In ihrer Familie waren sie seit drei Generationen Beamte. Der sichere Verdienst, die familienfreundliche Rahmenbedingungen lockten. "Ich hätte mit meinem Abitur auch was anderes machen können", sagt die Frau, die aus dem reichsten Landkreis Deutschlands kommt, aus Starnberg. Aus einer heilen Welt, wie sie selbst sagt.

An die Wand hinter ihrem Schreibtisch hat Ruth Götzinger Kätzchen-Postkarten geklebt. Sie selbst trägt Silberschmuck und einen grauen Blazer, am Schlüsselband in Regenbogenfarben hängt ein Stofftier. Sie macht gerade den Motorradführerschein und antwortet auf die Frage nach Hobbys mit Formulierungen wie "sportliche Betätigung mit meinem Lebenspartner".

Die Welt, die ihr am Arbeitsplatz begegnet, war ihr lange fremd. In Starnberg ist Hartz IV ein Thema, von dem man in der Zeitung liest, bestenfalls.

Das öffentliche Bild hat dabei oft wenig zu tun mit der Realität in den Sozialbürgerhäusern. Politiker erwecken immer wieder den Eindruck, Hartz IV sei bezahlter Urlaub. Philipp Mißfelder, Vorsitzender der Jungen Union, behauptete im Jahr 2008: "Die Erhöhung der Hartz-IV-Sätze ist ein Anschub für die Tabak- und Spirituosenindustrie". CDU-Politiker Volker Kauder forderte zwei Jahre zuvor: "Wer Hartz IV erhält, darf nicht nur herumgammeln". Und Außenminister Guido Westerwelle warnte kürzlich: "Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein."

Zehn Uhr, der zweite Besucher an diesem Tag erscheint. Erstantrag für Hartz IV. Ein Mann, 52, dunkelgrüne Jacke, graumeliertes Haar, ein Schnauzbart wie ein alter Seebär. Sein Deutsch ist schlecht. Er hatte Krebs und ist jetzt einigermaßen auf dem Damm.

"Sie sind arbeitsfähig, wir müssen versuchen, Sie wieder in Arbeit zu bringen", sagt ein Kollege von Ruth Götzinger. "Ich versteh nicht genau", sagt der Mann. "Sind Sie schwerbehindert?" - "Weiß nicht." "Mehrbedarf für aufwendige Ernährung wegen Krankheit?" - "Ich verstehe nicht." "Schulden?" - "Ja." "Wie hoch?" - "Keine Ahnung." - "Dann tragen wir Schuldnerberatung auch mit ein."

Die Hartz-IV-Gesetze sind für Menschen gemacht, die ihr Leben im Griff haben. Doch nicht wenige Empfänger beziehen ja genau deshalb Hartz IV, weil sie alleine nicht mehr so gut zurechtkommen. Jedenfalls nicht so gut, um in dieser Gesellschaft zu bestehen.

Hartz IV hat den Job der Beamten nicht leichter gemacht. Früher, sagt Josef Sebald, der Leiter des Sozialbürgerhauses in der Schwanthalerstraße, hätte ein Sachbearbeiter einen größeren Ermessensspielraum gehabt. Inzwischen seien viele Möglichkeiten für Sonderpauschalen gestrichen worden. Der Hartz-IV-Satz beinhaltet alles. "Das ist einfacher in der Verwaltung - aber viele Leute schaffen das nicht", stellt Sebald fest.

Oder, wie Ruth Götzinger formuliert: "Das Gesetz richtet sich an Personen, die in der Lage sind, ihr Leben zu strukturieren." Ihre Besucher können das aber oft nicht.

359 Euro im Monat, plus Miete. "Dieses Geld reicht zum Überleben", findet die Beamtin, "alles was darüber hinausgeht, ist schwierig". Man müsse schon sehr diszipliniert sein und gut planen können, um Rücklagen für einen Wintermantel und die Reparatur der Waschmaschine bilden zu können, sagt Ruth Götzinger. Man muss sich beschränken. Den Fernseher nicht unnötig laufen lassen, das Licht löschen, auf Sonderangebote achten, bei Stiftungen Zuschüsse für Zahnersatz beantragen. Das packt aber nicht jeder.

Und wenn einem das Geld ausgeht in der Mitte des Monats, was dann? Nichts dann.

Vorschüsse gibt es nur in Notlagen. Aber ist es nicht immer eine Notlage, wenn man nicht weiß, wovon man Brot kaufen und Strom bezahlen soll? Nein, sagt Ruth Götzinger, das würde sich rumsprechen. Dann stünden Menschen-Schlangen vor ihrer Tür. Dann würden alle Vorschuss wollen. Was also ist eine Notlage?

"Einmal habe ich einer Frau 100 Euro Vorschuss ausgezahlt, damit sie sich Fahrkarten für den öffentlichen Nahverkehr kaufen konnte. Weil ihr Baby lebensbedrohlich krank war und die Klinik am anderen Ende der Stadt war. Weil sie ein weiteres, kleines Kind hatte, konnte sie nicht dauerhaft in der Klinik bleiben."

Manchmal muss schon Leib und Leben bedroht sein. Manchmal geht es einfacher.

Bei Ruth Götzinger klingelt gegen elf Uhr das Telefon, gefühlt zum 40. Mal an diesem Tag. Ein Familienvater bittet um finanzielle Hilfe wegen der kaputten Waschmaschine. Ruth Götzinger überlegt nicht lange. Sie bewilligt einen Zuschuss. Das Geld müsste reichen für ein gebrauchtes Gerät. "Der Mann hat fünf Kinder zu Hause", sagt Ruth Götzinger, die Verwaltungswirtin. "Wir sind hier zwar streng, aber keine Unmenschen."