Zum Tod von Otto Piene "Etwas Flüchtiges, das bleibt"

Otto Piene am Mittwoch in seiner Ausstellung in Berlin (geboren am 18. April 1928 in Laasphe, NRW, gestorben am 17. Juli 2014 in Berlin).

(Foto: AP)

Voller Stolz hatte Lichtkünstler Otto Piene gerade zwei Ausstellungen eröffnet. Doch bevor er die Krönung seines Lebenswerks am Himmel über Berlin bewundern konnte, starb er plötzlich an einem Herzinfarkt. Das geplante Sky-Art-Event findet jetzt trotzdem statt - ihm zu Ehren.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Als er noch ein Kind war, sagte Otto Piene am Mittwoch, habe er oft stundenlang in den Himmel geschaut, zu den Sternen, dem Licht. Immer sei da was los gewesen, erzählte er im Vorfeld der Ausstellung, die seine letzte sein wird - am Donnerstag ist Otto Piene gestorben.

Später, als jugendlicher Flakhelfer, habe er für Hitlerdeutschland in den Himmel gucken müssen, fuhr er fort. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründete Piene, sobald er ein Kunst- und Philosophiestudium in der Tasche hatte, eine Künstlergruppe, die die Nachkriegskunst von altem Ballast befreien und den Menschen das Licht und die Hoffnung zurück bringen sollte: "Zero", die "Stunde Null" (1958).

"Wir hatten überlebt, das hatten wir nicht erwartet", sagte der 86-jährige in Berlin mit leiser Stimme und mildem Blick. Aus dieser überschäumenden Lebensenergie hätten die Künstler damals die Kraft und die Gewissheit geschöpft, etwas aus ihrem Leben machen zu wollen, das dem Guten diene. Nicht länger dem Krieg, dem Verderben, der Düsternis.

Er ließ das Licht für sich malen

Otto Piene hat diesem Wunsch die Krone aufgesetzt. Nicht nur, dass er mit seiner Düsseldorfer Künstlergruppe international Einfluss auf die Kunsterneuerung genommen hat, sie aus dem Bild befreit und in die Natur getragen und umgekehrt die Naturgewalten mithilfe der Wissenschaft zum Bestandteil der Kunst gemacht hat. Piene hat sich der Lichtkunst verschrieben.

Schon in den 50er Jahren löste er sich von der klassischen Bildkunst und experimentierte seit den 60er Jahren mit Licht, Feuer und Rauch, malte Bilder mit diesen Elementen, beziehungsweise ließ die Elemente für sich arbeiten - und baute Kunstobjekte, die mit dem Licht spielten. Anti-museal, möglichst demokratisch, im offenen Raum, für alle. Der mehrfach dekorierte Documenta-Künstler soll im Oktober deshalb auch im Guggenheim-Museum in New York ausgestellt werden.

"Wir wissen immer noch so wenig über das Licht", erzählte er am Mittwoch in einem Interview, doch er habe nach den Jahren in düsteren Luftschutzkellern und geprägt durch eine Zeit, in der es verboten gewesen sei, Licht zu machen, dieses mit aller Kraft zurück in die Welt bringen wollen.

Wie er das gemacht hat, daran erinnern seit Mittwochabend in Berlin zwei Ausstellungen, für die sich die Neue Nationalgalerie und die Deutsche Bank Kunsthalle zusammengetan haben, um den großen Zero-Künstler zu ehren. Er lebte seit den 70er Jahren in den USA und pendelte zuletzt mit seiner Frau, der Künstlerin Elizabeth Goldring, zwischen ihrer "Art-Farm" in den USA und Düsseldorf. Zur Ausstellungseröffnung war er nach Berlin gereist und sagte: "Es schließt sich ein Kreis." In Berlin hatte er einst eine seiner ersten Einzelausstellungen gehabt.

Er schien jetzt selbst voller Licht zu sein

Noch nie sei sein Werk so umfassend und so klar gezeigt worden, freute sich Piene sichtlich, stolz und gerührt zugleich, und ließ sich im Rollstuhl durch die Ausstellung in der Kunsthalle führen, um noch einmal zu erklären, was damals so wichtig war. Und an das heute manchmal erinnert werden müsse: Optimismus.

Gerade in Berlin, wo jetzt der Skeptizismus herrsche, habe sich seit damals so viel verändert: "Manches ist gut geworden." Diesen Spirit aus den 60er und 70er Jahren, als die Welt erneuert werden sollte, wollte er nun wieder nach Berlin tragen. "Als etwas Flüchtiges, das bleibt", formulierte er weise. Mit einem Sky-Art-Event an diesem Samstagabend, der seine Ausstellungen krönen sollte. Am Himmel über Berlin, vom Dach der Neuen Nationalgalerie, sollten drei Helium-gefüllte Sternenskulpturen aufsteigen. Die größte von ihnen, "Berlin Superstar" (die er in den 80ern für die Ausstellung "Die Zukunft der Metropolen: Paris - London - Berlin" entwarf), sei 90 Meter hoch und 20 Meter breit, verkündeten die Veranstalter. Die Sterne würden weiß angestrahlt und weithin sichtbar sein.

Doch die traurige Nachricht lautet: Otto Piene ist tot. Am Donnerstagnachmittag, nach der Eröffnung seiner beiden Ausstellungen, ist der Künstler überraschend gerstorben - an einem Herzinfarkt, offenbar während einer Taxifahrt. Zuvor hatte er noch ein letzte Teambesprechung geleitet, auf dem Museumsdach nach dem rechten gesehen und war in seinen Ausstellungen als Visionär und Erneuerer der Kunst gefeiert worden.

"Er war so glücklich und zufrieden", sagen die, die ihn in den letzten Tagen begleitet haben. Und so wirkte er auch zur Eröffnung: Glücklich, stolz, angekommen, voller Optimismus - und voller Licht. Die Augen strahlten, im Körper eines alten Mannes schien ein junger Geist zu wohnen. "Dieses Licht, das er da einfangen will, verbreitet er auch selber", wunderten sich zwei Besucherinnen am Mittwoch über die Strahlkraft des 86-jährigen Künstlers.