Zum Tod von Chinua Achebe Chronist des Wandels

Chinua Achebe im Januar 2009 - nun ist der nigerianische Autor verstorben.

(Foto: AFP)

Er nahm die Tradition der alten Dorferzählungen auf, zitierte Märchen und Mythen, entwarf eine Welt ganz aus afrikanischer Perspektive. Chinua Achebe hat der Literatur seiner Heimat die Tür zum Weltpublikum geöffnet. Nun ist der nigerianische Autor gestorben.

Von Hans-Peter Kunisch

Ngugi wa Thiong'o, der im vergangenen Jahr auf der Buchmacher-Liste der Nobelpreiskandidaten ganz oben stand, zwischen Philip Roth und Bob Dylan, erzählt in seinem vor einem Vierteljahrhundert erschienenen Aufsatz "Decolonizing the Mind" eine kleine Geschichte. In der Schule war es verboten, die eigene Sprache, Gikuyu, zu sprechen. Wer erwischt wurde, kriegte Stockschläge auf den nackten Hintern oder ein Schild um den Hals gehängt: "I am a donkey". Die Sprache, schrieb Thiong'o, sei wichtig, um kolonisierte Völker "zu faszinieren und ihre Seelen gefangen zu halten".

Der Aufsatz ist auf Englisch erschienen und hat Weltkarriere gemacht. Wie die Romane von Chinua Achebe, Thiong'os sieben Jahre älterem, nigerianischen Kollegen. Thiong'o, lange Zeit ein Bewunderer Achebes, ist auf Gikuyu umgestiegen, Achebe ist beim Englischen geblieben, dem Verdacht auf Unselbständigkeit zum Trotz. Diese Entscheidung hatte auch literarische Gründe. Achebe hat im Englischen einen Stil entwickelt, der es ihm erlaubt, die englische Kultur mit der afrikanischen zu infiltrieren. Er versucht keinen klassischen Roman in kolorierter Variante.

Schon in seinem Erstling "Things fall apart", der 1958 erschien und ihn berühmt machte, nimmt Achebe die Tradition der alten Dorferzählungen auf, zitiert Märchen und Mythen, entwirft eine Welt ganz aus afrikanischer Perspektive, in der Weiße nur schemenhaft auftauchen. Das Thema dieses Klassikers der afrikanischen Literatur ist der Wandel, den die afrikanische Welt selbst durchmachen musste.

Okonkwo, die Hauptfigur in "Alles zerfällt", ein stolzer Krieger aus dem nigerianischen Stamm der Igbo, steht zwischen allen Fronten. Er ist so faul wie selbstgerecht und lässt dies vor allem seine drei Frauen, die er schnell mal verprügelt, über seinen tölpelhaften Jähzorn erfahren. Am wichtigsten ist ihm sein Erfolg. Damit unterscheidet er sich von seinem Vater, der gerne sang, trank und Schulden machte. Jede der Frauen Okonkwos hat ihre eigene Hütte, eigene Hühner. Soll bloß einer sagen, er sorge nicht für seine Familie.

Kein guter Vorbild-Afrikaner

Ein pittoreskes Bild des rückständigen Afrika? Keineswegs. Denn "Alles zerfällt" spielt um das Jahr 1890. Es geht noch nicht um den Übergang zur postkolonialen Gesellschaft. Achebe erzählt erst mal das Ende der Stammesherrschaft und die Anfänge des kolonialen Systems. Er geht einen Schritt zurück und zeigt, dass der Kolonialismus auch in der eigenen, afrikanischen Gesellschaft seine Stützen hatte. Das ist nicht unpikant. Achebes Vater war Katechet, und man muss nur die Generationen hochrechnen, um zu vermuten, dass Achebe in Okonkwo die Generation seiner eigenen Großväter porträtiert hat.

Allmählich werden Okonkwos Schwierigkeiten mit Vater und Sohn, dem eigenen Temperament und anderen Dorfgrößen im Rahmen politischer Geschichte lesbar, und Okonkwo selbst wird zur ungebärdigen Repräsentativfigur eines Afrika im Übergang: roh, großmäulig und begabt zugleich, von vornherein feindselig gegenüber den Missionaren, passt er weder in die alte noch in die neue Gesellschaft. Er ist kein guter Vorbild-Afrikaner, aber auch keine dunkle Leerstelle wie die Schwarzen bei Joseph Conrad und seinen Nachahmern. Er ist lebendiger Mensch und Hauptfigur. Erst in Achebes folgenden Büchern, wie "Arrow of God" (1964), werden Weiße zu gleichberechtigten Akteuren. In "A Man of the People" (1966) zeigt Achebe schon einen korrupten schwarzen Minister. So wurden seine Bücher, bei teils wiederkehrendem Personal, über die Jahre hinweg zu einer Art afrikanischer Chronik.

Chinua Achebe ist der Booker-Preisträger von 2007, im Jahr 2002 hat er den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten. Auf die Anerkennung im deutschsprachigen Raum musste er allerdings lange warten. Erst zwei Jahrzehnte nach dem Erscheinen des Originals brachte der Aufbau-Verlag in der DDR "Alles zerfällt" heraus. Im vergangenen Jahr erschien bei S. Fischer eine Neuübersetzung des Romans, der dazu beitrug, der afrikanischen Literatur die Tür zum Weltpublikum zu eröffnen. In der Nacht zum Freitag ist Chinua Achebe im Alter von 82 Jahren in Boston gestorben.