Zum 70. Geburtstag von Mike Leigh Für den Augenblick der Wahrheit

Filmregisseur Mike Leigh wird 70 Jahre alt.

(Foto: AFP)

Die Filme des britischen Regisseurs Mike Leigh sind meist ein wenig komisch, oft unendlich traurig und trugen ihm große Preise ein. Sein Erfolgsgeheimnis liegt in der Kunst der Improvisation.

Von Susan Vahabzadeh

Mike Leigh ist der Großimprovisator des Kinos, sein größter Coup ist legendär: Als er "Lügen und Geheimnisse" drehte, 1996 in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, engagierte er Marianne Jean-Baptiste und Brenda Blethyn für die beiden tragenden Rollen.

Jean-Baptiste spielte eine junge Frau in London, die ihre leibliche Mutter sucht, Blethyn die Gesuchte - und weil die beiden einander nicht begegnet waren und sie von Leighs Drehbuch nie mehr zu sehen bekamen als unbedingt notwendig, wussten sie beim ersten gemeinsamen Dreh nicht, was sie erwartet.

Es war klar, dass die Tochter von vermögenden Leuten adoptiert worden ist, die Mutter aber aus der Welt der Londoner Sozialbauten stammt. Dass aber die Tochter schwarz sein würde und die Mutter weiß - das wussten sie nicht.

Die Verunsicherung, die dadurch entsteht, dieser Augenblick der Wahrheit, festgehalten in einem Film - das ist wahrscheinlich nicht anders herzustellen als mit der Mike-Leigh-Methode: Er versucht, ein bisschen wahres Leben aus seinen Schauspielern herauszukitzeln. Sie nahmen ihm das nicht übel, viele von ihnen, Jim Broadbent beispielsweise und Timothy Spall, haben immer wieder mit ihm gearbeitet.

Das britische Klassensystem spielt in Leighs Filmen eine große Rolle

Der britische Regisseur Mike Leigh, geboren am 20. Februar 1943, hatte in den Siebzigern mit dem Filmemachen angefangen, aber erst in den Achtzigern entstanden seine typischen Social Comedies - wie "High Hopes" oder "Life is Sweet", - es ging um Familien der Arbeiterklasse und die Reibung, die entsteht, wenn einer nicht mehr dazugehört. Das britische Klassensystem hat immer eine große Rolle gespielt in Leighs Filmen.

Mit "Naked" brach er dann 1993 aus seinem angestammten Gebiet aus, es ging um einen Vergewaltiger, und improvisiert wurde auch nicht. Vielleicht hat er das gebraucht, um dann auf der Höhe seiner Kunst anzukommen - seit "Lügen und Geheimnisse" ist er der wichtigste britische Regisseur, mit einem ganz eigenen, unverkennbaren Stil: ein wenig komisch, oft unendlich traurig, und immer dokumentiert er auch das Leben in London.

So kam es, dass das Abtreibungsdrama "Vera Drake" 2004 in Venedig den Goldenen Löwen gewann, für das Drehbuch zu "Another Year" wurde Leigh 2011 für einen Oscar nominiert.

Die Improvisation, die Dialoge, die auf diese Weise entstehen, und die Figuren, die selten so glatt und lieblich sind, wie das Kino sie oft zeichnet, ist so wichtig in seinen Filmen, dass manchmal fast übersehen wird, dass es auch ein visueller Stil ist, der Leighs Filme auszeichnet, dass jeder Bildausschnitt, jede Bewegung ganz genau geplant sind - aber subtil. Das ist Anti-Hollywood - zu starke Stilisierung, glaubt Leigh, erstickt das Leben eines Kinostücks, macht es kalt.