"Younger Now" Miley Cyrus ist brav geworden

"Younger Now" heißt ihre neue Platte: Miley Cyrus, 24 Jahre alt.

(Foto: Sony Music)

Die amerikanische Sängerin parodiert leicht bekleidet unsere kollektiven Entertainment-Träume. Ihr neues Album ist allerdings eher fliegengewichtig.

Von Jens-Christian Rabe

Es heißt, Pop sei immer so gut wie die Fragen, die zu stellen er ermöglicht. Der Pop des 24-jährigen amerikanischen Superstars Miley Cyrus sah, so gesehen, bislang nicht so gut aus. Die beiden großen Miley-Cyrus-Fragen schienen in den vergangenen Jahren vor allem zu lauten: Ist das nicht die Sängerin, die verrückt geworden ist? Und: Warum hat sie noch mal so wenig an?

Aber an diesen Fragen war eigentlich alles so falsch und verlogen und kaputt, wie wir an einem ganz normal sensationsgeilen Dienstag- oder Freitagvormittag eben so sind. Denn die Frage könnte zur Abwechslung ja auch mal genauso gut lauten, ob es nicht doch sehr vernünftig ist, von einem gewissen Zeitpunkt an nicht mehr das reizende, glasierte Teenie-Country-Mädchen von nebenan sein zu wollen, das sich der Disney Channel für einen ausgedacht hat, als man 14 war.

Es ist ein Unterschied, ob man sich für den Playboy auszieht oder für ein Transgender-Magazin

Die andere Frage, ob man deshalb gleich so wenig anhaben muss, liegt dann natürlich erst mal nahe. Ist aber trotzdem ein Witz. Und im Fall von Miley Cyrus auch noch ein unvorstellbar dümmerer als zum Beispiel - wie sie es in den vergangenen Jahren gerne tat - bei Konzerten in Bikini, Cowboystiefeln und gelbem Pelzjäckchen auf einem riesigen Hotdog-Modell über dem Publikum herumzuschweben. Oder sehr freizügige Fotos mit Strap-on-Dildos von sich für Transgender-Magazine machen zu lassen. Oder in einem Highscore-Pop-Hit womöglich ein klitzekleines bisschen die Droge Ecstasy zu feiern. Oder im Fernsehen als Glitzerfee mit nichts als Dreadlocks, Rock und einem mehr oder weniger offenen bunten Scherben-und-Strass-Jäckchen aufzutauchen. Oder eimerweise Gras zu rauchen und vergnügt Auskunft darüber zu geben. Oder in einem Musikvideo nackt und in Zeitlupe auf einer Abrissbirne hin und her zu schaukeln und einen, doch, doch, Vorschlaghammer zu lecken.

Es ist ein dümmerer Witz, weil es eben im Leben und besonders in der Kunst nicht so sehr darauf ankommt, was man macht, sondern doch so unendlich viel mehr, wie man es macht. Und Miley Cyrus sitzt auf dem Hotdog oder in der Late-Night-Show von Jimmy Kimmel nicht etwa brav als glückliche Glitzerfee, sondern als eine grelle Parodie der kollektiven Entertainment-Träume, nicht als eine Kellnerin des billigen Begehrens, sondern als ausgebuffte Spielerin mit der Lächerlichkeit der Erwartungen. Und es ist ein gigantischer Unterschied, ob man sich für den Playboy auszieht (was sie nicht getan hat) oder für ein Transgender-Magazin.

Ihr nun erscheinendes sechstes Studioalbum "Younger Now" (Sony) ist in diesen Entblendungszusammenhang allerdings gar nicht so leicht einzuordnen. Es ist nämlich unüberhörbar eine Platte aus dem Fliegengewicht geworden, die man sich angesichts der Avantgarde-Experimente auf jüngsten Werken von Superstar-Kolleginnen wie Katy Perry, Rihanna oder Béyonce kaum schönhören kann. Sie knüpft auch nicht an ihr wüstes letztes Album und die Zusammenarbeit mit der Avantgarde-Pop-Band The Flaming Lips an. Diesmal gibt's nur dengelndes Country-Gedudel mit Patentante Dolly Parton wie in "Rainbowland", blütenweiße Up-tempo-Balladen mit großem Emo-Gejaule in "Malibu", launige Langeweile mit Steel-Guitar-Gequengel, mit Geigengefiedel wie in "Inspired". Papa und Country-Star Billy Ray Cyrus ist stolz. Braves Mädchen. Im Video zur Single "Younger Now" gibt sie allerdings im Elvis-Kostüm schon wieder die souveräne Outcast-Kapitänin, die weiter keinen Zweifel daran lässt, dass auf die Prämisse, dass Pop nur so gut ist, wie Fragen, die zu stellen er ermöglicht, bitte die Abrissbirne angesetzt gehört. Tatsächlich ist Pop nämlich so gut wie die guten Antworten, die er auf unsere dümmsten Fragen gibt.

Die Antwort von Miley Cyrus auf die Frage, warum sie immer so wenig anhabe, lautete übrigens: "Ich möchte nicht, dass Leute darüber reden, was ich trage. Deshalb trage ich auch nicht so viel."

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