Wirkung von Hitlers "Mein Kampf" Lust am Machtwort

Eine vom Autor signierte Ausgabe der Hetzschrift auf einer Auktion in London

Langweilig, unoriginell, phrasenhaft und alles in allem lachhaft: So bewerteten schon Zeitgenossen Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf". Und dennoch entfaltete das Buch eine Faszinationskraft, die auf so unheilvolle Weise wirkmächtig wurde. Wie Hitler mit "Mein Kampf" die Eliten für sich einnehmen konnte.

Ein Gastbeitrag von Albrecht Koschorke

Um das Für und Wider der Publikation von "Mein Kampf" hat es immer wieder heftige Debatten gegeben. Dabei passen die öffentlich bekundeten Leseerfahrungen mit diesem Buch nicht recht zu der Sorge vor einer bis heute andauernden ideologischen Ansteckungsgefahr. Übereinstimmend vermerken diejenigen unter den akademischen Lesern, die sich überhaupt die Mühe einer Lektüre von Hitlers Elaborat machen, wie langweilig, unoriginell, phrasenhaft, stilistisch missraten, peinlich-geifernd und alles in allem lachhaft sie das Buch finden.

Diese Reaktion gab es, wie in Othmar Plöckingers Standardwerk zur Geschichte von "Mein Kampf" dokumentiert, schon in den 1920er-Jahren. Sie bot damals Anlass zu der fatalen Zuversicht, dass ein solcher Schreiber keine Zukunft habe. Aber worin könnte dann die Faszinationskraft von Hitlers Hetzschrift bestehen, die auf so unheilvolle Weise wirkmächtig wurde?

Hitler selbst hat keinen Hehl daraus gemacht, dass es ihm nicht darum zu tun war, kritische Akademiker zu überzeugen. Im Gegenteil, er gibt sie derselben Geringschätzung preis, mit der diese Gruppe ihn, den fanatisierten Emporkömmling, ihrerseits strafte. Propaganda, schreibt er, müsse ihr geistiges Niveau auf die geringe Aufnahmefähigkeit der Masse einstellen. "Je bescheidener dann ihr wissenschaftlicher Ballast ist, und je mehr sie ausschließlich auf das Fühlen der Masse Rücksicht nimmt, umso durchschlagender der Erfolg. Dieser aber ist der beste Beweis für die Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Propaganda und nicht die gelungene Befriedigung einiger Gelehrter oder ästhetischer Jünglinge."

Verachtung der "wissenschaftlichen Intelligenz"

Mit einem Handstreich erklärt Hitler so alle Leitwerte einer regelgeleiteten intellektuellen Auseinandersetzung - sachliche Überprüfbarkeit, Differenziertheit, Niveau - für irrelevant. Er teilt diese Geste mit der bunten Szene völkischer Sektierer um 1900, aus deren Schriften er schöpfte und die eine autodidaktisch-megalomane Gegenwelt zur Welt der professionellen Akademiker formte.

Auf Zustimmung durch die verachtete "wissenschaftliche Intelligenz" kam es ihnen nicht an. So machen sie ihre selbstgebastelten Ideengebäude gegen den Einspruch etablierter Experten von außen unangreifbar und festigten zugleich die Bindung nach innen.

Bei größerer Verbreitung lässt sich derselbe Mechanismus in den Dienst einer großformatigen politischen Ideologie stellen. Denn wenn sich die "Richtigkeit oder Unrichtigkeit einer Propaganda" allein an ihrem "Erfolg" bemisst, dann schließt sie sich in eine Kreisfigur der Selbstbewahrheitung ein: Die Massen glauben ihr, weil sie sich als unbedingt wahr ausgibt, und sie ist wahr, weil die Massen sie glauben.

Höhnisches Hochgefühl

Hier kommt ein Faktor ins Spiel, den diejenigen unterschätzen, die in Demagogie nichts anderes am Werk sehen als Irrtum, Blindheit oder Wahn und ihr deshalb mit den Mitteln des vernünftigen Einspruchs zu Leibe zu rücken versuchen. Dieser aufklärerischen Zuversicht ist entgegenzuhalten, dass der Demagoge samt seinen Gefolgsleuten gewöhnlich sehr genau weiß, was er tut. Er verbreitet seine Behauptungen nicht, obwohl er damit bei allen Vernünftigen Anstoß erregt, sondern weil er sicher sein kann, sie auf diese Weise zu provozieren.

Die reflexhafte Empörung, die er auslöst, verschafft ihm eine Art von höhnischem Hochgefühl. Propaganda, Hitler spricht das in "Mein Kampf" ganz offen aus, soll "eine allgemeine Überzeugung von der Wirklichkeit einer Tatsache" herbeiführen und muss alle weitere Erörterung unterbinden.