Whistleblower Daniel Ellsberg über Prism Vereinigte Stasi von Amerika

Wie zuletzt Edward Snowden verriet Daniel Ellsberg einst die USA. Mit seinen Enthüllungen über Vietnam galt er bisher als der wichtigste Whistleblower in der amerikanischen Geschichte. Nun äußert er sich über Snowden - und hofft, dass dieser nicht ermordet werde. Amerika sei ein anderes Land geworden, so der 82-Jährige.

Ein Gastbeitrag von Daniel Ellsberg

Daniel Ellsberg, 82, gilt als der bisher wichtigste Whistleblower in der amerikanischen Geschichte. Er wurde 1971 als Spion angeklagt, weil er als Mitarbeiter der Rand Corporation, die das Verteidigungsministerium beriet, die "Pentagon Papers" kopiert und an Zeitungen weitergeleitet hatte. Dabei handelte es sich um ein 7000 Seiten starkes Dokument, das Verteidigungsminister Robert McNamara in Auftrag gegeben hatte. Dieser Bericht dokumentierte die Beziehungen zwischen den USA und Vietnam von 1945 bis 1967. Vor allem aber zeigten diese Unterlagen, wie die amerikanische Öffentlichkeit getäuscht und in den Krieg getrieben worden war. Das Verfahren gegen Ellsberg wurde 1973 eingestellt. Die "Pentagon Papers" trugen maßgeblich dazu bei, dass sich die amerikanische Öffentlichkeit gegen den Vietnamkrieg stellte.

Für viele schneidet Edward Snowden im Vergleich zu mir schlecht ab, weil er das Land verlassen hat und Asyl sucht, statt sich - wie ich damals - einem Gerichtsverfahren zu stellen. Das finde ich falsch. Das Land, in dem ich damals lebte und blieb, war ein anderes Amerika.

Nachdem der New York Times am 15. Juni 1971 gerichtlich untersagt wurde, die Pentagon Papers zu veröffentlichen - die erste Einschränkung einer Tageszeitung in der US-Geschichte - und nachdem ich eine weitere Kopie der Washington Post gegeben hatte, die ebenfalls an der Veröffentlichung gehindert werden sollte, tauchte ich mit meiner Frau Patricia 13 Tage lang unter. Damit wollte ich (ähnlich wie Snowden mit seinem Flug nach Hongkong) der Überwachung entkommen, während ich - mit der Hilfe einiger Personen, die dem FBI bis heute nicht bekannt sind - trotz zweier einstweiliger Verfügungen planen konnte, die Pentagon Papers an 17 weitere Zeitungen weiterzuleiten. Die letzten drei Tage dieser Zeit ignorierte ich auch einen Haftbefehl: Ich war, wie Snowden jetzt, ein Gesetzesflüchtiger.

Ich war Teil einer Bewegung gegen den Krieg

Als ich mich in Boston stellte, nachdem ich in der Nacht zuvor meine letzten Kopien der Papiere herausgegeben hatte, wurde ich gegen Kaution wieder freigelassen. Später, als meine Anklage von ursprünglich drei auf zwölf Punkte erweitert wurde und mir eine bis zu 115-jährige Freiheitsstrafe drohte, wurde meine Kaution zwar auf 50.000 Dollar erhöht. Aber während der gesamten zwei Jahre, in denen ich angeklagt war, konnte ich mit den Medien, bei Kundgebungen und öffentlichen Lesungen sprechen. Ich war trotz allem Teil einer Bewegung gegen den Krieg. Und darum ging es mir ja in allererster Linie - diesen Krieg zu beenden. Aus dem Ausland hätte ich da nichts ausrichten können. Deswegen habe ich nie daran gedacht, das Land zu verlassen.

Das wäre heute so nicht mehr möglich. Mal davon abgesehen, dass man kein Verfahren mehr kippen könnte, indem man die Aktivitäten des Weißen Hauses gegen den Angeklagten offenbarte. Die waren in der Ära Richard Nixon eindeutig kriminell. Das führte ja auch mit zu der Amtsenthebungsklage, wegen der er dann zurücktrat. Heute betrachtet man all das jedoch als legal. Einschließlich des Versuchs, mich für völlig rechtsunfähig zu erklären, also quasi zu entmündigen.

Ich hoffe, dass Snowdens Enthüllungen eine Bewegung anstoßen, die unsere Demokratie rettet. Er selbst aber hätte nie in den USA bleiben und Teil dieser Bewegung werden können. Würde er in die USA zurückkehren, wären die Chancen gleich null, dass man ihn auf Kaution freilassen würde. Aber selbst wenn er das Land überhaupt nicht verlassen hätte, wäre es unwahrscheinlich, dass man ihm eine Kaution genehmigt hätte. Stattdessen säße er genauso wie Bradley Manning ohne Kontakt zur Außenwelt in einer Gefängniszelle.

Ziemlich wahrscheinlich wäre er sogar in Einzelhaft gelandet. Unter Umständen noch länger als die mehr als acht Monate, die Manning während seiner drei Jahre im Gefängnis erleiden musste, bevor sein Prozess vor kurzer Zeit begann. Der UN-Spezialberichterstatter für Folter beschrieb Mannings Haftbedingungen als "grausam, unmenschlich und entwürdigend". Diese Aussicht sollte an sich für die meisten Länder schon Grund genug sein, Snowden Asyl zu gewähren. Wenn sie den Schikanen und der Korrumpierung der Vereinigten Staaten standhalten würden.