Wettrüsten mit Betrügern Ein Unternehmen macht Jagd auf Kunstfälscher

Wassily Kandinskys Ölgemälde "Porträt Nina Kandinsky" aus dem Sommer 1917, fotografiert von "Arts Analysis & Research". Links bei Tageslicht, rechts unter Infrarotlicht.

(Foto: Art Analysis & Research)

"Art Analysis & Research" hat schon spektakuläre Fälle wie die Beltracchi-Fälschungen enttarnt. Ein Besuch in dem Labor, wo eine verräterische Tube Titanweiß über Millionen entscheiden kann.

Von Alexander Menden, London

Besonders leicht zu finden ist Art Analysis & Research nicht. Die diskrete Lage der Londoner Zentrale des Kunstanalyse-Unternehmens in einem eisenvergitterten Hof unweit der Docklands passt aber ins Gesamtkonzept: Die Dienstleistungen, die AA&R anbietet, eignen sich oft nicht dafür, viel Aufsehen zu verursachen, gerade, weil es in der Regel um viel Geld geht - und oft um die Entscheidung zwischen wertvollem Original und wertloser Fälschung. AA&R haben zwar auch in spektakulären Fällen wie dem der Beltracchi-Fälschungen ihre hochspezialisierte Mischung aus kunsthistorischer und naturwissenschaftlicher Analyse zum Einsatz gebracht. Einen Großteil ihrer Arbeit machen sie jedoch Abseits der Öffentlichkeit.

"Als Nick Eastaugh 2009 AA&R gründete, war klar, dass wir unsere eigenen Maschinen brauchten, sowie volle Kontrolle über das Material und ein interdisziplinäres Team mit festangestellten Laborspezialisten", sagt Jilleen Nadolny, während sie den Besucher an Gerätschaften und Labors vorbei in einen Besprechungsraum führt. "Hier werden Spektralvergleiche gemacht, um Pigmente zu erkennen", sagt sie. "Wir machen auch hochaufgelöste Bilder, in die man extrem nah hereinzoomen kann. Dabei sehen wir oft auch Fingerabdrücke. Manche Maler wie Munch, Turner und da Vinci hinterließen reichlich Fingerabdrücke. In der Renaissance trug man Gesso-Bindemittel auf ein Holzpaneel auf und überzog es mit einer Lage Öl - und die wurde mit der Hand verteilt, deshalb haben wir zum Beispiel sehr viele Handabdrücke von Bellini oder seinen Gesellen. Man kann sie auf Infrarot-Aufnahmen gut erkennen."

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Jilleen Nadolny gehört zum Kernteam um Eastaugh, der einen Hintergrund als Chemiker hat. Selbst Kunsthistorikerin, versteht die Amerikanerin die Materialanalyse als gleichberechtigte Komplementärdisziplin zur klassischen Kunstgeschichte, die vor allem auf Meinung und (nicht fälschungssicherer) Provenienz basiert: "Rembrandt und Van Gogh zum Beispiel sind die am besten erforschten Künstler", erklärt sie. "Wir wissen, wann Theo van Gogh seinem Bruder Vincent die erste Tube mit Kobaltblau schickte, also können wir zeitlich sehr genau sagen, von wann an er diese Farbe in einem seiner Bilder hätte verwenden können." Röntgenuntersuchungen können verschiedene Lagen des Farbauftrags zutage bringen. Bestimmte Farben, die Blei enthalten, blockieren Röntgenstrahlen. Infrarotlicht wird von hellen Flächen reflektiert, während dunkle es absorbieren.

Wer weiß, wie der Künstler gearbeitet hat, kann die Authentizität eines Werks leichter feststellen

Das Spezielle ist, dass sich hier Kunsthistoriker auf Materialgeschichte und Technik spezialisiert haben. "Wir wissen, welche Farben, Untergründe und so weiter wann zum ersten Mal verwendet wurden. Der durchschnittliche Kunsthistoriker weiß darüber nichts", sagt Nadolny. Die Materialuntersuchungen seien aber nur ein Aspekt der Arbeit: "Wir nutzen die ganze Bandbreite - Archivinformationen, historische Dokumente und Fachliteratur ebenso wie Materialanalyse."

AA&R bietet die Art von Dienstleistungen an, die sonst nur an einem großen, extrem gut ausgestatteten Haus wie der Londoner National Gallery zur Verfügung stehen. Die Firma arbeitet mit kleineren Museen, die solche Einrichtungen nicht selbst besitzen, mit Stiftungen, Auktionshäusern, Versicherungen, Galerien, Händlern und Sammlern. "Unser Vorteil ist es, schnell reagieren zu können", sagt Jilleen Nadolny. "Wir können überall hinfahren, und haben mit Hunderten von Kunstwerken jährlich einen sehr hohen Durchlauf, wenn man es etwa mit Einrichtungen wie dem Münchner Doerner-Institut vergleicht, das ähnliche technische Möglichkeiten hat."

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Über wissenschaftliche Methoden findet man viel über die individuelle Arbeitsweise von Künstlern heraus. Manche arbeiten mit sehr ausführlichen Vorzeichnungen, andere malen sofort auf die Leinwand und haben eine sehr genaue Vorstellung davon, wie das fertige Bild aussehen soll. Wieder andere, wie Pablo Picasso, ändern beim Malen ständig die Richtung - in frühen Picassos sieht man im Röntgen-Bild oft vier verschiedene Vorstufen des Kunstwerks. Und wer weiß, wie der Künstler gearbeitet hat, kann die Authentizität eines Werks leichter feststellen.

Aber auch die Fälscher haben aufgerüstet. Sie lesen dieselbe Literatur wie die Experten. Sie kaufen historische Pigmente, alte Leinwände, fälschen Reparaturen - die Tricks nehmen kein Ende, und die Ergebnisse sind technisch sehr gut. "Bevor wir eine Campendonk-Fälschung von Wolfgang Beltracchi als solche entlarvten, hatten bereits zwei andere Labors daran gearbeitet, und erst wir fanden die entscheidenden, handfesten Beweise", sagt Nadolny. Das von Beltracchi verwendete Titanweiß war zum angeblichen Entstehungszeitpunkt des Gemäldes noch gar nicht auf dem Markt.

Dass immer wieder bei Ausstellungen, wie jüngst bei der Modigliani-Schau in Genua, ein Großteil der Exponate als Fälschungen entlarvt werden, liegt laut Nadolny unter anderem daran, dass Museen für ihre Ausstellungen zum großen Teil auf private Sammler angewiesen sind. "Da entsteht oft das Dilemma, dass man diese Leihgeber vielleicht vor den Kopf stößt, wenn man ihre Kunstwerke ganz genau auf ihre Echtheit untersucht", so Nadolny. "Wir haben vor einer großen Ausstellung russischer Avantgardisten eine exakte Untersuchung von 14 Arbeiten vorgenommen, weil die Sammlung, aus der sie kamen, einen eher gemischten Ruf hatte. Wir haben fünf Bilder aussortiert."

Grundsätzlich gilt: Sobald es einen Markt für einen Künstler oder eine Epoche gibt, gibt es auch Fälschungen. "Es wird oft gesagt: Wirklich gute Fälschungen Alter Meister existieren gar nicht - aber das, was wir gerade sehen, widerlegt diese Annahme", erklärt Nadolny. "Bei Künstlern ersten Ranges entsteht natürlich viel Aufmerksamkeit, es gibt viele Experten, da ist die Gefahr größer, dass das betreffende Werk genauer unter die Lupe genommen wird. Hochpreisige Bilder von Malern aus der zweiten Reihe sind daher öfter zu finden. In letzter Zeit haben wir zum Beispiel eine ganze Reihe erstaunlich guter Fälschungen niederländischer Miniaturen aus dem 17. Jahrhundert. Auch Expressionisten werden gerne gefälscht, weil das vermeintlich leicht ist. Gefälschte indische Manuskripte und Miniaturen drängen ebenfalls auf den Markt."

Für die Amerikanerin liegt ein Teil des Wertes eines Kunstwerks in seiner Funktion als historisches Dokument: "Wenn man also so tut, als habe etwas im 17. oder im frühen 20. Jahrhundert existiert, das in Wirklichkeit gerade erst entstanden ist, dann ist das auch Geschichtsfälschung." Sie erinnert daran, dass es Künstler und Händler gegeben habe, die ihr Leben riskierten, um das zu schaffen und zu verkaufen, was von den Nazis "Degenerierte Kunst" genannt wurde. "Zweitklassige Fälschungen dieser Arbeiten herzustellen, und dann, wenn man ertappt wird, Unsinn zu erzählen wie: 'Der Künstler hat durch mich gearbeitet, ich habe ihn kanalisiert!', ist egoistisch und parasitär. Es entwertet das Verständnis echter Werke."

Trotz der zunehmenden technischen Raffiniertheit der Fälscher glaubt Nadolny, dass das Wettrüsten mit ihnen zu gewinnen ist: "Wenn Untersuchungen wie unsere weiter verbreitet wären, wären Fälschungen sehr selten. Wenn es zu schwierig ist, macht es niemand." Dabei gehe es jedoch nicht nur darum, Fälschungen auszusieben, sondern man könne so auch die genuinen Kunstwerke besser einschätzen, sie zeitlich und materialhistorisch besser einordnen. "Uns zuerst zu fragen", sagt sie, "kann viel Zeit und Geld sparen."

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