Verleihung Deutscher Filmpreis "Ich habe schon schlimmere Abende erlebt"

"Bester Schauspieler": Dieter "Didi" Hallervorden mit seiner Lola.

(Foto: dpa)

Mit anarchistischem Humor gegen die Langeweile einer ansonsten kreuzbraven Veranstaltung: Der deutsche Filmpreis war zu seinem 64. Geburtstag endlich ein bisschen flotter. Dafür genügte die Aftershowparty nicht ganz den Ansprüchen der Promis. Und auch die Preisvergabe gab Rätsel auf.

Von Ruth Schneeberger, Berlin

Ganz am Anfang, als die TV-Kameras noch aus sind, da versucht sich Jan Josef Liefers als Moderator in die Herzen des Saalpublikums zu witzeln: "Die Moderation sollte eigentlich jemand anders machen - aber Barbara Schönefeld ist noch nicht fertig." Es wird noch viel mehr Lachnummern geben in dieser Nacht, einige besser, viele schlechter. Doch Humor ist eine der tragenden Säulen des Abends - und eine Neuerung beim Deutschen Filmpreis.

Finster, finsterer - deutscher Filmpreis?

Ob sich die Veranstalter nun gedacht haben: "Das finstere Tal", "Finsterworld" und das Schwarz-Weiß-Flüchtlingsdrama "Die andere Heimat" sind genug der eher düsteren Gedanken. Wenn wir schon den eher finsteren Filmen die meisten Nominierungen verpassen, müssen wir wenigstens die Verleihung möglichst lustig gestalten. Oder ob sich die Organisatoren des höchstdotierten deutschen Kunstpreises (insgesamt drei Millionen Euro werden vergeben, doch daran gibt es auch Kritik) ein Beispiel an dem Film genommen haben, der im Jahr 2013 die weitaus meisten Zuschauer ins deutsche Kino gelockt hat (in "Fack ju Göhte" geht es ebenfalls vor allem um Humor): Waren die bisherigen Lola-Vergaben meist eher steif, lahm und länglich, ist der deutsche Filmpreis zu seinem 64. Geburtstag endlich lockerer geworden - und damit spaßiger.

Das war auch nötig: Noch im vergangenen Jahr hatte man zwar Glück, mit dem überragenden "Oh Boy" und dem noch überragenderen Hauptdarsteller Tom Schilling einen Film zur Verfügung zu haben, dessen Preiswürdigkeit niemand widersprechen wollte. Doch Moderatorin Miriam Weichselbraun blieb eher farblos, die Veranstaltung geriet so langwierig, dass alle der Aftershowparty im Friedrichspalast entgegenfieberten, die die Gäste für stundenlanges Ausharren in Langeweile entschädigte.

Gala top, Party Flop

Diesmal genau andersrum: Die Lola-Gala hatte schon noch ihre Längen, wurde aber durch diverse Comedy-Einlagen immer wieder aufgefrischt - nur die Party danach, auf regennassem roten Teppich, zwischen Currywurstbude und Treppenaufgängen im Tempodrom, war irgendwie ein Reinfall. Kaum ein Thema, das unter den Promis mehr diskutiert wurde als das Catering: Es war kaum vorhanden. Es müsse wohl wirklich sehr gespart werden, wurde geraunt, auch Jurypräsidentin Iris Berben in ärmelloser Schwarz-Weiß-Robe hatte darauf hingewiesen, wie der Filmpreis um seine Fördergelder und Sponsoren kämpfen müsse.

Trotz alledem: Mit dem Programm und der Dramaturgie hat man sich diesmal Mühe gegeben. Wenn schon diese Auszeichnung von und für Filmschaffende sich derart um sich selbst dreht, dass der normale Kinogänger kaum etwas von den Brancheninterna versteht, die auf der Bühne ausgetauscht werden, dann soll er wenigstens trotzdem unterhalten werden. Das ist doch mal ein Ansatz, vom Oscar abgeguckt - und diesmal fast besser gelungen als das amerikanische Vorbild.

Die Lola geht an...

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Jan Josef Liefers liefert gut ab

Vor allem Jan Josef Liefers als Moderator, im Tatort oft zu angestrengt witzig, traf hier meist den richtigen Ton zwischen Respektlosigkeit ("2013 war ein tolles Kinojahr: Wir sahen Daniel Brühl als Niki Lauda in 'Einohrhase'" oder: "Ich habe gehört, ihr schreibt schon an der Fortsetzung von 'Fack ju Göhte'. Mein Vorschlag für den Titel: 'Schiller sein Piller'. Oder, gleich für den amerikanischen Markt: 'Kant, du Fotze'." ) und nicht allzu schleimiger Ehrerbietung für die Kollegen ("Dieter, ich habe gerade den Leuten erklärt, dass ich dich ganz toll fand in 'Das letzte Rennen'", ruft er dem Kollegen Hallervorden, der später den Hauptpreis gewinnen wird, wie einem hilfsbedürftigen Greis den Showablauf von der Bühne zu).

Endlich mal ein bisschen Spaß im deutschen Fernsehen. Auch Christoph Maria Herbst, Anke Engelke und nicht zuletzt Charly Hübner und Milan Peschel hauchten dem Filmpreis mit ihren Auftritten ordentlich anarchischen Humor ein.

Das dürften sich auch die sieben Millionen Zuschauer gedacht haben, die "Fack ju Göhte" zum Publikumsgewinner des Jahres gemacht haben: Endlich mal ordentlich Spaß im deutschen Film - auch wenn der Schülerfilm dann doch zu klamottig war, um mit weiteren Lolas ausgezeichnet zu werden.

Die gingen dann an die ernsthafteren Filme. "Die andere Heimat" von Edgar Reitz, ein historisches Flüchtlingsdrama über die Auswandererwelle aus dem Hunsrück nach Brasilien im 19. Jahrhundert, soll auch Verständnis wecken "für diejenigen, die heute in ähnlicher oder viel schlimmerer Lage ihre Heimat verlassen und hier eine andere suchen", erklärte Co-Autor Gert Heidenreich auf der Bühne. Er betont: "Es liegt an uns, diese Hoffnungen nicht zu zertreten." Viel Applaus im Saal.

"Finsterworld" unterschätzt, Lob für "Im finsteren Tal"

Längen und Langeweile kamen nur dann auf, wenn zum x-ten Mal derselbe Film in kleineren Kategorien ausgezeichnet wurde: Der Alpen-Western "Im finsteren Tal" räumte gleich acht Auszeichnungen ab. Und weil einer der interessantesten Filme des Jahres, "Finsterworld" von Frauke Finsterwalder, trotz vielfacher Nominierungen doch nur eine Auszeichnung bekam.

Leider holte Sandra Hüller diese Lola als "Beste Nebendarstellerin" dann noch nicht mal selbst ab - und Co-Autor Christian Kracht, der den Preis stellvertretend entgegennahm, nutzte die Redezeit auch nicht, um etwas zu sagen. "Finsterworld"-Darsteller Michael Maertens freute sich jedoch, dass der Film überhaupt so oft nominiert worden sei - obwohl er doch "etwas sperrig, eigenartig, polarisierend" sei. Die einen würden ihn hassen, die anderen lieben - "und das muss man ja auch erst mal schaffen", so Maertens zu SZ.de. Er selbst musste den Preis als "Bester Nebendarsteller" Tobias Moretti überlassen, der ihn von der Bühne aus "besten Fußpfleger des deutschen Films" lobte.

Polarisiert hat auch der Dokumentarfilm über den Kunstfälscher Betracchi - weshalb die Jury sich wohl darin gefiel, Mut zu beweisen, indem sie ihn als "Besten Dokumentarfilm" auszeichnete. Was schade ist, weil beide Konkurrenten für das Publikum schlicht wertvoller waren - sowohl "Master of the Universe" über einen Hedgefondsmanager, als auch "Alphabet" über das kaputte Schulsystem (hier finden Sie alle Preise im Überblick).

Zu echten Tränen rührte immerhin der Auftritt des 69-jährigen Helmut Dietl, der für sein Lebenswerk geehrt wurde und, gezeichnet von seiner Krebserkrankung, seiner Frau aufrichtig für ihre Pflege in den letzten sechs Monaten dankte, die sehr schwer gewesen seien. Seine Frau saß im Publikum und konnte sich - wie viele andere Frauen im Saal - des Weinens nicht erwehren.

Viele Tränen, mehr Humor

Feuchte Augen hatte auch Jördis Triebel, und zwar schon kurz bevor bekanntgegeben wurde, dass sie für ihre Rolle in "Westen" als "Beste Hauptdarstellerin" ausgezeichnet würde. Was folgte, war eine bewegte und tränenreiche Dankesrede, die fast an Gwyneth Paltrow bei ihrer legendären Heulsusen-Oscar-Rede in Bonbonrosa anno 1998 erinnerte, allerdings doch etwas gehaltvoller war.

Und dann kam Didi: Seine Lola für die "Beste männliche Hauptrolle" in seinem Film "Das letzte Rennen" sei eine "saftige Ohrfeige für all jene Möchtegernkritiker, die mich als Komödianten jahrzehntelang abgewatscht haben, weil sie nicht erkennen konnten, wieviel Begabung dazugehört, etwas Schweres leicht darzustellen", so Dieter Hallervorden. Im Übrigen gäbe es an diesem Abend noch wichtigeres zu feiern als diesen Preis, nämlich den 69. Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland. Trotzdem: "Ich habe schon schlechtere Abende erlebt", dankte der 78-jährige Komiker.

Wie recht er doch hat - mit beiden Seitenhieben auf zwei Seiten einer Branche, die sich selbst oft genug schlicht zu wichtig nehmen. Und auch mit dem Hinweis darauf, derlei Veranstaltungen nicht mit Erwartungen zu überfrachten.