Pianist András Schiff wurde in Ungarn als "Hochverräter" beschimpft, als er den Antisemitismus anprangerte. Nun spricht er über ein Land, das unwürdig scheint, für Europa zu sprechen.
Als Ungarn am 1. Januar die EU-Ratspräsidentschaft übernahm, veröffentlichte der Pianist András Schiff in der Washington Post einen Text, in dem er fragte, ob sein Heimatland angesichts des grassierenden Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus geeignet sei, diesen Posten zu bekleiden, schließlich sei die EU nicht nur eine Wirtschafts- und Handelsunion, sondern verkörpere auch gemeinsame europäische Werte. Daraufhin brach in Ungarn ein Sturm der Entrüstung los. Der Publizist Zsolt Bayer hetzte in der Tageszeitung Magyar Hírlap gegen Schiff, Daniel Cohn-Bendit und den Guardian-Redakteur Nick Cohen, den er als "stinkendes Exkrement" bezeichnete. Er sprach von "diesen Cohns" und schrieb: "Leider ist es nicht gelungen, einen jeden bis zum Hals im Wald von Orgovány zu verscharren." In Orgovány wurden 1920 nach dem Zusammenbruch der kurzlebigen kommunistischen Räterepublik Hunderte, vor allem Juden und als Kommunisten verdächtigte Personen, gefoltert und getötet. András Schiff, der in Italien lebt, gab kurz darauf bekannt, nicht mehr in Ungarn aufzutreten. Glücklicherweise gab er aber gerade wieder in Wien ein Konzert. Grund genug, mit ihm über sein Heimatland, den ungarischen Nationalismus und Zivilcourage zu sprechen.
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Der ungarische Pianist András Schiff beim Kunstfest in Weimar. Über sein Heimatland sagt er: "Das Zitieren der Parolen und Insignien aus der Nazizeit hat System." (© dpa)
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SZ: Herr Schiff, haben Sie erwartet, dass Sie mit Ihrem Text Ihre Landsleute derart wütend machen würden?
András Schiff: Nein, das war ein sachlicher, kurzer Text, für den ich dann als Saujude und Hochverräter beschimpft wurde.
SZ: Sie sprechen von den anonymen Beleidigungen in Blogs, gegen die man kaum juristisch vorgehen kann. Was aber ist mit Zsolt Bayer? Wurde der für seine Hetztirade in der Fidesz-treuen Tageszeitung nicht belangt?
Schiff: Wo denken Sie hin. Der hat kurz darauf von der regierenden Fidesz-Partei den Madách-Preis bekommen, einen hochangesehenen Kulturpreis.
SZ: Aber Bayer ist doch Wiederholungstäter. Der Mann hat 2008 gesagt, die Juden würden den Ungarn "ins Becken rotzen" und seien allesamt "Rechtfertigungsjuden, sprich: Ihre schiere Existenz rechtfertigt den Antisemitismus."
Schiff: Ja. Aber als ihn der Dirigent Adam Fischer für den Orlovány-Text angriff, empörte sich Bayer über die Unterstellung, das sei ein antisemitischer Text. Es sei Zufall, dass die drei Namen solche von Juden seien. Und die Fidesz verlieh ihm den Madách-Preis ausdrücklich für sein Lebenswerk. Das zeigt, dass die Fidesz sich nicht von den Rechtsextremen distanziert. Unser Ministerpräsident Viktor Orbán ist eng befreundet mit Zsolt Bayer.
SZ: Was trifft Sie denn mehr, Bayers Tirade oder das Schweigen danach?
Schiff: Bayer kannte ich. Das Schweigen trifft mich sehr. Die fehlende Zivilcourage und Solidarität. Elfriede Jelinek und andere österreichische Autoren haben mich öffentlich verteidigt. Eine ähnliche Aktion habe ich aus intellektuellen ungarischen Kreisen nicht gesehen. Wovor haben die Leute Angst? Wir leben nicht in Deutschland 1933. Man kann seinen Koffer packen.
SZ: Ist Ihre Ankündigung, nie mehr in Ungarn aufzutreten, Ausdruck dieser Enttäuschung?
Schiff: Die Enttäuschung schmerzt. Aber ich habe auch anonyme Drohungen bekommen: Saujude, wenn der noch mal kommt, schlagen wir ihm die Hände ab. Jetzt sagen Leute, ich solle das nicht so ernst nehmen, komm ruhig, vielleicht hauen sie dir nur eine Hand ab (lacht). Ich habe keine Lust, das zu riskieren. Ich liebe meine Heimat so sehr, die Kultur, die Sprache, die Freunde, aber das jetzt ist in dieser Massierung und gewalttätigen Boshaftigkeit zu viel.
SZ: Das Meinungsforschungsinstitut Political Capital schreibt, es gebe in keinem anderen Land einen solchen Zulauf bei den Rechtsextremen wie in Ungarn.
Schiff: Einen antisemitischen, fremdenfeindlichen Bodensatz gab es immer. Das wurde aber nicht toleriert. Der Holocaust war im Kommunismus ein Tabuthema. Und die Ungarn konnten sagen, wir haben damit nichts zu tun. Aber der Holocaust ist nicht allein eine deutsche Angelegenheit. Man muss einfach anerkennen, dass viele Ungarn kollaboriert haben, damit die neue Generation endlich klar sagen kann: Nie wieder.
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Sehr geehrte slivovIca,
jetzt also zur Hauptfrage: Was stimmt nach meiner Meinung in András Schiffs Ausführungen denn nicht?
Daß er voreingenommen ist und übertreibt. Sie meinen, ich (und viele andere Ungarn) nur eine Seite der Medaille sehen. Ich bezweifle das, aber wenn, dann sieht Herr Schiff eben nur die andere Seite jener Medaille. Er erwähnt, das während der Nazizeit viele Ungarn kollaboriert haben, schweigt aber darüber, daß viele dagegen das eigene Leben riskierten, indem sie Juden vor der Nazis verbargen. Er schreibt über Paul Lendvai, dessen Vorlesung aus seinem Buch "Mein verspieltes Land" in Frankfurt abgesagt werden mußte; aber vielleicht weiß er nicht, daß der Buch auch in Ungarn herausgegeben wurde (mit dem Titel „Az eltékozolt ország“), und die Vorführung des Buches, wo auch Herr Lendvai da war, in Budapest ganz ohne Zwischenfall verlief. - Und er will noch dazu alles Herrn Viktor Orbán in die Schuhe schieben. Man müsste schon wissen, daß die erste Fidesz-Regierung (Ministerpresident war ebenfalls Viktor Orbán) hat das Holocaust-Museum, und den Trauertag des Gedenken an das Holocaust gegründet. Zeigt das vielleicht, daß er Antisemitismus schürt? –
Möglich, daß die rechtsextremen jetzt mehr sind, aber daran ist der letzte Regierung schuld. Während ihrer Parlamentsperiode haben sie so vieles gegen uns getan (Lügen und andere Sünden), daß viele Leute die Gegensatz dessen wählten, was die regierenden Parteien zu vertreten sagten. Die Anzahl der Abgeordneten ist im Gesetz festgelegt, und natürlich bekommen sie eine grőßere Akzent, wenn die beiden anderen oppositionellen Parteien die Parlamentsarbeit sabotieren.
Da kommt noch die Rede über den Entwurf der neuen Verfassung, und ans tausendjährige Reich. Der gezielte Satz im Entwurf lautet ungefähr so: (Entschuldigung, ich bin keine gebildete Übersetzerin)
„Wir sind stolz darauf, daß vor tausend Jahren unser König Sankt Stefan den ungarischen Staat auf festen Grund legte und unser Vaterland zum Teil der christlichen Europa machte.“
Ich finde nicht, daß davon einem übel sein müsste.
Reicht Ihnen die Aufzählung?
Mit freundlichen Grüßen Láng
Sehr geehrte slivovica,
meinetwegen können Sie sich nennen, wie Sie wollen, ich habe nichts gegen slivovica (trinke es sogar gerne), ich hatte einfach keine Anhaltspunkt, wie ich Sie anreden sollte. „Liebe Genosse/Genossin“ hielt ich nicht für angebracht.
Wie leicht sich Menschen mißverstehen können, zeigt auch Ihr erster Satz. Ich wollte nämlich mit der Bemerkung, daß „die Medien … unter dem Einfluss der Sozialisten und Liberalen standen” bloß sagen, daß ich nicht nur „Fidesz-Propaganda” lese. Also keine weitgehenden Folgerungen, bitte.
Ob die Nachbarn uns wahrhaftig helfen wollen, weiß ich nicht. Ich glaube, wir sind manchmal diskriminiert. Wir sind in Kreuzfeuer wegen des Mediengesetzes, während z.B. der Sprachengesetz der Slowakei – soviel ich weiß – ohne Kritik gültig bleibt. Der große Aufmerksamkeit und – öfters grobe – Kritik kommt auf uns erst seitdem Orbán Viktor unser Ministerpresident ist.
Auf die Hauptfrage komme ich noch bald zurück.
Mit freundlichen Grüßen Láng
Sehr geehrte Frau Láng,
Sie scheinen mit vielen ungarischen Rechtskonservativen die Ansicht zu teilen, dass "Sozialist" und "Liberal" an sich negative Begriffe sind. Rechts denkende und fühlende Menschen in Ungarn sind versucht zu denken, dass alle, die nicht ihre Meinung teilen, bestenfalls im Irrtum leben, oder gar böse Absichten haben und sich auf Kosten der anderen bereichern wollen. Das hatten wir in der sozialistischen Geschichte schon mal: "Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns."
Ihr Beispiel mit der Schwester, die den Nachbarn etwas Schlechtes über die eigene Familie sagt, führt nur in einer Gesellschaft zu Problemen, die eben - wie in zuletzt geschrieben habe - gern nur eine Seite der Medaille sieht. Man könnte sich ja auch die Mühe machen und sich bei den Nachbarn mal selbst erkundigen. Es kann sein, dass die Probleme wirklich groß sind und die Familie dringend Hilfe braucht, oder dass die Schwester paranoid ist. Ein halbwegs denkfähiger Nachbar würde nicht einfach zu Hause sitzen bleiben und denken, oh Gott, meine Nachbarn sind schlimme Menschen.
Aber lassen Sie uns doch zum Artikel zurückkehren, über den wir eigentlich diskutieren: Was stimmt nach Ihrer Meinung in András Schiffs Ausführungen denn nicht?
Übrigens: warum sollte sich eine Frau keinen Schnaps als Usernamen ausdenken? Ich kann mich aber auch gern Kaberné nennen, wenn Ihnen das besser gefällt.
Sehr geehrter Herr (doch nicht Frau mit dem Pálinka-Namen?) slivovica,
Sie nehmen richtig an, ich informiere mich hauptsächlich aus der Medien, die übrigens bis den letzten Zeiten unter dem Einfluss der Sozialisten und Liberalen standen. Meine Ansichten waren auch damals die selben, wie jetzt. - Die Süddeutsche lese ich nicht regelmäßig.
Ich weiß nicht, was Sie unter „intellektuellen Kreisen” verstehen. Ob es nur darum geht, daß man die Universität besucht hat. Oder daß man auch intelligent ist. Meiner Meinung nach kann nämlich Intelligenz nicht gelernt werden. - In den Kreisen, wo ich verkehre, sind solche „salonfähige” Sprüche nicht üblich.
Worüber Herr András Schiff berichtet, stimmt nicht alles hundertprozentig, außerdem ist ziemlich voreingenommen vorgetragen. Und was mich und noch viele andere beleidigt und verärgert, dazu stellen Sie sich die Situation vor, daß Sie – sagen wir – eine Schwester haben die zu den Nachbaren geht, und denen sagt, daß in Ihrer Familie alles falsch gemacht wird, der Vater trinkt, die Mutter lügt, und die ganze Familie aus Taugenichtsen steht. Und daß dann die ganze Nachbarschaft Ihre Familie verurteilt. Wäre nicht schőn, oder?
mfG Ilona Láng
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