Türkisches Tagebuch (XX) Exodus der türkischen Elite

Anhänger von Präsident Erdoğan protestieren im Juli in Istanbul gegen den Militärputsch.

(Foto: dpa)

Intellektuelle befürchten Zustände wie im Nahen Osten - und wandern nach Skandinavien oder die USA aus.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Kürzlich telefonierte ich mit einem Freund, einem in der Öffentlichkeit führenden Intellektuellen in der Türkei. Was er mir sagte, erstaunte mich nicht: Er wolle die Türkei verlassen. Vielleicht für immer, vielleicht nur "bis zu dem Tag, an dem man dort in Frieden leben kann". Demnächst wird er sich mit seiner Familie in Nordamerika niederlassen. "Ich will eine sichere Zukunft für meine Kinder."

Türkisches Tagebuch

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1958 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt er einen täglichen Gastbeitrag. Deutsch von Jörg Häntzschel.

Eine Wirtschaftswissenschaftlerin, die an einer der wichtigen Universitäten in Istanbul lehrte, hatte mir vor Monaten dasselbe gesagt. Weder sie noch ihr Mann, der in der Finanzbranche arbeitet, wollten noch länger bleiben. Sie packten ihre Sachen und gingen nach Kanada. Viele andere werden folgen. Vor allem die, die ihre Jobs verloren haben oder für ihre Ansichten sogar juristisch verfolgt werden, sehen keine Chance mehr für eine Karriere in den akademischen Institutionen, die von der Regierung jetzt streng kontrolliert werden.

Die Sorge um die Zukunft wird immer größer in der türkischen Elite. Für die Mitglieder dieses vorwiegend säkularen, gebildeten Teils der Gesellschaft ist die Situation noch klaustrophobischer als für alle anderen. Je größer die Instabilität, desto größer wird der Druck, sich dem intellektuellen Exodus anzuschließen. Bis vor Kurzem herrschte Optimismus in der Türkei. Viele ehemalige Auswanderer kehrten zurück, auch aus Deutschland. Doch wenn das unsichere und autoritäre Klima sich nicht bald ändert, verlassen die führenden Köpfe der Türkei die Bühne.

Skandinavische Länder registrieren schon steigende Zahlen von Einwanderern aus der Türkei. Der türkische Sender der Deutschen Welle berichtete kürzlich, dass in der ersten Jahreshälfte bereits 1719 Türken in Deutschland Asyl beantragt hätten - so viele wie im gesamten Vorjahr.

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Die Zeitung Dünya berichtete am Montag, die Anfragen nach Immobilien im Ausland seien um das Vier- bis Fünffache gestiegen. Murat Uzun von der Firma Proje Beyaz sagte der Zeitung: "Die Leute versuchen, sich ein Leben im Ausland zu kaufen." Die USA, Irland, Portugal, Griechenland, Malta und die baltischen Staaten seien besonders beliebt. Adnan Bozbey von der Firma Coldwell Banker ergänzte: "Die Leute fürchten, dass in der Türkei bald Zustände herrschen wie im Nahen Osten."

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