Türkisches Tagebuch (XIII)  "Sie werden sterben wie Kanalratten"

Unterstützer des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan schwenken die türkische Flagge auf Bosporus-Brücke in Istanbul.

(Foto: dpa)

Der türkische Wirtschaftsminister droht den Putschisten grausame Strafen an. Unterdessen begleichen einige Journalisten alte Rechnungen, anstatt ihren inhaftierten Kollegen zu Hilfe zu eilen.

Gastbeitrag von Yavuz Baydar

Aus den Worten von Nihat Zeybekçi, dem Wirtschaftsminister der Türkei, hallt die "totale Finsternis" wider, in die das Land gerissen wird. Als er sich in Denizli und Uşak an die Massen wandte, nahm er in Bezug auf die inhaftierten Putschisten kein Blatt vor den Mund: "Wir werden sie so hart bestrafen, dass sie flehen werden: ,Lasst uns sterben, damit wir erlöst werden!' Wir werden sie zwingen, uns anzuflehen. Wir werden sie in so tiefe Löcher werfen, dass sie kein Sonnenlicht mehr sehen, solange sie atmen. ,Tötet uns', werden sie uns anflehen. Selbst wenn wir sie hinrichteten, fände mein Herz keinen Frieden. Sie werden in zwei Quadratmeter großen Löchern sterben wie Kanalratten."

Türkisches Tagebuch

Yavuz Baydar ist kein Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, sondern ein türkischer Gastautor. Er wurde 1958 geboren und ist Journalist, Blogger und Mitgründer von P 24, einer unabhängigen Medienplattform in Istanbul. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Für die SZ schreibt er einen täglichen Gastbeitrag. Deutsch von Sofia Glasl.

Kemal Kılıçdaroğlu, Vorsitzender der kemalistischen Oppositionspartei, der CHP, ist in einer äußerst schwierigen Situation. Er hatte geschworen, Präsident Erdoğan nach dem Putsch niemals in seinem Palast zu besuchen. Nachdem er in den vergangenen Tagen mitansehen musste, wie brachial der Staat umstrukturiert wird, sagte er nun der Hürriyet: "Drei bis vier Leute entscheiden alles allein, und wir sprechen von Entscheidungen, die noch weit über den Ausnahmezustand hinausreichen. Das Parlament wäre hierfür eigentlich die Instanz. Was momentan geschieht, ist inakzeptabel. Man kann einen Staat nicht unter der Begründung eines Putschversuchs komplett umgestalten, indem man alle sozialen Gruppen ausschließt, die sich diesem Putsch widersetzt haben."

Niemand weiß genau, was Erdoğan mit der Türkei im Sinn hat

Der springende Punkt dabei ist, dass die Opposition als Ganze der AKP gegenüber ziemlich hilflos und zersprengt ist. Erdoğan hat das Sagen und niemand weiß genau, was er mit der Türkei im Sinn hat.

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Selbst der eine vermeintliche Silberstreif am Horizont hat sich mittlerweile eingedunkelt: Vor zwei Tagen erklärte Erdoğan, dass er alle Beleidigungsklagen fallen lassen werde, aber dann teilten seine Anwälte mit, dass davon alle Fälle ausgenommen seien, die von der prokurdischen HDP ausgegangen waren. Das gesamte politische Lager der Kurden, das sich ohnehin schon lange unbehaglich fühlt, wurde außerdem von der Neuigkeit überrascht, dass in Erzurum mindestens 65 Lokalpolitiker der HDP verhaftet und unter Arrest gestellt wurden.

Druck spüren auch die Verteidiger. Quellen der Anwaltskammer zufolge wurden mindestens 76 Anwälte verhaftet, andere, die angebliche Gülenisten vertreten sollten, weigern sich, die Fälle zu übernehmen oder haben ihr Mandat niedergelegt. Das wird sich auch auf die Fälle vieler verhafteter Journalisten auswirken. Menschenrechtsorganisationen arbeiten unterdessen mit Hochdruck daran, überhaupt nur deren Aufenthaltsorte und Gesundheitszustand in Erfahrung zu bringen.

Ein clash of values ist klar abzusehen

Einige Journalisten scheinen Schadenfreude über die Verhaftung ihrer Kollegen zu empfinden und begleichen öffentlich uralte Rechnungen, statt die basalen Rechte ihres Berufsstandes zu verteidigen. Der Journalist Ahmet Altan ist erzürnt über die kollegiale Gleichgültigkeit gegenüber der Inhaftierung des achtzigjährigen Autors Hilmi Yavuz, und des in Handschellen abgeführten Professor Şahin Alpay. Altan schrieb einen herzzerreißenden Artikel auf der Seite P 24, in dem er die Unmenschlichkeit in der Türkei beklagt: "Wie kann diese Gesellschaft es zulassen, dass ein achtzigjähriger Schriftsteller polizeilichen Verhören ausgesetzt wird?", fragt er. "Ich habe die Fotos gesehen. Şahin Alpay waren die Hände auf den Rücken gefesselt. Ein 72 Jahre alter Mann, dessen ganzes Leben vom Kampf gegen die Putsche geprägt, dessen Leben immer der Demokratie gewidmet war. Seid ihr stolz darauf?"

Altan hat recht, denn ein Gutteil der türkischen Medien waren, statt Alpay und Yavuz zu Hilfe zu eilen, damit beschäftigt, die westlichen Medien zu attackieren - ähnlich wie in den Tagen nach dem Putsch vom 12. September 1980. "Die westlichen Medien verstehen die Vorgänge falsch", so der Tenor ihrer Attacken. Die Verwirrung und Animositäten werden lange anhalten. Ein clash of values ist klar abzusehen.

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