Türkische Chronik (XXIII) Die Evolutionstheorie wird aus den gymnasialen Lehrplänen gestrichen

Vergeblich. Die AKP regiert heute, als existiere das europäische Gericht nicht. Jedes Mal gelangt die gleiche, offizielle, automatische Antwort von der staatlichen Einrichtung zur Verwaltung religiöser Angelegenheiten, Diyanet, nach Straßburg: Der Europäische Gerichtshof sei nicht imstande, den türkischen Umgang mit Bildung angemessen zu "verstehen". Kurz gesagt: Die Türkei ignoriert den EGMR routiniert, eine Streitfrage, die ungeklärt bleiben wird.

Die jüngsten Änderungen in den türkischen Lehrplänen haben mich deshalb kaum überrascht. Mit den Ankündigungen des Bildungsministers Ismet Yılmaz hat der Rückwärtstrend neue Fahrt aufgenommen. Das neue Maßnahmenpaket, das nächsten Monat in Kraft treten wird, enthält Passagen in Religionsbüchern, die Begriffe wie "Säkularismus", "Positivismus", "Wiedergeburt", "Nihilismus" und "Atheismus" unter dem Überbegriff "problematische Überzeugungen" versammeln und als "Krankheiten" bezeichnen.

In religiösen höheren Schulen, sogenannten "İmam Hatip"-Schulen, wurde der "Dschihad", der heilige Krieg, in die Schulbücher aufgenommen, in einem Kapitel, das mit "Kampf auf dem Weg Allahs: Dschihad" übertitelt ist. In diesen Schulen wurde der Arabischunterricht als verpflichtend eingeführt. Der am tiefsten greifende Eingriff ist aber die Streichung der Evolutionstheorie aus den gymnasialen Lehrplänen.

Auch die Namen der Gründerväter der Republik wurden radikal "überarbeitet". Die Schüler werden nichts über İsmet İnönü lernen, Atatürks Nachfolger. Es ist zu einem großen Teil sein Verdienst, dass die Türkei bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges neutral geblieben ist. Mit ihm verschwindet auch Atatürk selbst immer mehr aus den Lehrplänen, reduziert auf das Allernötigste.

Der Minister spielte diese Maßnahmen herunter, er sagte, es handele sich nur um einen Entwurf, offen für spätere Anpassungen. Das Misstrauen der Opposition gegenüber der Regierung sitzt inzwischen aber so tief, dass diese es für selbstverständlich hält, dass ihre Einwände ignoriert werden. Die Abwesenheit unabhängiger Medien hilft der offenen Debatte nicht.

Sogar moderate Islam-Vertreter warnen, das Schulsystem werde "von Salafismus beschlagnahmt"

Kürzlich kritisierte ein Experte des anatolischen Islam die Veränderungen. Er argumentierte, dass viele Vertreter des islamischen Klerus die Evolutionstheorie unterstützten, und kam zu dem Schluss, dass "das türkische Schulsystem jetzt von Salafisten beschlagnahmt" wird: "Was sie tun, ist nichts anderes, als den Salafismus zu implementieren, eine Lehre, die sie in Syrien gleichzeitig bekämpfen", sagte er. "Sie zerstören damit nicht nur den Säkularismus, sondern auch noch den Islam selbst."

Mir bleibt nicht viel mehr, als zu klagen - voller Wehmut gegenüber der alten Zeit, in der wir als Schüler trotz Elend und Armut freie Entscheidungen treffen konnten. Das wird bald endgültig vorbei sein, dies ist nur ein Todeskampf.

Der Autor, geboren 1956, ist Journalist, Blogger und Träger des European Press Prize. Er hält sich derzeit außerhalb der Türkei auf. Deutsch von Julia Niemann.

Türkisches Tagebuch