Tragikomödie Der Maskenmann

Sich einmal selbst auf der großen Leinwand sehen! Greg Sestero (Dave Franco, l.) und Tommy Wiseau (James Franco) bei der Premiere ihres Machwerks.

(Foto: Warner)

Tommy, wieso? In "The Disaster Artist" rekonstruiert James Franco die Entstehung des legendären Trashfilms "The Room" - und die bizarren Eskapaden von dessen Schöpfer Tommy Wiseau.

Von Philipp Stadelmaier

Im Jahr 2003 kam ein Film auf die Erde, der aussah, als hätte ein Alien ihn gemacht, das dazu jedoch weder die Menschheit noch die Kunst des Filmemachens besonders eingehend studiert zu haben schien. Der Film hieß "The Room", der Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Tommy Wiseau, und das Ganze galt schnell als ziemliche Katastrophe.

In "The Room" spielt Wiseau einen Typen, der alles hat: einen guten Job, eine blonde Verlobte, einen Adoptivsohn und einen besten Freund. Aber seine Verlobte und sein bester Freund betrügen ihn hinter seinem Rücken - und das macht ihn fertig. Erzählt man das so, hört es sich noch einigermaßen plausibel an, aber man muss den Film sehen, um zu begreifen, wie bizarr er ist. Das liegt erst mal an Wiseaus Darstellung. Immer wieder beißt er die Zähne zusammen, stöhnt wie ein verwundeter Wolf und spricht Sätze wie "Du reißt mich auseinander, Lisa!" oder "Verstehst du das Leben?", als hätte er ärgste Zahnschmerzen. Irre ist auch die schiere Zusammenhangslosigkeit der Handlung. "Ich habe Brustkrebs", gesteht einmal eine Person, was weder in diesem Moment noch in der Folge jemals wieder eine Rolle spielt. Mal spielt alles auf einer Dachterrasse, mal in einem Apartment, in dem die Leute ein und aus gehen, als hätten sie vergessen, wo sie wohnen. Dafür gibt es gefühlt alle fünf Minuten eine Sexszene mit viel Kerzenschein, Rosen und Schnulzenmusik. Der Film hat sechs Millionen Dollar gekostet und knapp zweitausend Dollar eingespielt. Unter Trashfans hat er mittlerweile Kultstatus - als "bester schlechtester Film aller Zeiten". Einer dieser Fans ist James Franco. Der hat nun "The Disaster Artist" gedreht, einen Film über die Dreharbeiten zu "The Room", und Wiseau selbst verkörpert. Dafür gewann er bei den diesjährigen Golden Globes, wo er sich auch als Unterstützer der feministischen "Time's Up"-Bewegung präsentierte, den Preis für den besten Hauptdarsteller.

Seither ist Franco allerdings mit öffentlichen Vorwürfen konfrontiert, er habe in seinen Frauenbeziehungen selbst seine Macht ausgespielt und Fehlverhalten gezeigt, dazu Darstellerinnen bei Nacktszenen sehr schlecht bezahlt und somit ausgebeutet. Franco streitet die Vorwürfe ab, sie könnten ihn aber eine Oscarnominierung gekostet haben. Prüft man "The Disaster Artist" auf feministisches Bewusstsein, scheint sich Franco der entscheidenden Fragen allerdings sehr bewusst zu sein.

So rückt er etwa Tommy Wiseaus absurden Sexismus in den Fokus. Schon in "The Room" werden Frauen zum Beispiel als "entweder zu clever, zu dumm oder einfach nur teuflisch" charakterisiert. Beim Dreh einer der tausend Sexszenen entdeckt Wiseau auf der Schulter der Schauspielerin einen Pickel und schreit zur Maskenbildnerin: "Reparier diesen widerlichen Körper!", um später dann so seltsam auf seiner Partnerin zu liegen, dass man sich fragt: Weiß er überhaupt, wo ihre Vagina ist? Dann drehen sie die Szene, in der Wiseau in seiner Rolle von einer zusammengeschlagenen Frau hört und laut auflacht. Das Team versucht ihm klarzumachen, dass Lachen vielleicht nicht die passende Reaktion ist, aber beim nächsten Take reagiert Wiseau genau gleich. Liebe, Sex, Frauen - Franco spielt Wiseau als jemanden, der mit diesen Worten kaum etwas anfangen kann, aber irgendeine Bedeutung in ihnen wittert und aus unerfindlichen Gründen besessen von der Idee ist, einen Film über sie zu drehen.

Der Film zeigt zwei absolute Loser, die hartnäckig ihren Traum vom Kino verfolgen

Seinen Humor zieht der Film eher aus der Idee eines Buddy-Movies, das an einer Schauspielschule in San Francisco Ende der Neunzigerjahre beginnt. Ein Herr in einem Gewand à la Napoleon stürmt auf die Bühne, klettert an einer Bühnenleiter hoch, kullert über den Boden und stöhnt dabei so sehr, dass man auch hier sogleich wieder an Zahnschmerzen denken muss. Es ist Tommy Wiseau, mit zotteligen schwarzen Haaren und Augen, die er kaum offen halten kann - als Schauspieler ein Desaster. Aber er fällt einem anderen Mitglied der Klasse auf, Greg Sestero (gespielt von Francos Bruder Dave) - jung, blond, gut aussehend, aber extrem unsicher. Wiseau und Sestero träumen beide davon, groß rauszukommen. Nun hat Wiseau Geld und schlägt Sestero vor, mit ihm nach Los Angeles zu ziehen. L. A. aber stellt sich als hartes Pflaster heraus, und so beschließt Wiseau, seinen eigenen Film zu machen, mit sich selbst und seinem Kumpel in den Hauptrollen: "The Room".

"The Disaster Artist" basiert auf einem Buch, das Sestero später über die Dreharbeiten geschrieben hat, und darin geht es tatsächlich um Freundschaft. Etwa in einer der komischsten Sequenzen des Films, in der wiederum eine der legendärsten Szenen von "The Room" gedreht wird. Wiseau kommt auf die Dachterrasse und klagt: "Ich habe sie nicht geschlagen. Es ist nicht wahr. Es ist Schwachsinn. Ich habe sie nicht geschlagen" (es geht um seine Verlobte), um schließlich eine Plastikflasche auf den Boden zu pfeffern und aus heiterem Himmel seinen Kumpel zu begrüßen ("Oh, hi Mark!") der wohl irgendwie auch schon dort gewesen sein musste. Bei Franco ist Wiseau so nervös, dass er immer wieder seinen Dialog vergisst und die Szene unendlich oft wiederholt werden muss, bis Sestero auf die Idee kommt, ihm die Flasche zu geben - und siehe da, die Sache ist im Kasten und das Team vor Freude aus dem Häuschen.

Schön ist, dass der Film das Mysterium des Tommy Wiseau nicht völlig auflöst. Bis heute kennt niemand sein genaues Geburtsdatum, seine Herkunft (man vermutet Osteuropa) oder den Ursprung seines Vermögens. James Franco zeigt auf berührende Weise, dass Wiseau vielleicht nicht einmal selbst weiß, wer er ist. Franco imitiert ihn bis zur Perfektion, ohne sich über ihn lustig zu machen. Dadurch zeigt er, dass der echte Wiseau mit seiner schleppenden Stimme und seiner gelähmten Miene selbst eine reine Maske ist. Wer wirklich hinter ihr lebt, das kann niemand wissen.

The Disaster Artist, USA 2017 - Regie: James Franco. Buch: Scott Neustadter, Michael H. Weber, Greg Sestero, Tom Bissell. Kamera: Brandon Trost. Mit James Franco, Dave Franco. Warner Bros., 106 Min.