Theater Und hinter tausend Affen keine Welt

Johannes Benecke und Martin Kloepfer (stehend) im Finalbad.

(Foto: Ana Lukenda)

Ein bunter Marx-Abend am Schauspiel Köln endet im Bad, aber lässt die Bäume wieder in den Himmel wachsen.

Von Martin Krumbholz

In ihrer "Deutschen Ideologie" notierten Friedrich Engels und Karl Marx, in der zukünftigen Gesellschaft müsse es jedem möglich sein, heute dies, morgen jenes zu tun; morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, nach dem Essen zu kritisieren, wozu man Lust habe, ohne Jäger, Fischer oder Kritiker zu werden. Daran denkt man, wenn man der freien Performergruppe "Subbotnik" bei der Arbeit zusieht. Je entspannter man eine Arbeit betreibt, desto besser mag sie gelingen. Prompt legen sich einige der Mitwirkenden gegen Ende des Abends halb nackt in ein in den Bühnenboden eingelassenes Badewasser.

Hätte Karl Marx, der in diesen Tagen seinen 200. Geburtstag feiert und dem der Abend "Wir sind Affen eines kalten Gottes" gewidmet ist, seine Freude daran gehabt? Womöglich. Das Künstlerkollektiv Subbotnik, das im Kern aus Kornelius Heidebrecht, Martin Kloepfer und Oleg Zhukov besteht, zeichnet sich durch eine eigenwillige Mischung der Genres aus: eine ordentliche Portion Diskurs, gerne mit Hilfe eines Overheadprojektors, recht viel Musik (Bläser, Trommeln, Vibrafon, Tasteninstrumente), der Rest sind autobiografische Monologe, eher lose gebunden ans Hauptthema. So auch hier, Subbotnik gastiert am Schauspiel Köln, in der "Außenspielstätte" am Offenbachplatz.

Marx? Keine 30 Jahre nach dem vermeintlichen "Ende der Geschichte" ist er in aller Munde. Der Philosoph Oskar Negt meinte sogar, es liege eine Ironie darin, dass das Kapital heute zum ersten Mal genau so funktioniere, wie Marx es im "Kapital" beschrieben habe. Die Subbotnik-Leute haben sich vorgenommen, das kapitale Werk an einem Abend zu erklären; dann aber bescheiden sie sich mit dem ersten Band (800 Seiten). Schließlich läuft es aber auf eine Untersuchung des Fetischcharakters der Ware hinaus, und die gerät immerhin hübsch anschaulich. Um zu zeigen, wie ein einfacher Tisch sich aus einem materiellen Ding in etwas "Sinnlich-Übersinnliches" verwandelt, wenn er zur Ware wird, lässt man den Tisch wie von Zauberhand schweben! Okay, Marx und Engels hatten es in ihrer bildkräftigen Sprache schließlich auch oft mit Gespenstern.

Viel ernster wird es an diesem Abend nicht. Das ästhetische Prinzip von Subbotnik ist die Abschweifung, mit der man sich in bester literarischer Gesellschaft befindet ("Tristram Shandy"!). Die Abschweifung ist sogar der eigentliche Protagonist der Performance, denn so etwas wie Hauptdarsteller kennt das streng demokratisch organisierte Kollektiv nicht. Jeder nach seinen Bedürfnissen! Und wenn etwa Kornelius Heidebrecht das Bedürfnis (und natürlich die Fähigkeit!) hat, ab- und ausschweifend von seiner Hammondorgel "Orla" zu erzählen, eine Liebesgeschichte der speziellen Art, dann ist die entscheidende Frage wohl die, ob die Produktivkräfte dieses künstlichen Geräts mit den manuell erzeugten Tönen klassischer Instrumente konkurrieren können - und dürfen? Vielleicht ja, vielleicht auch nicht. Fragen sind hier wichtiger als Antworten, alte Moden sind ja auch besser als neue. Am Schluss, und auch das ist wunderhübsch anzusehen, wachsen Bäume aus dem Bühnenboden - bis hinauf in den Himmel. Es muss sich wohl um ein paar Bäume der Erkenntnis handeln.