Theater Tod eines Sauriers

Komm in den totgesagten Vergnügungspark: Die Bühne von Anna Viebrock spielt auf den einstigen DDR-Spreepark Plänterwald an.

(Foto: Walter Mair)

Das sind sie schon gewesen, die besseren Tage: Christoph Marthalers Abend "Hallelujah (Ein Reservat)" an der Berliner Volksbühne nimmt bereits deren Ende vorweg. Traurig.

Von Peter Laudenbach

Als wollte er das immer wieder zu hörende Gemäkel beantworten, die Berliner Volksbühne und seine eigenen Regiekünste wiederholten sich nur noch, drehten sich schon lange im Kreis und seien Dinosaurier aus einer anderen Zeit, hat der Regisseur Christoph Marthaler die Vorwürfe einfach zu Stilmitteln seiner neuen Inszenierung gemacht: Die Szenen-Wiederholungen, die sich im Kreis drehende Bühne - und natürlich den Dinosaurier. Das Tier liegt groß, grau und aus Plastik auf dem Boden, als wollte er das berühmte Sauriersterben nachstellen, oder, wie man heute in trendbewussten Theaterkreisen sagt, re-enacten.

Bei dem Miniatur-Tyrannosaurus handelt es sich um das auf Bühnenmaß geschrumpfte Double eines anderen Berliner Plastik-Sauriers. Als Überbleibsel eines zu DDR-Zeiten sehr beliebten, mittlerweile längst bankrotten Vergnügungsparks, dem Spreepark Plänterwald, fristet er seit vielen Jahren halb zugewuchert von Unkraut sein überflüssiges Dasein in schönster Ruinen-Romantik. Es sieht aus, als würde die Berliner Volksbühne, der schönste Theater-Dinosaurier der Welt, an diesem Abend mit dem insolventen Spreepark fusionieren - Modernisierungsverlierer unter sich. Die illusionslose Bühne stammt selbstverständlich von Anna Viebrock.

Natürlich kann man Marthalers Inszenierung "Halleluja (Ein Reservat)" als sehr trocken melancholischen, entschlossen unsentimentalen Abschiedsgruß an die Ära von Frank Castorf verstehen, anderthalb Jahre vor ihrem Aus, und 23 Jahre nachdem Marthaler hier mit "Murx den Europäer!" Theatergeschichte geschrieben und seine Bühnenästhetik ausformuliert hat.

Man begrüßt sich mit einem freudlosen "Freizeit!", so wie andere mittags "Mahlzeit!" rufen

Marthalers "Hallelujah"-Inszenierung wird von lauter übrig gebliebenen Spreepark-Bewohnern bevölkert - wie eine Art Endlager für schrullige Eigenbrötler auf der Flucht vor der Realität des neuen Berlins. Es ist das übliche Marthaler-Personal der aus der Zeit gefallenen Kleinbürger und Verlierer mit ihren etwas zu bunten Blousons, altmodischen Glitzerkleidern, hochtoupierten Frisuren und Cowboystiefeln. Eine Verehrerin der "echten Hopi-Indianer" (Olivia Grigolli) findet zwar auch hier keine Ureinwohner, berichtet aber gerne von ihrer Liebe zu den schönen Wilden. Dean Reed, ein in der DDR einst weltberühmter Country-Musiker (Clemens Sienknecht), gibt den Animateur im Dienst des Klassenkampfes. Realsozialistische Tanzabende müssen sehr freudlose Angelegenheiten gewesen sein. Ein aus dem Leim gegangener Western-Fan (Marc Bodnar) gibt Passagen aus der Autobiografie von Pierre Brice zum besten und entblößt im Herren-Striptease seinen Bierbauch - ein Indianer kennt keinen Schmerz. Und die hinreißend entrückte Dauerkartenbesitzerin (Lilith Stangenberg) hat sowieso vor langer Zeit schon beschlossen, dass der Vergnügungspark die beste aller Welten ist, daran ändert auch seine Pleite nichts.

Weil im stillgelegten Freizeitpark das Amüsement (oder das, was davon noch übrig ist) den zwar tristen, aber einzigen Lebenszweck bildet, begrüßen sich die arbeitslosen Vergnügungsdienstleister mit einem freudlosen "Freizeit!", wie sich andernorts Werktätige auf dem Weg zur Kantine mit dem täglichen "Mahlzeit!"-Mantra anraunzen. Die Spaßgesellschaft war auch schon mal lustiger. Zwischendurch geben abgehalfterte Country-Musiker stoisch ihre Sangeskünste zum Besten - mit Evergreens von Bob Nolan, Taylor James, Hank Williams oder den Eagles. Noch so eine gegen alle Innovationsschübe resistente Kunstgattung, die die Zumutungen der Gegenwart unbeeindruckt an sich abperlen lässt. Das ist spätestens dann, wenn Katja Holm als derb österreichischer Dolly-Parton-Verschnitt Nashville-Glamour übergangslos mit Jodelkünsten verbindet, von durchschlagender Wirkung.

Die Insassen dieses wegrationalisierten Reservats trauern den alten Zeiten nach

Wie unter Wiederholungszwang variieren die Parkbewohner ihre leer laufenden Spiele - irgendwie muss man die eigene Lebenszeit ja totschlagen. Also stellen sie vor dem weißen Kassenhäuschen in einer unaufgeregten Choreografie der Umständlichkeit Absperrgitter auf, als müssten sie ihr Reservat vor dem Ansturm der Vergnügungssüchtigen schützen. Weil die natürlich nicht kommen, reihen sich die ordnungsliebenden Rummelplatzbewohner selber in die Warteschlange ein. Es ist das einzige Vergnügen, das der abgewickelte Vergnügungspark noch zu bieten hat. Das Wasserbassin auf der Vorderbühne ist ausgetrocknet. Nur einige weiße Plastikstühle vergammeln darin - kleine Hommage an den verstorbenen Volksbühnen-Ausstatter Bert Neumann, der seine Bühnen über viele Jahre gerne mit Plastikstühlen vollrümpelte. Sämtliche Attraktionen, auch die "Chinese Dragon Achterbahn", sind längst abgebaut. Aber ein ehemaliger Fahrgerätespezialist (der verschrobene Anarcho-Komiker und Marthaler-Veteran Ueli Jäggi) erklärt gerne sehr, sehr ausführlich, was hier mal für tolle Technik stand. So ähnlich werden, wie es aussieht, in ein paar Jahren lauter ehemalige Theaterkritiker den Nachgeborenen (oder notfalls nur sich selbst) erzählen, was für ein grandioses Theater die Volksbühne mal war. Bis es soweit ist, spielen die Vergnügungspark-Insassen schon mal die Zeit nach der Wegrationalisierung des eigenen Biotops durch.

Nicht nur die resolute Dame im Kassenhäuschen (Hildegard Alex) sieht aus, als hätte sie die besten Jahrzehnte ihres Lebens hier verbracht. Sie wundert sich immer noch darüber, dass plötzlich alles vorbei war: "Der Park sei zu, hieß es auf einmal. Da habe ich mich immer gefragt: Warum denn das? Der war auf einmal zu!" Am Ende steht sehr verloren ein Tanzbär auf der Bühne und schaut ratlos ins Publikum.