Theater Sorry, Freunde

Pleite-Griechen oder deutsche Urlauber? Ein Griechenland-Drama voller Missverständnisse im Hebbel-Theater.

(Foto: Baltzer)

"Graecomania 200 years" - eine recht nüchterne Geschichtsstunde über die Griechen und ihre Deutschen im Berliner Hebbel-Theater.

Von Mounia Meiborg

Zu Beginn rekeln sich die Schauspieler in blau-weiß-gestreiften Liegestühlen. Die Sonne scheint, von irgendwo kommt Musik, und das Leben scheint eine gute Sache zu sein. Griechenland ist ein Sehnsuchtsort; das "Land, wo die Sonne länger Urlaub macht", wie es in schönster Reisekatalog-Sprache heißt. Einerseits. Andererseits: Vielleicht sind das gar keine deutschen Urlauber auf den Liegestühlen? Vielleicht sind das Einheimische? "Faule Hellenen" also und "Pleite-Griechen", wie es in schönster Bild-Zeitungssprache heißt.

Der Theatermacher Hans-Werner Kroesinger hat am Berliner Hebbel-Theater die deutsch-griechischen Beziehungen untersucht. In einem großen historischen Bogen zeigt er, wie nah Verklärung und Vorurteile beieinander liegen. "Graecomania 200 years" erzählt von deutschen Kämpfern, die 1821 enthusiastisch in den griechischen Unabhängigkeitskrieg ziehen. Von deutschen Wehrmachtsoldaten, die die griechische Bevölkerung während der Besatzung 1941 bis 1944 systematisch aushungern. Und von der griechischen Schuldenkrise und der deutschen Sparpolitik, die die Beziehungen zuletzt auf einen neuen Tiefpunkt gebracht haben.

Viel Stoff also. Aber Kroesinger und die Dramaturgin Regine Dura erzählen ihn mit leichter Hand. Vier Schauspieler sprechen Texte von Zeitzeugen, Historikern und Journalisten. Es ist eine Geschichte von Täuschungen, Selbsttäuschungen und Enttäuschungen - ein Panorama kultureller Missverständnisse: zum Beispiel die Soldaten, die 1822 nach Griechenland aufbrechen, um den "christlichen Brüdern" im Kampf gegen die Osmanen zu helfen, hoch motiviert und mit Homers "Ilias" im Gepäck. Schon bald klagen sie über Hitze und vermissen deutschen Kaffee. Bewunderung schlägt in Verachtung um - ein Motiv, das sich durch die Geschichte zieht.

Mila Dargies, Niels Heuser, Sina Martens und Lajos Talamonti performen virtuos in ständig wechselnden Funktionen. Mal spielt Talamonti in eitler Pose den bayrischen König Otto, der Griechenland von 1832 an regiert und die anderen geben das bayerische Volk. Mal berichten alle vom Schriftsteller Erhart Kästner, der in den 1940ern im Auftrag der NSDAP nach Griechenland kommt. Seine verklärten Schilderungen antiker Bauwerke und "kupferbraun gebrannter Körper" waren noch in den 70ern ein Standardwerk für Griechenland-Touristen. Und immer wieder halten die vier Schauspieler inne, um ein Lied anzustimmen.

Mit einfachen Mitteln werden Bilder erzeugt. Aus einem Haufen grauer Tresore formen die Darsteller ein Euro-Zeichen. In Dauerschleife werden Geldscheine gedruckt. Und Hunderte Münzen prasseln in einen Eimer, wenn von gigantischen Geldsummen die Rede ist. Das ist mehr Action, als man von Hans-Werner Kroesinger, dem gründlichen und puristischen Recherchetheatermacher, gewohnt ist. In anderen Inszenierungen bestand die Hauptaufgabe der Schauspieler schon mal darin, Akten von links nach rechts zu tragen. Aber auch diese großen Bilder machen nicht ganz glücklich. Sie illustrieren den Text nur. Immerhin mit den Videos gelingt manchmal eine zweite Ebene. Zum Beispiel, wenn von "Traumstränden" die Rede ist und Flüchtlingsboote zu sehen sind.

Die Sprache ist über weite Strecken arg nüchtern. Das bleibt nicht aus, wenn man aus Kabinettssitzungen, Politiker-Reden und Zeitungs-Analysen zitiert. Aber es wird zum theatralischen Problem. Denn die Texte lassen sich nur schwer gestalten. Die Sprache hat keinen Rhythmus. Sie fließt im immer gleichen, bürokratischen Duktus dahin.

Szenisch wäre also noch Luft nach oben gewesen. Inhaltlich aber ist dieser Abend in seiner Präzision, Vielschichtigkeit und Unaufgeregtheit ein Glücksfall: eine packende Geschichtslektion für Anfänger und Fortgeschrittene.