Theater "Salome"

(Foto: Birgit Hupfeld)

Oscar Wildes Stück in der Bearbeitung von Einar Schleef wird am Schauspiel Stuttgart zu einer raffinierten Video-Sound-Komposition.

Von Adrienne Braun

Einen Moment lang hängen schwere Fettpolster an ihrem Leib, dann ist Salome wieder schlank und rank, bis, hoppla, die Frau zum Manne wird. Zahllose Leiber scheinen unter den Schleiern der Salome verborgen zu sein, für jeden Gusto etwas. In der Bibel wird Salome, die für ihren Tanz den Kopf des Johannes forderte, mit keinem Wort erwähnt - eine Leerstelle, die Autoren und Maler mit abgründigem Begehren füllten. Auch die Salome, die sich im Stuttgarter Schauspielhaus wiegt und wogt, verschwindet hinter Fotografien, die auf ihr Gewand geworfen werden - Projektionsfläche. Der Regisseur Sebastian Baumgarten hat "Salome" multimedial aufbereitet. Selbst wenn es in der Textfassung nach Oscar Wilde und Einar Schleef heißt, es werde "nur geredet ... Alles in Sprache verlegt", übernehmen hier Videos (Philip Bußmann) und Musik zentrale Motive in einer vielstimmigen Komposition. Raffiniert grätschen die Sounds von Jörg Follert in die Dialoge. Ob bedrohliches Sirren oder opulente Filmmusik, die Klänge greifen ein als höhere Instanz, die mahnt, droht, richtet.

Wie beim Techno-Rave wummert es im Palast des Herodes, dessen Familie ein Leben zwischen Ekstase, Streit und Wahnsinn führt. Astrid Meyerfeldt speit als Herodias ihre Boshaftigkeit nicht nur heraus, sondern tanzt ihre Monologe förmlich, die Arme als Waffen. Julischka Eichels Salome ist dagegen eine verzogene Göre ohne Sinn und Verstand, die nichts als provozieren will. Wenn aber Johannes der Täufer (Paul Grill) aus der Jauchegrube heraus spricht, ist eine stärkere Macht am Werk - und die Gerölllandschaft vor dem Palast beginnt durch zitternde Videoprojektionen effektvoll zu beben. Während der Text sich mitunter in kryptischen Diskursen verliert und Baumgarten bei der Personenführung zu oft auf enervierendes Schreien setzt, meistern Musik und Video ihre Rollen meisterhaft. "Hörst du das Rauschen in der Luft?", heißt es einmal, "das ist der Engel des Todes." Am Ende fegt die Video-Sound-Komposition die elenden Kreaturen kurzerhand von der Bühne. Der Palast versinkt im Boden, und Millionen Sternlein glitzern versöhnlich im Universum.