Theater Ödipus im Kongo

Deutsche Kümmerfrauen: Ursina Ladi als NGO-Mitarbeiterin, die Todesschreie mit Beethoven übertönt.

(Foto: Daniel Seiffert)

"Ich profitiere von der Ungerechtigkeit der Welt! Ich bin ein Arschloch!" Milo Rau gelingt mit "Mitleid" eine beeindruckende Inszenierung an der Berliner Schaubühne.

Von Mounia Meiborg

Das Theater ist für Milo Rau nur eine von vielen Bühnen. Viele Zeitungsartikel hat der Regisseur in den letzten Wochen geschrieben. Er beklagt den "zynischen Humanismus", dem wir angeblich alle verfallen sind. Der geht etwa so: Wir engagieren uns für Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Und ignorieren die Millionen Kriegstoten im Kongo. Wir helfen dort, wo es uns nichts oder wenig kostet, schnell das Gewissen erleichtert und maximalen Beifall bringt: Mitleid in Zeiten des Kapitalismus.

Milo Rau fordert dagegen einen "globalen Realismus", der keine Grenzen hat. Der erste Schritt dorthin sei, sich die eigene Unzulänglichkeit klarzumachen, schrieb Rau in der Schweizer Sonntagszeitung. Sein erster Merksatz lautet: "Ich profitiere von der Ungerechtigkeit der Welt! Ich bin ein Arschloch!"

Diesen Erkenntnisprozess zeichnet sein Theaterabend an der Berliner Schaubühne nach. "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" ist nicht nur eine beeindruckende Reflexion über den Umgang mit dem Leid der Anderen. Es ist zugleich eine kritische Selbstbefragung des Theaters. Und hebt sich damit angenehm ab von all den etwas selbstgerechten Inszenierungen zu politischen Themen, egal ob von Volker Lösch, Falk Richter oder Hans-Werner Kroesinger.

Auf einer vollgemüllten Bühne steht die Schauspielerin Ursina Lardi. "Was ist die Situation?", fragt sie am Anfang und meint damit zugleich die Weltlage und den Theatermoment. Sie spielt im Grunde sich selbst: eine Schauspielerin, die sich nicht besonders für Politik interessiert, keine Zeitung liest und das Bild vom ertrunkenen Ailan noch nie gesehen hat, bis es ihr der Regisseur bei den Proben zeigt.

Zugleich spielt sie eine NGO-Mitarbeitern, die in Zentralafrika stationiert war. Sie erzählt, wie sie als 19-Jährige völlig unvorbereitet an die kongolesisch-ruandischen Grenze geschickt wurde. Wie sie die Todesschreie des Genozids mit Beethoven-Musik übertönte. Und wie sie Militärpfarrern Workshops in Friedenserziehung gab, mit Vulkansteinen und grünen Pflanzen.

Beschrieben wird die absurde Realität des peace business, das in den Krisengebieten der Welt zuhause ist. Junge Leute, die helfen wollen ("Der Kongo macht sich gut in jedem Lebenslauf") - und auf einer warmen Dusche bestehen. Flüchtlingslager, in denen Kinos und Musikstudios für die Täter eines Genozids gebaut werden. Und internationale Helfer, die verschwinden, sobald es gefährlich wird.

Immer wieder bricht der Rassismus aus dieser Frau hervor. Wenn sie von den "kleinen dicken Hutus" und den schlanken Tutsi ("wie Giacometti-Figuren") spricht. Wenn sie die Untertänigkeit, mit der man ihr begegnet, selbstverständlich findet. Und wenn sie mit einem abgeholzten Wald mehr Mitleid hat als mit den Menschen, die vor ihren Augen ermordet werden.

Es ist großartig, wie Ursina Lardi das spielt. Ihr es ist zu verdanken, das dieser Abend, an dem eigentlich nichts passiert - es gibt keine Szenen, nur Erzählungen - , zum verstörenden Ereignis wird. Virtuos oszilliert sie zwischen der feinsinnigen, etwas naiven Schauspielerin und der gescheiterten Helferin. Auf Videoleinwand ist dabei ihr Gesicht zu sehen: Wie sie sich lächelnd die Traumata vom Leib halten will. Wie sie eine kluge Analyse plötzlich in Selbstgerechtigkeit kippen lässt. Wie sie, die sonst so beherrscht ist, plötzlich an den unpassendsten Stellen Gefühle zeigt. Man hasst diese Frau zwischendurch. Und man versteht sie besser, als einem lieb ist.

Natürlich kann man in der blonden Frau im blauen Kleid auch Europa sehen. Einen Kontinent, der beim Versuch zu helfen zwischen Untätigkeit und panischem Aktionismus schwankt, sich in eigenen Interessen und postkolonialen Überlegenheitsphantasien verheddert. Am Ende pinkelt Ursina Lardi auf die Bühne - auf den Haufen von Plastikstühlen, Holzlatten, Müll, der aussieht, wie man sich als Europäer afrikanisches Chaos vorstellt.

Am Anfang erzählt die zweite Darstellerin, Consolate Sipérius, ihre Geschichte. Sie hat als Kind den Bürgerkrieg in Burundi überlebt und wurde von einer Familie in der belgischen Provinz adoptiert. Brav hält sie ihren Pass in die Kamera und die rosafarbene Unterhose, mit der sie nach Belgien kam. Der Authentizitätszwang, der in Teilen des dokumentarischen Theaters herrscht, wird hier auf die Spitze getrieben. Voyeurismus gibt es eben nicht nur auf RTL 2. Biografien werden - auf die eine oder andere Weise - im Theater ausgebeutet wie andernorts Rohstoffe.

Als "Aufklärungsdrama" will Milo Rau den Abend verstanden wissen. Er wiederholt Muster, um sie offenzulegen: Den Rassismus weißer Theatermacher, bei denen schwarze Darsteller oft als Zeugen ihrer eigenen Geschichte vorkommen und nicht als vollwertige Schauspieler. Mediale Erregungs-Reflexe, die so oft an der falschen Stelle einsetzen - meist dort wo gerade Fotografen sind. Den Zynismus, den wir uns angewöhnt haben. Man kann diese Praxis der Wiederholung kritisieren, wie es einige französische Journalisten bei der Vorpremiere in Rennes getan haben. Aber sie verfehlt ihre Wirkung nicht.

Der Text ist kunstvoll aus Interviews zusammenmontiert, die Milo Rau und sein Team mit NGO-Mitarbeitern geführt haben. Am Ende wird der Abend zur griechischen Tragödie. Der Mann, dem die Hilfsarbeiterin einst das Leben rettete, zwingt sie auf eine einheimische Mitarbeiterin zu pinkeln. Aus Opfern werden Täter. Aus einem Völkermord entsteht der nächste. Und die NGO-Mitarbeitern erkennt wie Ödipus ihre eigene Schuld. "Vor Ihnen, vor diesen Leuten, diesen Millionen Toten, diesen Millionen Vergewaltigten, diesen Menschen, die in diesem Augenblick, in dem ich spreche, zugrunde gehen, hier also zu weinen, das wär' das Allerletzte." Sagt Ursina Lardi. Und weint.