Theater In Sphären des Ungefähren

Der Regisseur Ersan Mondtag ist der Theater-Shootingstar des Jahres. Er erschafft befremdliche Bühnenwelten - wie zum Beispiel in Michel Decars "Schere Faust Papier" in Hamburg.

Von Jürgen Berger

Neandertaler im Gespräch. Einer hört ein Knirschen, der andere nicht. Sie könnten jetzt loslegen und Mammuts jagen, doch es sind keine Tiere, die da am Horizont auftauchen, sondern die ersten Acker- und Städtebauer. An diesem Theaterabend schreitet die Weltgeschichte etwas schneller voran als gewöhnlich. Aus den Urmenschen werden plötzlich griechische Krieger im Bauch des Trojanischen Pferdes, dann geht es in rasantem Tempo weiter in Richtung einer krisengeschüttelten Neuzeit: die Kreuzzüge und Jerusalem, die Französische und Russische Revolution, Indianer und Cowboys, die Nazis, der Zweite Weltkrieg und der Kalte Krieg, der Mauerfall und die westliche Welt nach dem vermeintlichen Ende aller Ideologien. All das rauscht in Michel Decars "Schere Faust Papier" vorbei, als seien die Jahrhunderte Ramschware auf der globalen Resterampe.

Decar, Jahrgang 1987, schreibt - oft zusammen mit dem Kollegen Jakob Nolte - Theaterstücke, denen eine gewisse dadaistische Unverbindlichkeit innewohnt. Das gilt auch für "Schere Faust Papier". Diesen in der Weltgeschichte marodierenden Text sollten Regisseurinnen und Regisseure beherzt anpacken, damit sie nicht gänzlich im Beliebigen landen. Was zum Beispiel sollen die ersten fünfzehn Seiten, auf denen Decar alles aufzählt, was an Figuren, Requisiten, Bühnenbildern, Kostümen, Geräuschen und Sonstigem in diversen Inszenierungen zum Einsatz kommen könnte?

In Hamburg, wo das Stück am Thalia Theater uraufgeführt wurde, hat der Regisseur Ersan Mondtag diese summarische Exposition kurzerhand gestrichen, um stattdessen mit einem grandiosen Bild einzusteigen: Es zeigt ein von Stanley Kubrick inspiriertes Universum, das aussieht, als sei die Perspektive der langen Eingangssequenz von "2001: A Space Odyssey" in den extraterrestrischen Raum verlegt worden. Fünf behaarte, mit elliptischen Köpfen, blutrot unterlaufenen Augen und Knochenauswüchsen verunstaltete Wesen geistern über eine Bühne, die mit geometrischen Erhebungen und Mulden ein unübersichtliches Marsgelände simuliert. Sind das Mutanten? Auf jeden Fall erinnern die Homunkuli an die Primatenhorde, die bei Kubrick die Macht des Stärkeren und die Kraft der Anbetung von Kultobjekten entdeckt. Bei Kubrick markiert eine aufgehende Sonne die spirituelle Menschheitsdämmerung, in Hamburg rotiert oben im Bühnenraum eine wunderschön ausgeleuchtete Erde.

Der Blaue Planet ist der kultische Gegenstand des Abends. Marie Löcker, Thomas Niehaus, Cathérine Seifert, Oda Thormeyer und Tilo Werner hoppeln, hüpfen und humpeln über die Bühne, sie grummeln, reden, singen und summen. Dann halten sie inne und beten mit hoch gereckten Spindelhänden den schimmernden Paradiesplaneten im All an. Ersan Mondtag ist in der Theaterszene selber ein Sonderling. Er erschafft fantasievolle Kunsträume, in denen er den Menschen derart verfremdet, dass der Zuschauer ihn wie eine seltene Spezies beobachtet. Schon bei seiner fast wortlosen Kasseler Inszenierung "Tyrannis", die zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde, war es dieser Befremdungseffekt, der zugleich faszinierte und irritierte.

Mondtag ist seither ein Shootingstar, wird von vielen Theatern umworben. Zuletzt hat er am Konzert-Theater Bern "Die Vernichtung" zur Uraufführung gebracht. In diesem Gesamtkunstwerk geht es um heutige Hedonisten, deren größtes Problem darin besteht, dass sie sich so erschöpfend alle Wünsche erfüllen können, bis sie ganz unglücklich sind. Für diesen Abend hat Mondtag nicht nur zusammen mit der Berliner Autorin Olga Bach den Text entwickelt, er war auch sein eigener Bühnen- und Kostümbildner. In Mondtags Garten Eden der ausgelaugten Moderne verschmelzen die Schauspieler in hautengen Nacktanzügen mit dem Paradiesgarten, in dem sie sich tummeln.

In Hamburg führte Mondtag jetzt "nur" Regie, für die Bühne war Paula Wellmann, für die außerirdischen Kostüme Josa Marx zuständig. Wie in Bern sind da seltsame Menschenwesen unterwegs in einem rätselhaften Raum mit Sogwirkung. Mit dem Text verhält sich das anders. Der entfaltet keinerlei Sog, der wirkt eher, als habe Michel Decar die Krabbelkiste seines Geschichtsstudiums ausgekippt und selbstvergessen mit historischen Bauklötzchen gespielt. Je länger sich das hinzieht, desto mehr verliert sich diese Weltgeschichtsreise in den Sphären des Ungefähren. Daraus kann sie auch Ersan Mondtag nicht erretten. Seine Inszenierung behauptet zwar konsequent einen eindrucksvollen Kosmos, bebildert letztlich aber nur die nicht ganz taufrische Erkenntnis, der Mensch sei ein Gewalttäter aus Langeweile und mache Geschichte, indem er erst handelt und dann nachdenkt.