Theater Die Walfängerinnen

Ein Ausflug in die Zeit, als Männer noch Männer und Frauen noch Frauen waren. Die Damen der Schauspielschule Zerboni fragen sich, wie sich das Töten anfühlt und lassen es dann doch lieber bleiben.

(Foto: Gila Sonderwald)

"Moby Dick", aufgeführt am Zentraltheater vom Nachwuchs aus der Schauspielschule Zerboni, hinterfragt überkommene Geschlechtermodelle

Von Egbert Tholl

Also, es geht um Hybris, Zerstörung, blinde Rache, Vernichtung von Natur und Ressourcen. "Könnte es sein, dass es sich hierbei um einen Männerroman handelt", fragt da gleich eine der sieben Darstellerinnen. Fragt sich, was ein Männerroman ist, vielleicht ist Melvilles "Moby Dick" einer. Zumindest geht es darin um eine Tätigkeit, die auf Frauen eine viel geringere Faszination als auf Männer ausübt, das Töten von Tieren. Ein Exempel, denn zunächst müssen noch ein paar ganz allgemeine Dinge geklärt werden. Sachen wie: Wie fühlt es sich an, nur nach vorne zu denken; wie fühlt sich die pure Lust am Siegen an; sind Männer, die mit vielen Frauen schlafen, auch heute noch Helden und umgekehrt Frauen, die viele Männer haben, Schlampen? Um das und ähnliche Fragen zu klären, müsse ein Beispiel her aus einer Zeit, in der Männer noch Männer und Frauen noch Frauen waren. Und deshalb spielen die sieben jungen Frauen auf der Bühne nun "Moby Dick". Auch wenn zum Beispiel Sex in dem Roman überhaupt nicht vorkommt.

Als der März dieses Jahres anbrach, eröffnete das Zentraltheater. Es befindet sich in den Räumen der Schauspielschule Zerboni in der Paul-Heyse-Straße 28, es wird auch von den Leitern der Schule, Simon Riggers und Sebastian Gerold, geführt, ist aber über einen eigenständigen Verein organisiert. Riggers will kein Theater als Präsentationsbühne seiner Schüler, er will etwas Eigenständiges erfinden und ist auf gutem Weg dahin, auch wenn die, die nun "Moby Dick" spielen, alle noch auf der Schule sind. In zwei Monaten sind sie fertig, und die meisten der Sieben, die nun auf Walfang gehen, müssen vorm Berufsleben keine Angst haben. Riggers sieht die Aufführung mit dem weiblichen Teil seiner Abschlussklasse als absolute Ausnahme an. Eröffnet wurde das Zentraltheater von gestandenen Schauspielern, so soll es auch weitergehen.

Aber freilich, die Ausnahme hat auch ihren ganz eigenen Reiz. Sie liegt am Anfang in der Verwunderung der jungen Damen, sich in der Regie von Ulf Goerke den Stoff aus fernen Zeiten aneignen zu müssen. Sie ziehen Männerkleidung an, spielen Männer, mit viel Witz und viel Selbstironie. Sie erzählen viel Wissenswertes über Wale, Walfang, den Beginn der Industrialisierung in Amerika, die das Walrat erleuchtete, als Öl für die Lampen. Und sie erzählen natürlich den Roman, mit der schwer lastenden Sprache Melvilles, mit viel ulkiger Körperlichkeit, die sie sich in den Proben am Abend aneigneten. Tagsüber Schule, abends Proben, Riggers ließ keinen Schlendrian beim Unterricht zu.

Mit mehr Zeit hätte man vermutlich den Darstellungen des Walfangs, der Imagination körperlicher Arbeit, mehr Inspiration mitgeben können, da fährt das Schiff, das man sich im Kopf vorstellen muss, schon ein wenig im Kreis. Aber die Sieben machen Freude mit ihrer jugendlichen Energie. Preise hätten sie schon alle erhalten, erzählt Riggers, Anuschka Tochtermann und Rosalie Schlagheck den Lore-Bronner-Preis als beste Nachwuchsdarstellerinnen von privaten Schauspielschulen in Bayern. Wenn man den beiden zuschaut, versteht man, warum.

Schließlich werden sie wieder zu Mädchen, und das Ende ist so schön wie der Beginn. Fasziniert berichten alle Sieben, die sich mitunter zu nicht immer gänzlich glückhaften Chören zusammenfinden, von der Begegnung mit einer Potwal-Herde, von Wal-Kühen und Jungtieren. Dann wird Moby Dick gesichtet, aber Ahabs Rache bleibt unerfüllt. Die Darstellerinnen legen die Männerkleidung ab, verlassen den Verbund der Mannschaft, haben keine Lust auf das Töten des Tieres, werden wieder zu Frauen. Subtil ist das nicht, schön indes schon.

Moby Dick, Do., 1. Juni, 20 Uhr, Zentraltheater, Paul-Heyse-Straße 28, 306 59 486